Der Sand wirbelt auf. In höchstem Tempo zischt Silas Katompa Mvumpa auf einem verwaisten Beachvolleyball-Feld durch einen Parcours, angeleitet und angetrieben von einem Privatcoach. Links, rechts, nach vorne, zurück. Der Flügelstürmer des VfB Stuttgart – nach langer Verletzungspause einer der Hoffnungsträger für die kommende Saison – ist längst nicht der einzige Profi der Weiß-Roten, der sich im Urlaub fit hält und das die Welt über die sozialen Medien wissen lässt. Wer sich durch Instagram und Twitter wühlt, findet auch einen Hanteln stemmenden Tiago Tomas. Oder den Offensivspieler Chris Führich, der Zusatzschichten in Sachen Torschuss abspult.

Pellegrino Matarazzo dürfte darüber nicht unglücklich sein. Denn wenn der VfB-Trainer am kommenden Wochenende zum Start in die Vorbereitung lädt, können sich seine Spieler auf einen Schwerpunkt ziemlich sicher einstellen: die Fitness. Vor allem in puncto Laufleistung war der VfB in der Vorsaison nämlich derart deutlich und regelmäßig im Nachteil, dass es an diesem Thema kein Vorbeikommen gibt: 112,1 gelaufene Kilometer pro Spiel bedeuten den viertletzten Platz, fast drei Kilometer unter dem Ligaschnitt.

Beim VfB haben sie diese Zahlen längst zur Kenntnis genommen. „Ohne eine Topathletik ist im Bundesliga-Fußball alles nichts“, hatte Sportdirektor Sven Mislintat nach Saisonende bei seiner Suche nach den Gründen für eine Spielzeit im Tabellenkeller betont. Man habe sogar, rechnete Mislintat vor, seit dem Wiederaufstieg 2020 im Durchschnitt einen Punkt mehr geholt, wenn die Laufleistung annähernd auf dem Niveau des Gegners oder sogar darüber war.

Vielleicht kennt der VfB-Sportchef ja die Studie von Pamela Wicker, interessieren dürften die Ergebnisse Mislintat in jedem Fall. Die Professorin für Sportmanagement an der Universität Bielefeld – übrigens aufgewachsen bei Kirchheim/Teck und selbst VfB-Mitglied – hat den Zusammenhang von Laufleistung und Ergebnissen in der Bundesliga seit Beginn der Datenerfassung 2011 unter die Lupe genommen. Ihr Fazit ist ebenso knapp wie markant: „Wer mehr läuft als der Gegner“, sagt Wicker, „erhöht seine Gewinnwahrscheinlichkeit signifikant.“ Bei einem Unterschied von zehn Kilometern pro Spiel seien es sogar 30 Prozent.

Eine Partie, die sie beim VfB am liebsten auf ewig aus allen Erinnerungen tilgen würden, passt ziemlich gut zu diesem Befund: Beim leblosen Auswärtsauftritt gegen Hertha BSC Ende April war der VfB bemerkenswerte 8,4 Kilometer weniger gelaufen als die Berliner – und hatte auch keine Punkte mitgenommen (0:2). Im Gegenzug sah das Ergebnis um einiges freundlicher aus in den wenigen Saisonspielen, in denen der VfB dem Gegner läuferisch voraus war: Gegen die TSG Hoffenheim gab es einen Heimsieg, beim VfL Bochum und FC Bayern einen Auswärtspunkt. Und beim leidenschaftlichen Saisonfinale gegen den 1. FC Köln (2:1) waren die Stuttgarter läuferisch zwar nicht besser, aber doch auf Augenhöhe.

Nun lässt sich natürlich nicht alles über die abgespulten Kilometer erklären. Auch der VfB hat in der vergangenen Saison manches Spiel trotz einer dürftigen Laufleistung für sich entschieden, gegen Borussia Mönchengladbach und den FC Augsburg zum Beispiel. Auch Faktoren wie die Zweikampfquote, der Heimvorteil oder die Taktik beeinflussen laut Wicker den Ausgang eines Spiels. „In Summe aber bleibt der Zusammenhang zwischen Laufleistung und Ergebnis robust“, betont die Bielefelder Professorin, „permanentes Bewegen schafft eben Freiräume.“

Schon im zurückliegenden Wintertrainingslager war beim VfB deshalb viel daran gesetzt worden, die Defizite aufzuarbeiten. Zu einer „athletischen Overload-Woche“ hatte Matarazzo die Zeit in Marbella erklärt, also eine mit konditionellen Inhalten überladene Phase. In den Statistiken hat sich das Ganze nur sehr bedingt niedergeschlagen: In der Rückrunde lief der VfB in Summe gerade einmal 270 Meter mehr pro Spiel und kletterte damit in der Kilometerrangliste von Platz 16 auf 15. Verbesserungen im marginalen Bereich, was letztlich auch mit einer langen Ausfallliste zu tun hatte.

Mehrfach mussten Corona-Genesene, überspielte Akteure oder Langzeitverletzte ohne hundertprozentige Fitness im Abstiegskampf frühzeitig wieder einsteigen. Zumindest da könnte der Terminkalender den Stuttgartern in die Karten spielen: Durch die Winter-WM in Katar steht eine längere Unterbrechung mitten in der Saison an – ein völliges Novum, das einem Großteil des VfB-Kaders eine zehnwöchige Pause bescheren wird. Acht A-Nationalspieler haben die Stuttgarter derzeit in ihren Reihen, nur vier davon sind mit ihren Ländern für die WM qualifiziert.

Zwei Wechselkandidaten

Sollten die Wechselkandidaten Borna Sosa (Kroatien) und Orel Mangala (Belgien) den VfB noch verlassen, wären nur noch zwei Profis im Wüstenstaat aktiv: die Japaner Wataru Endo und Hiroki Ito. Die Hoffnung besteht also, dass Silas und Co. dank Zusatzschichten und Erholungspausen in der neuen Saison mehr Kilometer auf dem Tacho haben. Und mehr Punkte auf dem Konto.

Trainingsauftakt der Bundesligisten



Bayern München 8. Juli
Borussia Dortmund 27. Juni
Bayer Leverkusen 27. Juni
RB Leipzig 27. Juni
Union Berlin 20. Juni
SC Freiburg 27. Juni
1. FC Köln 27. Juni
FSV Mainz 05 21. Juni
TSG Hoffenheim 26. Juni
Bor. Mönchengladbach 26. Juni
Eintracht Frankfurt 27. Juni
VfL Wolfsburg 22. Juni
VfL Bochum 20. Juni
FC Augsburg 20. Juni
Hertha BSC 22. Juni
Schalke 04 22. Juni
Werder Bremen 22. Juni
VfB Stuttgart 27. Juni