Stuttgart / Von Claus-Peter Andorka Tennis Zum Start der Australian Open deutet sich bei den Frauen ein Generationswechsel an, sagen Markus Günthardt und Anke Huber im Interview. Von Claus-Peter Andorka

Die Australian Open beginnen an diesem Dienstag, das prestigeträchtige Grand-Slam-Turnier dauert bis Anfang Februar. Markus Günthardt und Anke Huber vom Porsche Tennis Grand Prix sprechen im Interview über den Generationswechsel im Damentennis, die Favoritinnen für die Australian Open und die Comeback-Chancen von Angelique Kerber.

Herr Günthardt, Frau Huber, mit den Australian Open steht der erste Tennis-Höhepunkt des Jahres vor der Tür. Wer sind Ihre Favoritinnen?

Markus Günthardt: Ich sehe Ashleigh Barty in der Favoritenrolle. Es dürfte zwar nicht einfach für sie werden, mit dem Druck umzugehen, der als Lokalmatadorin auf ihr lastet. Doch sie ist die aktuelle Nummer 1, hat die French Open gewonnen und die WTA Finals. Sie wird mit sehr viel Selbstvertrauen in die neue Saison starten. Aber auch Serena Williams sollte man nicht abschreiben. Sie wird zwar auch nicht jünger, hat aber bei den letzten Grand-
Slam-Turnieren und erst jetzt wieder mit ihrem Sieg in Auckland gezeigt, dass man mit ihr nach wie vor rechnen muss.

Anke Huber: Auch ich würde auf Ashleigh Barty setzen. Eigentlich war Bianca Andreescu meine Favoritin. Sie war für mich die Spielerin des Jahres 2019. Ich hätte ihr durchaus zugetraut, nach den US Open auch die Australian Open zu gewinnen. Schade, dass sie wegen einer Verletzung nicht dabei sein kann.

Junge Spielerinnen wie Ashleigh Barty, Naomi Osaka und Bianca Andreescu haben sich in den Vordergrund gespielt. Wird sich dieser Trend 2020 fortsetzen?

Huber: Ich denke schon, auch wenn es vielleicht noch ein, zwei Jahre dauern wird, bis diese jungen Spielerinnen ihr Leistungsniveau konstant über eine ganze Saison halten können. Doch ihnen gehört zweifellos die Zukunft. Mit ihren Leistungen und Erfolgen haben sie schon jetzt dafür gesorgt, dass Damentennis so attraktiv ist wie selten zuvor.

Günthardt: In der Vergangenheit kamen immer wieder junge Spielerinnen hoch, verschwanden dann aber auch schnell wieder von der Bildfläche. Ashleigh Barthy, Naomi Osaka und Bianca Andreescu wird das, glaube ich, nicht passieren. Sie spielen stark und schon sehr bald sicherlich auch konstant genug, um dem Damentennis in den nächsten Jahren ihren Stempel aufzudrücken. Auch Belinda Bencic, der 2019 ein sensationelles Comeback gelungen ist, bringt mit ihren 22 Jahren alles mit, um sich unter den Top 5 der Welt zu etablieren.

Nach Julia Görges hat auch Angelique Kerber nach einer enttäuschenden Saison einen neuen Trainer verpflichtet. Was trauen Sie ihr für 2020 zu?

Günthardt: Angie hatte zuletzt ganz offensichtlich Motivationsprobleme. Das ist auch nachvollziehbar, wenn man schon so lange dabei ist und so viele Erfolge feierte. So ein Trainerwechsel ist keine Garantie für bessere Zeiten, doch als Spielerin zeigst du damit, dass du fest entschlossen bist, noch einmal anzugreifen. Dieser Kick ist sicherlich das, was Angie gesucht hat. Ich hoffe für sie, dass es der richtige Schritt war. Wenn sie ihr altes Selbstvertrauen wiederfindet, muss man auf jeden Fall mit ihr rechnen, gerade bei den Australian Open, die sie ja 2016 gewonnen hat.

Huber: Ein neuer Trainer kann auf jeden Fall viel bewegen. Julia Görges hat diese Erfahrung vor zwei Jahren gemacht und, nachdem sie ihr Team neu aufstellte, die wohl stärkste Saison ihrer Karriere gespielt. Ich würde mich freuen, wenn es für unsere Topspielerinnen wieder aufwärts gehen würde, vor allem auch im Hinblick auf den Porsche Tennis Grand Prix.

Der Porsche Tennis Grand Prix wurde von den Spielerinnen zum besten Turnier des Jahres 2019 gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Günthardt: Für uns ist das ein großer Vertrauensbeweis und zugleich ein Ansporn, das Turnier in jedem Jahr noch besser zu machen. Das ist nicht einfach, da wir bereits ein sehr hohes Niveau erreicht haben. Dieses noch zu steigern ist eine große Herausforderung.

Huber: Die Auszeichnung kommt von den Spielerinnen, das macht sie so wertvoll. Sie zeigen uns damit, dass sie sich bei uns wohlfühlen und immer wieder gerne nach Stuttgart kommen. Wir versuchen aber auch, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Für das Turnier vom 18. bis 26. April haben mit Titelverteidigerin Petra Kvitova, Simona Halep, Elina Svitolina und Belinda Bencic bereits jetzt vier Top-10-Stars zugesagt. Welche Wunschspielerin würden Sie dazu am liebsten in der Porsche-Arena sehen?

Günthardt: Ashleigh Barty als Gewinnerin der Australian Open.

Huber: Bianca Andreescu. Die Kanadierin spielt für mich das attraktivste Tennis. Sie live zu erleben, wäre toll für unsere Zuschauer.

Zur Person

Markus Günthardt (62) ist seit 2005 Turnierdirektor des Porsche Tennis Grand Prix. Als Profi spielte der Schweizer auf der ATP Tour und im Davis Cup. Nach seiner aktiven Karriere organisierte er Turniere und arbeitete als Berater für den Tennisverband der Türkei und in Gremien der WTA. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Madrid und in der Schweiz.

Anke Huber (45) ist seit 2002 Sportliche Leiterin des Porsche Tennis Grand Prix. Die einstige Weltklassespielerin gewann insgesamt zwölf WTA-Turniere. Das Match ihrer Karriere war 1995 das Masters-Finale gegen Steffi Graf. Im Jahr darauf erreichte sie bei den Australian Open ihr einziges Grand-Slam-Finale. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankenthal.