Auf den Malediven, im Urlaub, da hatte Angelique Kerber endlich mal Zeit, die Seele baumeln zu lassen nach einer anstrengenden Saison, über die sie im Rückblick sagt: „Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe und dass sich Geduld und harte Arbeit für mich ausgezahlt haben.“ 

Für Deutschlands beste Tennisspielerin war es eine Saison mit Höhen und Tiefen. Auf dem Flug zu den Australian Open, dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres, wurde ein Passagier positiv auf Corona getestet. Das warf, nach einer intensiven Vorbereitung auf den Saisonstart, alle ihre Pläne über den Haufen. Statt auf den Trainingsplatz ging es in Quarantäne. „Zwei Wochen im Hotelzimmer eingesperrt zu sein, war eine enorme Belastung“, sagt sie. Davon hat sie sich nicht so schnell erholt. Sie verlor nicht nur ihr Erstrundenmatch in Melbourne. Auch bei den French Open in Paris war nach der ersten Runde für sie Schluss. Diese Niederlage gegen eine Qualifikantin war der Tiefpunkt.

Fehlende Matchpraxis aufgeholt

Doch Angelique Kerber kam stark zurück. Wie schon so oft in ihrer Karriere meisterte sie mit Energie und Willenskraft auch diese Krise. „Das Vertrauen in mich und meine Leistungsfähigkeit habe ich auch in dieser schwierigen Zeit nicht verloren“, sagt sie. Trotzdem hat es Monate gedauert, bis sie ihren Trainingsrückstand und die fehlende Matchpraxis aufgeholt hatte und auf dem Platz wieder ihr bestes Tennis zeigen konnte. Eine schwierige Zeit sei das gewesen, in der sie trotz aller Fortschritte oft gezweifelt habe. Doch Zweifel gehörten im Sport dazu: „Die Kunst ist, aus diesen Zweifeln positive Energie zu ziehen und sich neu zu motivieren, um seine Ziele zu erreichen.“

Die Wende brachte im Juni ihr Sieg bei den Bad Homburg Open, ihr erster seit ihrem Triumph 2018 in Wimbledon. „Bei diesem Turnier hat alles gepasst“, erzählt sie in „9:11“, dem Podcast ihres Sponsors Porsche. „Ich konnte auf meinem geliebten Rasen spielen, worauf ich mich schon die ganze Zeit gefreut habe. Und es waren endlich wieder Fans im Stadion, denen ich zeigen konnte: Ich bin noch da. Ich kann immer noch gewinnen.“

 Dieses positive Gefühl und diese Form nahm sie mit zum Saisonhöhepunkt nach Wimbledon, wo sie das Halbfinale erreichte. Auch bei den US Open spielte sie stark. „Zu spüren, dass ich Topspielerinnen schlagen und um große Titel mitspielen kann, war extrem wichtig für mich“, sagt sie und zählt auf, was es braucht, um aus so einem Tief zu kommen: „Harte Arbeit, Disziplin, Geduld, aber auch Leidenschaft und Spaß.“ Nach Niederlagen müsse man wieder aufstehen und weiter seinen Weg gehen, denn „ohne diese Niederlagen kann man keine Erfolge haben.“

Am 18. Januar, dem zweiten Tag der Australian Open, feiert Angelique Kerber ihren 34. Geburtstag. Wie alle erfahreneren Spielerinnen im Profitennis muss sie sich der verstärkten Angriffe unbekümmerter Aufsteigerinnen wie Emma Raducanu erwehren, der aktuellen US-Open-Siegerin, die fast 15 Jahre jünger ist als sie. Es ist ihre Leidenschaft für Tennis, die ihr nach so vielen Jahren an der Weltspitze die Motivation und die Willenskraft gibt, weiter hart zu trainieren und an ihrem Spiel zu arbeiten „Ich liebe diesen Sport“, sagt sie, „dieses Gefühl, auf dem Platz zu stehen und zu siegen.“ Diese Emotionen bringen ihr nicht nur das Vertrauen in ihre Leistung, sondern auch den Respekt der anderen Spielerinnen. Die wissen, dass sie schon ihr bestes Tennis spielen müssen, um Angelique Kerber zu schlagen. Diesen Respekt, den sie sich mit einer starken zweiten Saisonhälfte zurückgeholt hat, erhofft sie sich auch im neuen Jahr und bei den Australian Open.

 Die Rückkehr in die Top 10 der Weltrangliste, die ihr vor wenigen Wochen im Spätsommer schon mal gelungen ist, ist dagegen nicht ihr oberstes Ziel für das Turnierjahr 2022. „Ich bin keine, die andauernd auf die Weltrangliste schaut. Die ist für mich nicht mehr so wichtig“, sagt sie. „Ich will gut spielen, mit Herz dabei sein. Alles andere kommt dann von selbst.“

Grand-Slam-Titel in New York und Wimbledon


In der Hansestadt Bremen am 18. Januar 1988 geboren, hat Angelique Kerber in ihrer Tenniskarriere die Grand-Slam-Turniere in Melbourne und New York (2016) sowie in Wimbledon (2018) gewonnen. 2015 und 2016 siegte sie beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart. Am 12. September 2016 wurde sie die Nummer eins der Weltrangliste. Allein an Preisgeldern hat sie bisher mehr als 30 Millionen Dollar verdient.