Als der VfB Stuttgart jüngst Hertha BSC zum Bundesliga-Duell empfing, war das Szenario rund um die Mercedes-Benz-Arena dasselbe sein wie in den Monaten zuvor. Die Anfahrtswege leer, die Parkplätze verwaist, Kioske und Bierbuden verschlossen. Ein Stillleben. Die 250 Personen im und ums Stadion am Neckar, die während des „Sonderspielbetriebs Fußball Bundesliga“ noch zulässig sind, könnten sich per Handschlag begrüßen. Wenn sie denn dürften. Die Vor-Corona-­Zeit im Fußball, sie endete vor einem Jahr. Anfang März 2020 empfing der VfB in der zweiten Liga Arminia Bielefeld. Das Spiel vor 54 302 Zuschauern endete 1:1. Es war das letzte Mal, das ein Ligaspiel in Deutschland vor vollen Rängen ausgetragen wurde.

Viel ist seither die Rede von den Nöten und Zwängen der Profi-­Klubs, von Kurzarbeit, Bürgschaften, Krediten und drohenden Insolvenzen, welche die lange Serie von Geisterspielen hervorrufen könnte. Dem VfB drohen bis Saisonende allein 30 Millionen Euro entgangene Zuschauereinnahmen. Ein kürzlich bewilligter KfW-Kredit von bis zu 25 Millionen soll die verlustreiche Zeit überbrücken helfen. Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle befinden sich weiter in Kurzarbeit. Doch welche Einbußen treffen eigentlich all die indirekt vom Profizirkus abhängigen Beschäftigten: all die Bierverkäufer, Ordner, Reinigungskräfte? Wie stark leiden sie unter der Pandemie?

Als Corona noch kein Thema war, lag die Zahl der Beschäftigten während eines Heimspiels des VfB Stuttgart bei etwa 2200. Da­runter circa 1200 Caterer und 800 Ordner. Der Rest Sanitäter, Reinigungskräfte, Volunteers und Balljungen. Aktuell listet der VfB auf: 57 Ordner, drei Caterer, sieben Sanitäter, acht Reinigungskräfte und vier Balljungen. Ihnen wurde deutschlandweit zu Zehntausenden die Beschäftigungsgrundlage entzogen. Betroffen sind in erster Linie die Gastronomie und der Sicherheitsbereich. Der überwiegende Teil an Ordnern, Würstchenbratern und Bierverkäufern verdient sich als Minijobber auf 450-Euro-Basis alle zwei Wochen ein Zubrot.

Darunter viele Studenten, Rentner, Arbeitslose. Nach Schätzungen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) wirft ein Spieltag für eine einfache Servicekraft an einem der zahlreichen Kioske 75 Euro ab. Dieser Zuverdienst entfällt seit einem Jahr völlig. Kompensationsleistungen gibt es keine, weder vom VfB Stuttgart als Veranstalter noch vom Vertragscaterer Aramark. Auch staatliche Hilfen wie Kurzarbeitergeld kann von keinem geringfügig Beschäftigten in Anspruch genommen werden.

Fragen zur aktuellen Situation im Geisterspielbetrieb der Fußball-Bundesliga möchte Aramark nicht beantworten. Die Gewerkschaft NGG spricht von einer „extrem schwierigen Situation“, erinnert aber daran, dass die Fußball-Bundesliga nur einen kleinen Ausschnitt im darniederliegenden Gastronomie- und Veranstaltungsgewerbe widerspiegele. Ohne Fans nix los. Das mag schlimm sein für die vielen Beschäftigten, aber genauso für die Unternehmen. Sie alle werden durch den Lockdown gebeutelt.

Und wie steht es um die volkswirtschaftliche Bedeutung von König Fußball? DFB-Präsident Fritz Keller strich zu Beginn der Pandemie die Leistungen eines Wirtschaftszweigs hervor, der „250 000 Vollzeitkräfte in Lohn und Brot setzt“. Der Fußball sei, so Keller, „ein wichtiger Wirtschaftszweig, den es zu erhalten gilt“. Direkt bei den Profiklubs der ersten und zweiten Liga sowie ihren Tochterunternehmen sind nach Angaben der Deutschen Fußball-Liga aber lediglich circa 22 000 Menschen beschäftigt. 56 000 gelten darüber hinaus „als direkt oder indirekt rund um die Bundesliga und zweite Liga“ beschäftigt, überwiegend Putz-, Service- und Sicherheitskräfte.

Kellers Zahl von 250 000 bezog sich auf den gesamten deutschen Fußball mit seinen über sieben Millionen Mitgliedern. Da sich die vielen Teilzeit- und Nebenjobs nicht in Vollzeitstellen umrechnen lassen, fällt es schwer, die volkswirtschaftliche Bedeutung des Profifußballs zu erfassen. Klar ist: Unter den Geisterspielen leiden viele – nicht nur die Fans.

VfB-Trainer Matarazzo vor Verlängerung


Pellegrino Matarazzo wird seinen Vertrag als Cheftrainer beim VfB wohl vorzeitig verlängern – bis 2024.  Der 43-Jährige bestätigte am Donnerstag entsprechende Meldungen. „Wir sind relativ weit, aber wenn es noch nicht offiziell ist, sollte man noch nicht gratulieren“, sagte er. „Ich fühle mich sehr wohl beim VfB und kann mich zu 100 Prozent identifizieren mit der Aufgabe.“

Nach dem Rücktritt beider Vizepräsidenten steigt der ehemalige Trainer Rainer Adrion, 67, interimsweise ins Präsidium des VfB Stuttgart auf, wie am Donnerstag bekannt wurde.

Der VfB kann im Auswärtsspiel beim 1. FC Köln am Samstag (15.30 Uhr/Sky) wieder auf Kapitän Gonzalo Castro setzen. dpa