Born in the USA – wer wie Bruce Springsteen in den Vereinigten Staaten geboren wurde und zudem Sport-affin ist, der ist mit Football und Baseball, mit den großen Profi-Ligen NBA (Basketball) und NHL (Eishockey) aufgewachsen. Aber wohl kaum mit Tischtennis. Das spielt  – trotz des deutschen Slogans „Kleiner Ball, großer Sport“  – in den USA ein Mauerblümchendasein. Der Beweis: Noch nie ist auf dem nord- und südamerikanischen Kontinent eine Tischtennis-Weltmeisterschaft ausgetragen worden.

Das ändert sich an diesem Dienstag. Da beginnt im George R. Brown Convention Center von Houston/Texas die erste Tischtennis-WM. Ein sportgeschichtsträchtiges Datum also.

Hippie lässt das Eis schmelzen

Einen historischen Beitrag hat das sportlich nahezu unbedeutende US-Tischtennis freilich schon einmal geleistet – vor 50 Jahren bei der WM in Japan. Seinerzeit herrschte zwischen dem von Mao geführten China, damals wie heute eine Tischtennis-Großmacht, und den von Präsident Richard Nixon regierten USA politische Eiszeit. Als der als Hippie beschriebene US-Nationalspieler Glenn Cowan, der dem Marihuana-Konsum nicht abgeneigt war, die Abfahrt des Mannschaftsbusses in die Wettkampfhalle verpasste, setzte er sich kurzerhand in das für die Chinesen bestimmte Gefährt. Cowan und die Chinesen verstanden sich offenbar gut, man tauschte Geschenke aus, Fotos von dem improvisierten Treffen gingen um die Welt. Diese Begegnung wurde zur Geburtsstunde der später so genannten Ping-Pong-Diplomatie, die das Eis zwischen China und den USA schmelzen ließ. Mao persönlich lud die US-Delegation zu einem Turnier nach China ein.

50 Jahre danach kommen die Chinesen sozusagen zum Gegenbesuch. Allerdings nicht mit ihrem stärksten Team. So fehlen beispielsweise Titelverteidiger Ma Long (33), der über Jahre hinweg das Welttischtennis dominierte, und der als  bester Doppelspieler geltende Xu Xin (31.). „Natürlich könnte diesmal die Vormachtstellung der Chinesen etwas bröckeln“, sagt der deutsche Bundestrainer Jörg Roßkopf: „Aber ich glaube, die Chinesen sehen das entspannt. China weiß, dass es in einer Übergangsphase steckt. Sie müssen, genau wie wir, in Richtung der nächsten Olympischen Spiele, die Entwicklung von jüngeren Spielern fördern.“

Bei der Mannschafts-EM Anfang Oktober hatte sich die deutsche Auswahl auch ohne seine beiden Topstars Timo Boll (40) und Dimitrij Ovtcharov (33) den Titel geholt, bei der Einzel-EM ebenfalls in diesem Jahr standen in Warschau bis auf das Herren-Doppel stets deutsche Spieler ganz oben auf dem Treppchen, und auch bei den Olympischen Spielen hatten sie beste Werbung für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) betrieben. „Das deutsche Tischtennis ist sehr gut aufgestellt, sowohl im internationalen Vergleich als auch im Vergleich der Sportarten in Deutschland“, sagt DTTB-Sportdirektor Richard Prause. Und auch jetzt möchte Coach Roßkopf trotz des verletzungsbedingten Fehlens von Ovtcharov nicht locker lassen. „Wir haben im Einzel, Doppel und Mixed unsere Möglichkeiten und wollen versuchen, uns in Houston in die vorderen Ränge hineinzuspielen.“

Einen ersten Dämpfer freilich gab es bereits bei der Auslosung. Timo Boll trifft nach einem Freilos zum Auftakt bereits in der zweiten Runde auf einen Chinesen – Nachwuchsmann Zhou Qihao. Der steht in der Weltrangliste jedoch deutlich hinter dem deutschen Aushängeschild. Ganz schwer wird es für Boll im Doppel an der Seite von Patrick Franziska, Deutschlands Nummer drei. Diese Paarung trifft bereits in der zweiten Runde auf den Weltranglisten-Ersten Fan Zhendong und Doppel-Weltmeister Wang Chuqin. Fan hat Boll zudem ganz oben auf der Rechnung, wenn es um den Einzel-Titel geht.

Zum 50. Jubiläum der „Ping-Pong-Diplomatie“ hat sich der Weltverband ITTF übrigens etwas Besonderes einfallen lassen. Er schickt je ein amerikanisch-chinesisches Damen-Doppel und Mixed-Team an den Start.

Präsident und WM-Ausrichter 2024 werden gewählt


Im Rahmen der Tischtennis-WM stellt der internationale Verband ITTF auch sportpolitische Weichen. Am Mittwoch stimmt die Vollversammlung über die Nachfolge des nicht mehr kandidierenden ITTF-Präsidenten Thomas Weikert (Limburg) ab. Einzige Kandidatin für das höchste Amt des nach Mitgliedsnationen weltgrößten Sportverbandes ist die Schwedin Petra Sörling. Auch die übrigen ITTF-Präsidiumsmitglieder werden in Houston neu gewählt.

Für die WM 2024 stellen sich drei Bewerber zur Wahl: Südkorea mit Busan als Austragungsort, Argentinien mit Buenos Aires und Indien mit Bhubaneswar, Panchkula und Delhi. Die Entscheidung fällt am 27. November.