Ulm/Stuttgart / Von Carlos Ubina  Wie die Verantwortlichen des Fußball-Zweitligisten heute beurteilen, dass gegen Bielefeld noch vor vollen Rängen gespielt wurde. Von Carlos Ubina

Montagabend, Flutlicht und erwartungsfrohe 54 302 Zuschauer in der vollen Mercedes-Benz-Arena. So lässt sich der 9. März 2020 aus atmosphärischer Sicht für den VfB Stuttgart zusammenfassen. Zumindest noch ehe das Zweitliga-Spitzenspiel gegen Arminia Bielefeld (1:1) angepfiffen wurde. Es war im deutschen Profiligabetrieb das bislang letzte Fußballspiel, das vor Stadionbesuchern ausgetragen wurde.

Angesichts der fortschreitenden Corona-Krise taucht die Frage auf, ob es von den Verantwortlichen so schlau war, die Partie durchzuziehen. Schließlich hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn unmittelbar zuvor empfohlen, Veranstaltungen mit mehr als tausend Teilnehmern abzusagen. In Italien, wo die Pandemie immer größere Ausmaße annimmt, sprechen die Experten mittlerweile gar von der „Partita zero“ – dem Spiel null. In Mailand fand es statt, in der Champions League zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia. Das Aufeinandertreffen der Mannschaften und 44 236 Fans vom 19. Februar im San-Siro-Stadion gilt als tragischer Verstärker der Seuche.

Für das VfB-Spiel lässt sich das nicht behaupten. Die Partie in Bad Cannstatt ist nicht als Infektionsherd auszumachen. „Es liegen auf Grundlage der eingegangenen Meldedaten keine Hinweise auf Covid-19-Infektionen im Zusammenhang mit dem VfB-Spiel vom 9. März vor“, bestätigt das Landesgesundheitsamt. Thomas Hitzlsperger sagt: „Wir haben im Zusammenhang mit dem Spiel keine einsame Entscheidung getroffen.“

OB Kuhn steht zu Entscheidung

Am Morgen des Spieltags besprachen sich die Vertreter des städtischen Ordnungs- sowie Gesundheitsamts mit den Fachleuten des Sozialministeriums und des VfB. „Die entscheidende Frage, die sich uns gestellt hat, war: Was ist das Beste für die öffentliche Sicherheit?“, sagt Sven Matis, der Sprecher der Stadt Stuttgart. Eine Abwägungssache zwischen Sicherheits- und Gesundheitsaspekten – eine komplexe Sachlage. Letztlich hieß es: Anpfiff vor Zuschauern. Vor allem, weil es Bedenken gab, einen Großteil der Anhänger nicht mehr zu erreichen, ehe sie sich auf den Weg nach Stuttgart machten.

Das Szenario kurzfristig vor leeren Rängen spielen zu lassen, schreckte die Verantwortlichen. „Es wären voraussichtlich Abertausende Menschen auf engstem Raum vor dem Stadion zusammengestanden“, so Matis. Mit entsprechendem Aggressionspotenzial und erhöhter Ansteckungsgefahr. Stuttgarts OB Fritz Kuhn verteidigt die Haltung, das Gesundheitsrisiko für überschaubar eingestuft zu haben. „Zu dem Zeitpunkt war es noch erlaubt, es gab ja noch Fußballspiele. Man darf nicht vergessen: In der Corona-Krise kamen ständig neue Erkenntnisse hinzu“, sagt Kuhn: „Der schlimmste Fehler bislang war, dass Südtirol vom Robert-Koch-Institut zu spät zum Risikogebiet erklärt wurde.“

Zur Erinnerung: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha sprachen bei den Gegenmaßnahmen anfangs von Empfehlungen und Ratschlägen an die Bevölkerung. Mittlerweile gibt es von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Winfried Kretschmann klar verordnete Regeln. So hat sich vieles drastisch verändert.

Wie schnell die Behörden von der Realität eingeholt werden, zeigt sich gerade am Beispiel Bergamo. Im Vorfeld der Partie gegen den FC Valencia gab es keine Überlegungen, vor leeren Rängen zu spielen. Mehr als 40 000 Menschen kamen aus der 50 Kilometer entfernten Gegend von Bergamo nach Mailand. In überfüllten Zügen und per Auto. Der Massenkontakt in San Siro wirkte mit dem damit verbundenen Speichelflug in der Luft verheerend aus. Die Atalanta-Fans umarmten und küssten sich während des 4:1-Siegs ausgelassen. Virologen vermuten darin einen Grund für die extreme Ausbreitung des Virus rund um die norditalienische Provinzstadt.

In Stuttgart würde man die Lage heute anders bewerten als noch vor zweieinhalb Wochen am 9. März. „Zum Zeitpunkt des letzten VfB-Heimspiels vor Zuschauern war selbst den Experten die massive Art der Übertragbarkeit des Coronavirus so nicht bekannt. Mittlerweile ist man da klüger“, sagt Isolde Piechotowski, Referentin für Infektionsschutz im baden-württembergischen Gesundheitsministerium. Und die Stadt steht zu ihrer Entscheidung. „Sie fußte auf der aktuellen Faktenlage und hat Szenarien für den Abend abgewogen.“

Gomez hält sich mit seinem Hund fit

Ex-Nationalstürmer Mario Gomez hält sich während der Corona-Pause im Profifußball auch mit seinem Hund fit. Wie alle Spieler des VfB Stuttgart hat auch der 34-Jährige für die Zeit ohne Mannschaftstraining individuelle Pläne für zu Hause bekommen.

VfB-Mittelfeldspieler Philipp Förster verbringt einen Großteil der trainingsfreien Zeit in seinem alten Kinderzimmer. „Ich bin bei meinen Eltern in Bretten im alten Kinderzimmer“, berichtet der 25-Jährige. dpa