Vor knapp einem Jahr hat Tischtennis-Nationalspieler Dimitrij Ovtcharov Bronze für Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio geholt und mit seinen Auftritten viele Sportfans begeistert. Seitdem ist viel passiert. Der Krieg in seinem Geburtsland Ukraine, eine schwere Verletzung, zwei Operationen und ein Vereinswechsel. Der 33-Jährige hat schwere Zeiten hinter sich. Dem russischen Spitzenklub Fakel Orenburg hat er den Rücken gekehrt. Künftig spielt er für den Bundesligisten TTC Neu-Ulm, der außer Ovtcharov drei weitere Weltklasse-Spieler verpflichtet und damit für mächtig Aufsehen gesorgt hat.  

Herr Ovtcharov, wie gut kennen Sie eigentlich die Doppelstadt Ulm und Neu-Ulm?

Dimitrij Ovtcharov: Als Jugendlicher, so mit 14, 15 und 16, habe ich einige Male in der Nähe, in Ochsenhausen, trainiert. Damals sind wir immer wieder mal nach Ulm gefahren, um ins Kino zu gehen oder ein Eis zu essen. Das ist schon ein paar Tage her (lacht). Aber ich werde die Städte ja jetzt wieder besser kennenlernen.

Wie groß ist denn die Vorfreude auf den neuen Klub TTC Neu-Ulm?

Sehr groß. Ich freue mich sehr, wieder häufiger in Deutschland zu spielen und nicht mehr so viele lange Reisen zu haben. Und dann spiele ich künftig auch noch in solch einem coolen Team. Ein Team, das mit seinen jungen, hungrigen und starken Spielern um Titel mitspielen kann.

Es ist von einem Dreamteam die Rede, das der TTC in der kommenden Saison stellt. Würden Sie das ähnlich bezeichnen?

Ja, solch ein Team hat es wohl noch nie gegeben. Auch in Orenburg in Russland nicht, wo ich lange gespielt habe und wo wir ganz starke Mannschaften hatten.

Mit Truls Möregårdh, Vizeweltmeister aus Schweden, dem Japaner Tomokazu Harimoto, dem Taiwaner Lin Yun-ju und Ihnen spielen künftig die Nummer fünf, sieben, acht und neun der Weltrangliste für Neu-Ulm. Das lässt aufhorchen.

Vier Top-10-Spieler aus verschiedenen Ländern – das ist schon ein Novum. Da werden die Zuschauer sicher viel Spaß haben. Die Spieler und der Verein mit Sicherheit auch. Egal, wie es kommt: Das werden bestimmt tolle Spiele mit dem TTC Neu-Ulm.

Wie ist denn der Kontakt zum Klub zustande gekommen?

Ich kenne Florian Ebner (den TTC-Vorsitzenden, Anm. d. Red.) schon länger. Er hat mich angerufen, als der Krieg in der Ukraine begann und sich nach mir erkundigt. Als klar war, dass ich Russland verlassen würde, habe ich dann auch mit keinem anderen Verein mehr gesprochen. Das ging dann alles sehr schnell und unkompliziert. Die Chemie zwischen Florian Ebner und mir stimmt einfach.

Sie sind in der Ukraine geboren, haben eine enge Bindung zu dem Land. Wie sehr konnten Sie sich in den vergangenen Monaten auf Ihren Sport und Beruf  konzentrieren?

Das war bislang die schwerste Zeit in meiner Karriere. Dieser Krieg betrifft mich wirklich in vielen Bereichen. In den ersten Wochen haben wir zum Beispiel alles unternommen, um meine Oma von Kiew nach Deutschland zu holen. Da ging es weniger um den Sport als im wahrsten Sinne des Wortes  ums Überleben. Irgendwann kümmert man sich dann wieder um die eigenen Sachen, den neuen Verein, meine Verletzung. Aber das war nicht einfach.

Beim TTC Neu-Ulm stehen mit Trainer Dimitrij Mazunov, Lev Katsmann, Vladimir Sidorenko und Maksim Grebnev vier Russen unter Vertrag. Wie gehen Sie damit um?

Ich kenne Dima (Trainer Dimitrij Mazunov, Anm. d. Red.) schon länger. Auch die künftigen Mitspieler kenne ich, wenn auch noch nicht so gut.

Erwarten Sie, dass diese sich klar gegen den Krieg in der Ukraine positionieren?

Wer bin ich denn, dass ich von irgendjemandem irgendetwas verlangen sollte? Das steht mir nicht zu. Aber unabhängig, woher jemand kommt, sollte man schon auf der richtigen Seite stehen. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mit drei Portugiesen in einer Mannschaft zu spielen, die sagen: Das finde ich super, was in der Ukraine passiert. Es geht nicht um die Herkunft, sondern um die Haltung.

Sie sind in den vergangenen Monaten zweimal am Sprunggelenk operiert worden, mussten lange pausieren. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Gut! Ich bin mit meinem Fuß wirklich sehr zufrieden. Es hat lange gedauert und war kompliziert. Die letzten vier, fünf Wochen jedoch habe ich große Fortschritte gemacht. Dass ich kürzlich bei meinem Comeback beim WTT-Turnier in Peru gleich so gut spiele und bis ins Finale komme, hätte ich nicht gedacht. Da bin ich sehr happy. Das stimmt mich zuversichtlich.

Mit großen Erwartungen startet Ihr neuer Verein in die neue Saison. Welche Ziele haben Sie mit dem TTC und mit dieser Mannschaft?

Der Fokus liegt auf dem Pokal und der Champions League. Das Final 4 um den deutschen Pokal wird ja in Neu-Ulm ausgetragen. Da wollen wir in der nächsten Saison dabei sein. In der Champions League gibt es viele starke Teams. Bundesliga-Konkurrent Borussia Düsseldorf ist natürlich immer ein Kandidat auf alle Titel. Aber wir haben wie gesagt sehr starke Spieler zusammen. Wir müssen uns erstmal alle aneinander gewöhnen. Ziel ist, mal einen Pokal nach Hause zu holen. Dafür werden wir kämpfen. 

Wie geht es weiter für Sie bis zum Start beim TTC im Herbst?

Im Juli steht erstmal das Grand-Smash-Turnier in Budapest an. Da bin ich dabei. Und dann gibt natürlich die Heim-EM in München im August. Da freue ich mich sehr darauf. Das ist ein Highlight.

Vor elf Monaten haben Sie bei den Olympischen Spielen in Tokio Bronze geholt. Viele sagen: Da war auch Gold drin.

Auf jeden Fall. Ich war ganz  nah dran.

Wie sehr schmerzt noch die Niederlage im dramatischen Halbfinale gegen den späteren Olympiasieger, den Chinesen Ma Long?

Ich bin erstmal stolz, dass ich mich in eine Position gebracht habe, in der ich ganz fest an Sieg geglaubt habe. Das war eine 50:50-Partie, die in jede Richtung hätte laufen können.

Ma Long gewann 9:7 im siebten Satz. Enger geht‘s kaum, oder?

Schon. Aber das ist einfach der Sport. Ich glaube, Ma Long hatte noch nie so ein enges Spiel bei Olympia. Ich war stolz und trotzdem traurig. Am Ende war es eine Einzelmedaille und ein sehr emotionales Erlebnis.

Sie sind jetzt 33. In zwei Jahren stehen die Spiele in Paris an. Werden Sie da an den Start gehen?

Das ist mein Ziel. Das steht außer Frage. Und dort will ich wieder nicht nur einfach dabei sein, sondern um Medaillen kämpfen. Im Einzel und mit der Mannschaft.

Zur Person


Dimitrij Ovtcharov wurde am 2. September 1988 in Kiew geboren. Im Alter von zwei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Sein Vater Michail war einst sowjetischer Meister im Tischtennis. Dimitrij Ovtcharov ist zweifacher Europameister im Einzel und gewann Bronze bei den Olympischen Spielen 2012 in London und 2021 in Tokio. 

Ovtcharov lebt mit seiner Familie in Düsseldorf. Von 2010 bis im Frühjahr 2022 spielte er für Fakel Orenburg in Russland. In der kommenden Saison tritt die derzeitige Nummer neun der Welt für den Bundesligisten TTC Neu-Ulm an. Ovtcharov dürfte für die Neu-Ulmer vor allem in der Champions League und im deutschen Pokal eingesetzt werden. Der Klub hat für den 33-Jährigen aber auch erfolgreich eine Lizenz für TTBL beantragt. Ovtcharov ist damit auch für die Bundesliga startberechtigt.