Die Interpretation der Protagonisten klang zunächst eigenwillig. VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo wollte bei der spielentscheidenden Szene in der 85. Minute kein „strukturelles Problem“ gesehen haben. Stattdessen sei nur das Umschaltverhalten nicht gut gewesen, was Borussia Dortmund noch den 2:1-Siegtreffer und dem VfB Stuttgart den späten Knockout bescherte. Nur „einen Moment“ sei man nach eigenem Ballverlust im gegnerischen Strafraum nicht voll da gewesen, ergänzte Sportdirektor Sven Mislintat und betonte: „Ich will den Jungs da keinen Vorwurf machen.“ Das Ende ist bekannt. Die Gastgeber sagten „Danke, VfB“ – und kamen per Hochgeschwindigkeits-Gegenstoß noch zum schmeichelhaften 2:1. Die Gäste waren bedient und standen am Ende ohne Punkte da.

Mal wieder. Was die Einlassungen von Pellegrino Matarazzo und Sven Mislintat zum Ausdruck bringen sollten, war Folgendes: Nein, das Abwehrverhalten beziehungsweise die Konterabsicherung sei keineswegs naiv und schon gar nicht „dumm“ gewesen, wie TV-Experte Dietmar Hamann es nannte. Sondern vielmehr mutig. Bewusst habe man in Wataru Endo in Höhe der Mittellinie nur einen Spieler aufgeboten. Die Stuttgarter wollten durch Überzahl im gegnerischen Strafraum Druck, Ballgewinne und so selbst noch den Siegtreffer erzwingen.

„Nach dem 1:1 war große Dynamik im Spiel, beide wollten gewinnen“, bestätigte Mislintat und tat so, als hätte der VfB ein Heimspiel gegen einen Abstiegskandidaten bestritten und keine Auswärtspartie vor 58 000 aufgeheizten Fans beim Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga.

Am Ende erwies sich der Mut als Übermut. Dortmund hatte auch ohne ihren verletzten Topstürmer Erling Haaland die Qualität, den Gegenangriff über Thorgan Hazard und Marco Reus erfolgreich zu vollenden. Man könnte sagen: Der VfB hat den Gegentreffer billigend in Kauf genommen.

Doch gehört es inzwischen fest zum Stuttgarter System, im Zweifel voll ins Risiko zu gehen. Das gilt nicht nur bei der Transferpolitik und dem Fokus auf unverbrauchte Nachwuchskräfte, sondern eben auch auf dem Rasen. Sportchef Mislintat verneinte bei der Nachbesprechung vor dem Mannschaftsbus die Frage, ob der VfB am Samstag seinen Mut teuer bezahlt habe, entschieden.

„Mut bedeutet auch, unser Spiel so zu spielen, wie wir es gespielt haben. Ansehnlich, mit Qualität am Ball.“ Man habe das Spiel genutzt, „um wieder unsere Struktur im Angriffsspiel zu bekommen.“ Fortschritte lassen sich nicht wegdiskutieren. Seit langem bot der VfB mal wieder ansehnlichen Fußball, auch wenn die Qualität beim Torabschluss einmal mehr zu wünschen übrig ließ.

Was wäre die Alternative gewesen? Der VfB hätte nach dem verdienten Ausgleich durch Roberto Massimo die Mauer am eigenen Strafraum hochziehen, einen weiteren Abwehrspieler einwechseln und darauf hoffen können, das Unentschieden irgendwie über die Zeit zu retten. Stattdessen brachte Matarazzo in Alexis Tibidi einen weiteren Jüngling aus der Abteilung Offensive. Der 18-Jährige kam zu zwei vielversprechenden Abschlüssen, vergab jedoch überhastet.

Insofern hebt sich der VfB von seinen Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg ab. Augsburg oder Arminia Bielefeld nehmen ihre Gegner im Moment nicht spielerisch auseinander, aber sie holen eben Punkte. Der VfB hingegen bleibt weiter bei nur zwei Siegen aus zwölf Spielen stehen. Zum ersten Mal in dieser Saison steht er auf einem Abstiegsplatz.

„Wir können die Tabelle lesen“, sagte Mislintat. Weiter hofft man beim VfB auf die Rückkehr gestandener Kräfte wie Marc Kempf, Omar Marmoush und Chris Führich. Auch Silas Katompa Mvumpa könnte am Freitag (20.30 Uhr/DAZN) gegen den FSV Mainz zumindest wieder im Kader stehen

Gegen Mainz 05 ohne Coulibaly


Tanguy Coulibaly hat bei der 1:2-Niederlage in Dortmund seine fünfte Gelbe Karte gesehen. Der Angreifer fehlt damit beim kommenden Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 am Freitag (20.30 Uhr).

Leicht lädiert sind die Defensivspieler Atakan Karazor und Konstantinos Mavropanos in Dortmund vom Feld gegangen. Karazor hatte einen Pferdekuss kassiert und ein Ziehen im Oberschenkel gespürt, Mavropanos sich an der Hand verletzt. Trainer Pellegrino Matarazzo geht aber davon, dass seine Akteure in dieser Woche wieder voll am Ball sind.

Nachwuchsstürmer Alexis Tibidi, 18, kam gegen den BVB ins Spiel. Er ist der 18. Spieler, dem Pellegrino Matarazzo in den vergangenen eineinhalb Jahren schon zu ihrem Bundesligadebüt verholfen hat.