Claus Vogt hat sich das immer so schön vorgestellt. Mittelständische Unternehmen aus dem Musterländle wollte er als neuer Präsident für den VfB Stuttgart gewinnen, sie an den Verein als Investoren binden und mit ihrer geballten finanziellen Unterstützung sportlich durchstarten. Zehn Firmen aus Baden-Württemberg sollten es im Verbund schon sein, um etwa 50 Millionen Euro an frischem Kapital zu erhalten. Vogt hat sich nach seiner Wahl im Dezember 2019 auch auf die Suche nach solchen Geldgebern gemacht –  nur: Es ist nichts daraus geworden. Und jetzt muss sich der Klubchef im Salto rückwärts üben.

„Wir schränken uns nicht ein, wenn es darum geht, wo ein möglicher Partner herkommt“, sagt Vogt mit Blick auf die Investorensuche im Interview mit den Internetportalen „Spox“ und „Goal“. „Ein Unternehmen kann von jedem Kontinent und aus jeder Branche der Welt kommen – es muss zum VfB und zu unseren Werten passen“, betont der Präsident neuerdings. Damit schwenkt Vogt auf den Kurs von Thomas Hitzlsperger ein. Der Vorsitzende der VfB AG war der Idee eines regionalen Sponsorenpools von Anfang an skeptisch gegenübergestanden.

Hitzlsperger will – wie ursprünglich der ehemalige Präsident Wolfgang Dietrich – strategische Partner an Land ziehen. Mit Blick auf den Ankerinvestor Daimler sollten das von je her ein, zwei potente Unternehmen sein. An sie sollen weitere Anteile veräußert werden, um etwa 60 Millionen Euro zu erzielen, mindestens. Vogts Vorstellung von vielen kleineren Firmen, die alle kleinere Beträge zahlen, galt dagegen auch im AG-Aufsichtsrat, in dem er den Vorsitz hat, als fußballromantisch.

Die Realität sieht jetzt so aus, dass sich der VfB mit mehreren Möglichkeiten beschäftigt. Hitzlsperger und der Interimsfinanzvorstand Tobias Keller sind in Gesprächen und versuchen die Marke Junge Wilde 2.0 zu verkaufen. Nicht um jeden Preis, aber mit Weitblick. Laut „Sky Sport“ soll der Bundesligist gar ein bayerisches Unternehmen an der Angel haben.

Autokonzerne in Konkurrenz

BMW wird es kaum sein. Allerdings soll ein Angebot vorliegen. Dabei soll es sich um eine Beteiligung von knapp 15 Prozent handeln. Was praktisch möglich ist, obwohl der VfB maximal 24,9 Prozent veräußern darf. Denn vertraglich fixiert ist, dass Daimler beim Einstieg weiterer Investoren mindestens zehn Prozent der Anteile behält. Im Augenblick sind es 11,75 Prozent, für die der Automobilkonzern 41,5 Millionen Euro überwiesen hat. Doch noch steht kein Investor vor der Tür. Ein Abschluss ist eher eine Sache von Wochen und nicht von Tagen. Denn solche Verhandlungen dauern lange. Dennoch betont Hitzlsperger, dass eine baldige Stärkung der Eigenkapitalbasis dem VfB finanziell mehr Spielraum geben würde, vor allem für künftige Transfers.

Bislang entgehen dem VfB durch die Coronakrise Einnahmen in Höhe von fast 50 Millionen Euro. Die Pandemie führt Vogt auch an, wenn er erklärt, warum seine Strategie nicht funktioniert hat. „Viele Mittelständler aus der Region haben natürlich unter Corona zu leiden. Bei vielen sind die Umsätze eingebrochen, viele mussten Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder sogar Menschen entlassen – da ist es zweifellos der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um über ein Engagement beim VfB nachzudenken“, sagt der Präsident.

Doch unabhängig davon kam Vogt in seinem Bestreben nicht voran. Das brachte dem 51-Jährigen Kritik ein, da es zu seinem Wahlprogramm gehörte. Noch im vergangenen Sommer wurden Gespräche mit einer interessierten Investorengruppe von einem Vogt-Vertrauten schnell beendet. Eine Offerte über 130 Millionen Euro für sämtliche veräußerbaren Anteile (auch von Daimler) von 24,9 Prozent lag auf dem Tisch. Nicht vermittelbar, hieß es.

Mitte 2019 war sich der VfB mit dem Vermarktungsspezialisten Lagardère über einen Einstieg so gut wie einig gewesen. Das international tätige Dienstleistungsunternehmen Aramark (Catering, Gastronomie, Serviceleistungen) galt ebenfalls als möglicher Investor. Mit dem Unternehmen, welches das Stadioncatering betreibt und seinen Hauptsitz in Philadelphia hat, handelte man jedoch einen anderen, langfristigen Deal als Partner aus.

Bald will Vogt nun den Vertrag mit Hitzlsperger verlängern. „Wir sprechen mit niemand anderem. Das Problem ist, dass wir in einer AG erst ein Jahr vor Ende des laufenden Vertrags verlängern können. Das ist im Herbst“, sagt Vogt – und zieht aufgrund des Machtkampfes mit Hitzlsperger den Vergleich mit „einer guten Ehe“. Gestärkt wolle man herausgehen – allerdings hält sich Hitzlsperger  auf Distanz.

24,9


Prozent der Anteile an der ausgegliederten Profifußball-AG des Bundesligisten darf der VfB Stuttgart an Investoren veräußern. 11,75 Prozent davon hält die Daimler AG.