Der junge Mann aus der Demokratischen Republik Kongo, der unter dem Namen Silas Wamangituka als Fußballprofi des VfB Stuttgart sein Geld verdient und angeblich 21 Jahre alt ist, bittet seinen Arbeitgeber Mitte Mai zu einem klärenden Gespräch. In Wahrheit, so offenbart sich der Torjäger voller Angst und Scham, sei er nicht 21, sondern schon 22. Und er heiße mit Nachnamen auch nicht Wamangituka, sondern ganz anders: Katompa Mvumpa. Sven Mislintat stockt der Atem.

Er sei noch immer „angefasst“, sagt Sven Mislintat, als er am Dienstagmittag gemeinsam mit VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger davon berichtet, was er in jenem Gespräch und in den Wochen danach alles erfahren hat. Von „Menschenhandel“ und „moderner Sklaverei“ spricht der Westfale und davon, dass er sich nicht habe vorstellen können, dass auf diese Weise mit jungen Spielern umgegangen werde. Eines sei völlig klar, sagt er, „Silas ist ein Opfer geworden“.

Die Geschichte des Silas Katompa Mvumpa geht laut Mislintat so: Als 18-Jähriger wird er 2017 vom RSC Anderlecht zu einem dreimonatigen Probetraining eingeladen. Mit einem offiziellen Visum für diesen Zeitraum und unter seinem richtigen Namen reist er aus seiner kongolesischen Heimat nach Belgien und bekommt von Anderlecht in Aussicht gestellt, verpflichtet zu werden. Hierfür müsste er zurück in den Kongo, um sich bei den dortigen Behörden ein dauerhaftes Visum ausstellen zu lassen.

Von windigen Spielervermittlern, die sich auf solche Fälle spezialisiert haben, wird Silas eingeredet, dies sei nur ein Vorwand, um ihn wieder loszuwerden – er könne nie mehr nach Europa kommen, wenn er erst einmal nach Afrika zurückgekehrt sei. Der verängstigte Spieler sieht seinen Lebenstraum platzen – und lässt sich von seinem Vermittler mit falschen Versprechungen dazu drängen, ihm nach Frankreich zu folgen. Er landet in Paris – „und driftet mehr und mehr in ein klassisches Abhängigkeitsverhältnis ab“.

Silas lebt unter Aufsicht des Vermittlers, der ihm erklärt, er könne nur weiterkommen, wenn er eine neue Identität annehme. Mislintat: „Damit sollte die Verbindung zu seinem Heimatverein im Kongo unterbrochen werden, um die Zahlung einer Ablösesumme oder Ausbildungsentschädigung zu umgehen.“ Ihm werden neue Papiere besorgt, aus Silas Katompa Mvumpa wird Silas Wamangituka. Seine Abhängigkeit wird noch größer, denn es steht von jetzt an die Drohung im Raum, ihn bei Ungehorsam auffliegen zu lassen. Das Gehalt, das Silas unter neuem Namen erst beim Amateurclub Olympique Alès und dann bei Paris FC bezieht, wurde laut Mislintat von seinem Vermittler verwaltet.

Beim Zweitligisten aus der französischen Hauptstadt spielt Silas so gut, dass Anfang 2019 nicht nur der VfB auf ihn aufmerksam wird. Französische Klubs, so wird die „L’Equipe“ im Dezember jenes Jahres berichten, hätten von einer Verpflichtung Abstand genommen – auch wegen Zweifeln an der Identität des Spielers. Beim VfB, der Silas im Sommer 2019 für acht Millionen Euro verpflichtet und damit aus den Fängen seines Beraters befreit hat, sieht man damals noch keinen Grund, die Echtheit aller beim Transfer präsentierten Dokumente infrage zu stellen.

Silas begeistert beim VfB mit seinen unwiderstehlichen Flügelläufen, trägt mit seinen Toren zum Aufstieg in die Bundesliga bei, in der er zum bundesweit gefeierten Emporkömmling wird. Elf Tore schießt der 1,89 Meter große Modellathlet, ehe am im März 2021 im Spiel beim FC Bayern ein Kreuzbandriss seinen rasanten Aufstieg stoppt.

Rund zwei Monate später bittet er die Vereinsverantwortlichen zum Gespräch, um das jahrelange Versteckspiel zu beenden und sein dunkles Geheimnis zu lüften. Sportdirektor Mislintat bewundert Silas, „dass er so viel Mut hatte, reinen Tisch zu machen – auch für viele andere Spieler da draußen, denen es ähnlich geht“. Der VfB werde ihm bedingungslos zur Seite stehen: „Komme, was wolle – er bekommt von uns die volle Unterstützung.“

Mögliches Fehlverhalten wir geprüft


Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bunds ist vom VfB über den Fall Silas informiert worden und will „die Angelegenheit im Hinblick auf ein mögliches sportstrafrechtliches Fehlverhalten des Spielers überprüfen“, wie der Ausschussvorsitzende Anton Nachreiner in einer DFB-Mitteilung ankündigte.

Der DFB-Sportgerichtsvorsitzende Hans E. Lorenz verwies auf eine wirksam erteilte Spielerlaubnis durch die Deutsche Fußball Liga (DFL). „Davon abgesehen sind beim DFB-Sportgericht keine Einsprüche gegen Spielwertungen anhängig. Diese können wegen Fristablauf auch nicht mehr eingelegt werden“, erklärte Lorenz.