Weil man in seinem Job als defensiver Mittelfeldspieler auch mal etwas robuster Tuchfühlung aufnimmt, geht Wataru Endo lieber auf Nummer sicher. Also zählt der einsatzfreudige Japaner schon länger zu den Spielern, die während einer Bundesligapartie einen Mundschutz tragen. Geht es um seine Karriere als Fußballer, hat Wataru Endo auch beim VfB Zähne gezeigt – und er hat sich durchgebissen. „Er geht mit Leistung voran. Ist ein echter Leader“, sagt der Trainer Pellegrino Matarazzo inzwischen über seine Führungskraft aus dem Maschinenraum des Stuttgarter Spiels.

Während viele der jungen Kollegen wie Silas Wamangituka, 21, oder Borna Sosa, 22, das Motto der jungen Wilden am Neckar als schillernde Youngster wieder neu beleben, ist Endo, der Abräumer im defensiven Mittelfeld, ein stiller Star. „Ich bin keiner, der viel redet“, sagt der 28-Jährige: „Aber ich gebe auf dem Platz immer 100 Prozent.“ Mit seinem Freund Yusaburo Matsuoka, der Torwarttrainer beim VfB-Nachwuchs ist, lernt Wataru Endo abseits des Platzes auch Deutsch. „Zweikampf ist mein Lieblingswort“, sagt der Japaner, der sogar ligaweit die meisten Duelle geführt hat. Denn die Rückennummer 3 des VfB ist fast immer dort, wo es brennt. „Er ist auch für die Drecksarbeit zuständig. Es ist gut, so einen Spieler zu haben“, sagt der Torhüter Gregor Kobel über Endo, der unter allen VfB-Profis die meisten Fouls begangen hat – aber auch selbst am meisten gefoult wurde.

Ein unfairer Spieler ist Endo dabei nicht, aber dennoch ein verbissener Zweikämpfer. „Ich wusste, wenn ich in Europa etwas erreichen will, dann muss ich im Tackling besonders gut sein“, sagt Endo: „Also habe ich das ganz besonders trainiert.“ Doch der Anfang war nicht leicht. Als der heute 28-Jährige im Sommer 2019 vom belgischen Erstligisten VV St. Truiden per Leihe zum VfB kam, da ließ ihn der damalige Cheftrainer Tim Walter erst einmal links liegen. Zu klein für einen Innenverteidiger, befand Walter, der im defensiven Mittelfeld anderen Spielern, etwa Atakan Karazor, den Vorzug gab.

Inzwischen hat sich das Blatt deutlich gewendet. Sportdirektor Sven Mislintat hat im vergangenen Sommer die Vertragsoption gezogen. Für eine gemessen an seinem aktuellen Marktwert von acht Millionen Euro verhältnismäßig schmale Ablösesumme von lediglich 1,7 Millionen Euro hat Endo langfristig beim VfB unterschrieben und bindet sich damit bis 2024 an den Verein.

Das hat sich gelohnt, denn der Japaner ist aus der Startelf des Aufsteigers nicht mehr wegzudenken. Als einziger Stuttgarter Feldspieler hat er in der laufenden Saison nicht eine Spielminute verpasst. Als sich dann der Kapitän Gonzalo Castro im Spiel gegen Mainz verletzte, folgte der nächste Ritterschlag für den vierfachen Familienvater.

Dunga, Soldo, Endo

Wie zuvor der Brasilianer Carlos Dunga und der Kroate Zvonimir Soldo trägt Endo als nächster Ausländer die Spielführerbinde des VfB. Zuletzt am vergangenen Samstag beim 1:1 gegen Hertha BSC. Endo ist daher zufrieden. „Es war immer mein Ziel, eines Tages in der Bundesliga zu spielen. Es macht mir viel Spaß hier“, sagt er.

Dabei hat sich Endo auch auf dem Feld weiter entwickelt. In Japan, wo er bis 2018 für die Urawa Red Diamonds aktiv war, spielte er ausschließlich Innenverteidiger oder rechten Verteidiger. Doch die Sechser-Position, die er erstmals in Belgien bekleidete, gefällt ihm besser: „Da kann ich mich auch offensiv mehr einbringen“, sagt Endo, der inzwischen in der japanischen Nationalelf (bisher 25 Einsätze) ebenfalls im defensiven Mittelfeld aufläuft.

Wie sehr sich Endo zum Dreh- und Angelpunkt des VfB entwickelt hat, dies hat auch Trainer Christian Streich imponiert. „Das ist fast schon Weltklasse“, sagte der Freiburger Chefcoach: „Bei Endo bin ich mir sicher, dass er bereits von den großen Klubs beobachtet wird.“

Doch der Japaner ist mit seinen Gedanken voll beim VfB. Er fühlt sich wohl in Stuttgart – und ist froh, seine Familie inklusive der vier Kinder um sich zu haben. Dies war in den ersten Monaten in Belgien nicht der Fall, weil seine Ehefrau mit dem vierten Kind schwanger war. „Ich möchte mit dem VfB langfristig weiter oben in der Tabelle spielen“, sagt Endo dem VfB-Magazin „Stadion aktuell“: „Außerdem sind WM-Spiele mit Japan mein Ziel.“

Inzwischen ist der Stuttgarter Samurai auch in der Nationalelf Nippons zu einer unverzichtbaren Größe gereift.

Vertragsverlängerung mit Trainer Matarazzo perfekt


Nun ist die Vertragsverlängerung perfekt: Pellegrino Matarazzo bleibt bis 2024 Cheftrainer beim VfB. Das gab der Fußball-Bundesligist am Freitag bekannt. Sein bisheriges Arbeitspapier war bis 2022 gültig. Matarazzo soll sich für 2023 eine Ausstiegsklausel in den Vertrag geschrieben haben lassen.

Tobias Keller wird bis zum 30. Juni 2021 interimsweise als Vorstand für Finanzen und Verwaltung beim VfB arbeiten. Nach der Trennung von Ex-Vorstand Stefan Heim berief der Aufsichtsrat am Freitag den bisherigen Bereichsleiter Keller.

Der VfB Stuttgart steht vor wegweisenden Spielen: An diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) beim 1. FC Köln sowie eine Woche später im Duell mit dem FC Schalke 04 geht es gegen direkte Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt. Strauchelt der Tabellenzehnte VfB, könnte es trotz der aktuell komfortablen Ausgangslage noch mal eng werden.