Kaum jemand würde ernsthaft behaupten, dass das Spiel des VfB Stuttgart derzeit frei von Mängeln ist. Auf eines aber kann sich Trainer Pellegrino Matarazzo trotz der schwankenden Leistungen und durchwachsenen Ergebnisse seit Saisonbeginn meistens verlassen: Seine Mannschaft verteidigt solide. Fünf Gegentore aus fünf Partien stehen bisher zu Buche, was immerhin Platz vier im ligaweiten Vergleich bedeutet. Einzig die beiden Spitzenteams FC Bayern und Borussia Dortmund sowie das seit Jahren defensivstarke Union Berlin haben noch weniger Treffer kassiert.

Es werden noch viele Herausforderungen auf die Stuttgarter Hintermannschaft zukommen – die vermutlich größte Herausforderung wartet gleich an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) im Auswärtsspiel beim FC Bayern. Ein Schuss Vorfreude bleibt bei Matarazzo aber trotz der Schwere der Aufgabe: „Wir dürfen uns mit Weltklasse-Spielern messen.“

Dieses Unterfangen werden die Stuttgarter mit einer veränderten Formation im Vergleich zur Vorwoche angehen, zumindest auf einer Position: Außenspieler Josha Vagnoman ist nach seiner Gelb-Roten Karte gegen den FC Schalke 04 gesperrt. Und Matarazzo hat ausgiebig getüftelt, wie sich der Ausfall des Stammspielers am besten auffangen lässt: „Wir haben ein paar Sachen ausprobiert diese Woche.“

Eine davon: Anstelle des eher defensiv ausgerichteten Vagnoman könnte auf der rechten Seite ein Spieler mit mehr Offensivdrang auflaufen, um ab und an auch für Entlastung zu sorgen. Infrage kämen Silas Katompa – aber auch Chris Führich, der genau diese äußere Position in der Fünferkette im vergangenen Mai beim 2:2 gegen die Bayern schon gespielt hatte. „Er hat es damals ordentlich gemacht und den Gegner beschäftigt, so dass wir vieles wegverteidigen konnten“, sagt Matarazzo.

In diesem Fall wäre Führichs bisherige Position im Mittelfeld vakant. Und hier kommt einer ins Spiel, der in dieser Saison noch gar nicht in der Startelf des VfB stand. „Atakan Karazor“, sagt Matarazzo, „ist eine Option, um eine andere Kompaktheit im zentralen Mittelfeld zu bekommen.“ Dafür hatte der 25-Jährige bereits in der vergangenen Rückrunde als Abräumer vor der Abwehr regelmäßig gesorgt, als im Abstiegskampf Routine und Erfahrung gefragt waren.

In dieser Saison steht Karazor bislang erst bei vier Kurzeinsätzen, da er die gesamte Vorbereitungszeit in spanischer Untersuchungshaft wegen Vergewaltigungsvorwürfen verbracht hatte. Beim VfB haben sie stets auf die Unschuldsvermutung verwiesen und ihn nach seiner Rückkehr schnell wieder in die Mannschaft integriert. Jetzt könnte der 1,91 Meter große Defensivspezialist vor seinem Startelf-Debüt in dieser Bundesliga-Saison stehen.

Neben der Zweikampfhärte verspricht er sich von Karazor auch eine andere Kommunikation im zentralen VfB-Mittelfeld, in dem es nicht gerade vor Lautsprechern wimmelt: Kapitän Wataru Endo geht in erster Linie durch Leistung und nicht durch Worte voran, Chris Führich ist ohnehin eher introvertiert. „Wir können mit Ata Führungsqualität auf den Platz bekommen“, sagt Matarazzo, „er hat schon oft bewiesen, wie wertvoll er für das Team ist.“

Neben personellen Umstellungen könnte es auch taktische geben. Selbst die Rückkehr zur Viererkette nach mehreren Monaten ist beim VfB ein Thema, um auch die Breite des Spielfelds gegen die dribbelstarken Flügelstürmer Leroy Sané und Serge Gnabry abzudecken. Konstantinos Mavropanos auf rechts und Borna Sosa auf links würden dann die äußeren Positionen einnehmen.

Viererkette hin, Karazor her – ganz ohne eigene Akzente droht dem VfB ziemlich sicher ein harter Nachmittag in München. „Es wird wichtig sein“, betont Matarazzo, „selbst immer wieder Entlastung mit eigenem Ballbesitz zu bekommen und das gegnerische Tor zu bedrohen.“ Denn 90 Minuten reine Abwehrarbeit sind auch für die formstärkste Defensive eine lange Zeit.

Die Bayern rotieren, Kingsley Coman ist verletzt


Der FC Bayern befürchtet einen längeren Ausfall von Offensivspieler Kingsley Coman. Der französische Nationalspieler hat sich im Training eine Muskelverletzung zugezogen. „Im besten Fall ist es eine Zerrung und im schlimmsten Fall ist es ein Muskelabriss“, berichtete Trainer Julian Nagelsmann vor dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart.

Drei Tage nach dem 2:0 in der Champions League bei Inter Mailand und wiederum drei Tage vor dem Wiedersehen mit dem FC Barcelona und Robert Lewandowski wird Nagelsmann rotieren lassen. „Es wird ein paar neue Gesichter in der ersten Elf geben“, kündigte der Bayern-Coach an. So wird im Mittelfeld Leon Goretzka von Beginn an auflaufen, der gegen Mailand brillante Leroy Sané sitzt zunächst auf der Ersatzbank. dpa