Vier Jahre sind eine lange Zeit im Profifußball. Trainer kommen und gehen, Spieler wechseln, Karrieren enden. Auch beim VfB Stuttgart hat sich das Gesicht der Mannschaft seit 2018 fast vollständig geändert - bis auf eine Ausnahme: Borna Sosa ist immer noch da und schlägt auf der linken Seite eine Flanke nach der anderen. Ganz offensichtlich tut er das unverändert gerne. „Ich bin sehr froh hier“, sagt der Kroate, „Stuttgart ist wie eine zweite Heimat.“ Es ist ein Satz, der auf den ersten Blick für flüchtige Beobachter nach einer branchenüblichen Floskel ohne tiefere Überzeugung klingen mag. Schließlich stand Sosa kürzlich noch dicht vor dem Absprung, insbesondere Atalanta Bergamo hatte in der zurückliegenden Transferperiode starkes Interesse. Der VfB aber lehnte ab, da die Offerte aus Italien dann doch ein gutes Stück von den anvisierten 20 Millionen Euro Ablöse entfernt war.

Keine Frage, Sosa hätte sich einen Wechsel in die Serie A gut vorstellen können. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der 24-Jährige zugleich immer seine Bereitschaft zum Verbleib betont hatte. Insbesondere für den Fall, dass das Angebot finanziell nicht im Sinne des VfB sein sollte. Der Stuttgarter Sportdirektor Sven Mislintat hat ihm diese Haltung mehr als einmal öffentlich hoch angerechnet („Borna hat maximalen Respekt vor diesem Klub“).

In den sozialen Medien türmen sich in etlichen Kommentaren Lob und Zuspruch für den Verbleib des Umworbenen, der inzwischen als dienstältester Profi im derzeitigen VfB-Kader auf dem Weg zur Identifikationsfigur ist. Es überrascht deshalb nicht, dass Sosa ob des geplatzten Wechsels keinen Groll hegt: „Das ist nicht mehr in meinem Kopf. Ich habe immer gesagt, dass ich auch gerne hier bleibe.“

Dieser Status ist über die Jahre gewachsen. Anfangs war Sosa ein Neuzugang wie jeder andere, wenn auch ein teurer. Sechs Millionen Euro überwies der VfB im Sommer 2018 an Dinamo Zagreb. Gute Außenverteidiger, zumal noch mit einem starken linken Fuß, sind seit Jahren eine ebenso rare Spezies auf dem Transfermarkt. Zu Beginn tat sich der Kroate noch schwer in puncto Physis, mit der Zeit aber reifte er zu einem der besten Außenspieler der Bundesliga. Mit viel Vorwärtsdrang, ebenso präzisen wie scharfen Flanken und der nötigen Ruhe am Ball unter Stress. 18 Torvorlagen steuerte Sosa so in den vergangenen beiden Spielzeiten bei.

Ehrlicherweise ist der kroatische Nationalspieler davon momentan ein gutes Stück entfernt. Monatelang hatte er mit Adduktorenproblemen zu kämpfen, in der Endphase der Vorsaison spielte er im Abstiegskampf sogar unter Schmerzen. Die sind immerhin inzwischen überwunden. „Ich fühle mich sehr gut und bin komplett schmerzfrei. Ich kann jedes Training und jedes Spiel 100 Prozent gehen“, sagt Sosa, der am vergangenen Samstag im Duell mit dem FC Bayern erstmals in dieser Saison die vollen 90 Minuten durchspielte. Dass seinen Hereingaben noch die selbstverständliche Genauigkeit früherer Zeiten fehlt, streitet auch Sosa nicht ab: „Natürlich brauchst du ein bisschen Zeit, wenn du aus drei Monaten Verletzung kommst.“ Er ist zuversichtlich, sehr bald wieder der Alte zu sein.

Nun braucht Sosa für sein sportliches Glück natürlich nicht nur eine persönliche Topform - sondern auch jemanden, der die vielen Flanken ab und an verwertet. Sasa Kalajdzic tut das nicht mehr. Der Zwei-Meter-Mann hatte den VfB vor rund zwei Wochen in Richtung England verlassen, sich beim Debüt für die Wolverhampton Wanderers dann einen Kreuzbandriss zugezogen. „Ich vermisse Sasa natürlich“, sagt Sosa, der sich mit dem Österreicher während der gemeinsamen Stuttgarter Zeit auch privat gut verstanden hat. Der Kontakt ist deshalb auch nach dem Wechsel nicht abgerissen: „Wir sprechen regelmäßig miteinander, nicht nur über Fußball.“

Einen teaminternen Gesprächspartner hat Sosa also verloren, im Gegenzug aber zumindest auf dem Rasen einen neuen Flanken-Abnehmer dazubekommen. Jedenfalls legen die Eindrücke aus dem Duell mit dem FC Bayern (2:2) vor zehn Tagen nahe, dass es mit Serhou Guirassy als neuem Fixpunkt im Stuttgarter Sturmzentrum gut funktionieren könnte. „Für mich ist er ein richtig guter Spieler“, sagt Sosa über den Last-Minute-Neuzugang aus Frankreich, „es ist für unser Spiel sehr wichtig, dass wir einen Zielspieler vorne drin haben. Wir haben so viele Situationen, in denen ich flanken kann.“

Im Heimspiel am vergangenen Samstag gegen Eintracht Frankfurt (1:3) führte allerdings keine Sosa-Hereingabe zu einem Stuttgarter Treffer. Was nichts daran ändert, dass Borna Sosa mit seinem feinen linken Fuß ein wertvoller Spieler für den VfB.

Vertragsloser Zagadou verpflichtet


Verpflichtung Der VfB Stuttgart hat seine Defensive mit dem zuletzt vertragslosen Innenverteidiger Dan-Axel Zagadou verstärkt. Der 23 Jahre alte Franzose, der am Ende der vergangenen Saison beim Ligakonkurrenten Borussia Dortmund nach fünf Jahren ausgemustert worden war, erhält bei den Schwaben nach Vereinsangaben einen Vertrag 2026. Für den BVB bestritt er 67 Bundesliga- und 15 Champions-League-Einsätze. sid