Alles ist so normal, wie es eben ist, wenn sich eine Mannschaft zum ersten Mal für die Champions League qualifiziert hat: Die Gefühle spielen verrückt. „Zunächst hat keiner bei uns irgendetwas verstanden“, erinnert sich Jurij Wernydub. Mittlerweile jedoch haben der Trainer des FC Sheriff Tiraspol und all die anderen es begriffen: Ja, wir spielen Champions League! „Die Sterne müssen günstig gestanden haben“, sagt Wernydub.

Am Mittwochabend (18.45 Uhr/DAZN) pfeift Schiedsrichter Deniz Aytekin die historische Saison des FC Sheriff an. Gegner ist Schachtjor Donezk. Es folgen Duelle mit Real Madrid und Inter Mailand, deren Kader das Zigfache wert sind als der auf 12 Millionen Euro taxierte des FC Sheriff. „Aber wir müssen keine Angst haben“, behauptet Trainer Wernydub, denn: „Geld spielt nicht Fußball.“

Klingt also ziemlich normal – tatsächlich aber ist beim FC Sheriff so gut wie nichts normal. Das geht schon damit los, dass Tiraspol in Transnistrien liegt, einem nur 4100 Quadratkilometer großen Landstrich im Osten von Moldau an der Grenze zur Ukraine. Die Region hat sich 1990 für unabhängig erklärt, sie ist de facto ein eigener Staat mit eigener Verwaltung und Währung – obwohl kein Land sie als solchen anerkennt. Knapp 500 000 Menschen leben dort.

Tatsächlich ist Transnistrien eher eine Firma. Eine Firma namens Sheriff, die im Juni 1993 von ehemaligen Polizisten aus der Sowjetunion als Sicherheitsfirma gegründet wurde. Daraus ist ein Großkonzern entstanden, der in Transnistrien 60 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet: Sheriff gehören eine Wohnungsbaugesellschaft, eine Supermarktkette, ein TV-Sender, Banken, Casinos und vieles mehr.

Alles hängt zusammen

Die Partei „Erneuerung“ verfügt über 29 der 33 Sitze im Parlament – sie ist genau genommen der politische Arm von Sheriff. Präsident von Transnistrien ist seit 2016 der frühere Armee-Oberst Wadim Krasnoselski, zuvor Sicherheitschef von Sheriff. Einer der zwei Gründer von Sheriff ist Viktor Guschan, wenig überraschend Präsident und Gönner des firmeneigenen Fußball-Klubs.

Der FC Sheriff ist ziemlich das Einzige, das Transnistrien mit Moldau verbindet. Der Klub, 1996 gegründet, seit 1998 erstklassig, ist in der ersten Liga von Moldau mittlerweile 19 Mal Meister geworden. Er ist vergleichsweise gut ausgestattet, besitzt ein modernes Trainingsgelände und ein schickes, 200 Millionen Dollar teures Stadion mit 13 000 Plätzen. Der Kader ist international, vier Spieler haben einen moldauischen Pass. „Es ist nicht einfach, aber der Fußball vereint uns“, sagt Wernydub – ein Ukrainer.

Den Spielern sind etwaige Spannungen zwischen Moldau und Transnistrien egal. Oder wie es der Spanier Gustavo Dulante sagt: „Der einzige Unterschied ist: Wir haben den Rubel, sie nutzen den Lei.“ sid