Vor sechs Monaten beendete Julia Görges ihre erfolgreiche Tennis-Karriere. In einer neuen Rolle kehrt sie jetzt zum Porsche Tennis Grand Prix zurück, wo sie mit ihrem Sensationssieg 2011 den Sprung in die Weltspitze schaffte. Es hätte eine schöne Jubiläumsfeier werden können. Julia Görges auf dem Centre-Court der Stuttgarter Porsche-Arena, wo ihr vor zehn Jahren der erste ganz große Sieg ihrer Karriere gelungen war.  Markus Günthardt, Turnierdirektor des Porsche Tennis Grand Prix, überreicht einen Blumenstrauß, und die Zuschauer auf den vollbesetzten Rängen feiern sie mit Standing Ovations. Doch daraus wird nichts.

Das Stuttgarter Weltklasseturnier (17. bis 25. April) findet wegen der Pandemie ohne Publikum statt. Dafür ist Julia Görges in einer neuen Rolle dabei. Welche das ist, wie sie auf ihre Karriere zurückblickt und wie gut sie schon angekommen ist in ihrem neuen Leben, erzählt sie im Interview.

Frau Görges, erinnern Sie sich noch an den 24. April 2011?

Julia Görges: Natürlich, diesen Tag werde ich nie vergessen. Da habe ich im Finale des Porsche Tennis Grand Prix die große Favoritin Caroline Wozniacki geschlagen, damals die Nummer 1 der Welt. Ein echter Gänsehautmoment. Es war mein erster ganz großer Erfolg, eigentlich der Start meiner Karriere. Immer wenn ich danach in Stuttgart spielte, wurden große Emotionen geweckt durch die Bilder in meinem Kopf.

Jetzt haben Sie bei dem Turnier eine neue Rolle übernommen. Welche?

Ich werde als eine Art Fan-Reporterin unterwegs sein und mich für die Social-Media-Kanäle des Turniers mit meinen früheren Kolleginnen treffen. Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe und hoffe, dass auch die Spielerinnen Spaß daran haben. Wir wollen die Fans, die in diesem Jahr leider zu Hause bleiben müssen, gut unterhalten und ihnen interessante Einblicke in den Turnieralltag der Stars vermitteln.

Wie gut sind Sie schon angekommen in Ihrem neuen Leben?

Eigentlich schon recht gut. Alles ist viel entspannter als zu der Zeit, als ich noch auf der Tennistour unterwegs war. Da bestand mein Leben in erster Linie aus Kofferpacken, Reisen, Stress, Jetlag und solchen Sachen. Vor allem war ich nie irgendwo richtig zu Hause. Jetzt genieße ich es, heimzukommen und in meinem eigenen Bett zu schlafen. Das ist für mich schon etwas Besonderes.

Sie sind nicht in ein tiefes Loch gefallen wie so viele Sportler nach dem Ende ihrer Karriere?

Nein. Ich wusste aber auch, dass das nicht passieren würde, weil ich mich auf das Leben nach dem Tennis gefreut habe. Es war einfach an der Zeit. Ich war lange genug dabei. Es war ein sehr intensives Leben in einem sehr speziellen Milieu, und als es dann so weit war, als ich bereit war, dieses Leben hinter mir zu lassen, da war meine erste Reaktion: Super, jetzt kann ich endlich mal richtig durchatmen.

Hatten Sie schon vor Ihrem Rücktritt Pläne für die Zeit danach?

Ich habe kurz vor meinem 32. Geburtstag aufgehört. In diesem Alter denkst du als Leistungssportlerin natürlich darüber nach, was du nach deiner Karriere machen willst. Es ist jedoch schwierig, Pläne für ein neues Leben zu machen, wenn du noch mitten drin im alten Leben steckst. Ich war 15 Jahre auf der Profitour, das ist eine lange Zeit mit viel Stress und Adrenalin. Für mich war es deshalb wichtig, meinem Körper und Geist die nötige Zeit zu geben, in meinem neuen Leben anzukommen.

Was haben Sie vom Tennis mitgenommen in Ihr Leben nach dem Tennis?

Vor allem die Disziplin und das Durchhaltevermögen, das man nicht nur im Profisport braucht, um erfolgreich zu sein. Auch im Alltag laufen die Dinge schließlich nicht immer so, wie man sich das vorstellt. In meiner Sportlerkarriere habe ich gelernt, nie aufzugeben, sondern immer zu versuchen, das Leben so positiv wie möglich zu gestalten.

Wie blicken Sie auf Ihre Karriere zurück? Gibt es etwas, das Sie schon vermissen?

Ich bin total glücklich und zufrieden, was ich in meiner Karriere geleistet habe und wie alles gelaufen ist. Es gab viele großartige Momente, auf die ich sehr stolz bin. Natürlich waren auch schwierige Zeiten dabei, trotzdem kann ich mit einem breiten Grinsen auf das zurückblicken, was ich erreicht habe. Mir fehlt jetzt auch nichts, außer vielleicht einige Kolleginnen und Freundinnen, mit denen ich das Leben auf der Tour über so viele Jahre geteilt habe. Das Tennis und die Reisen vermisse ich nicht.

Vielen Spitzensportlern ist es ein Anliegen, ihrem Sport nach ihrer Karriere etwas zurückzugeben. Wie ist das bei Ihnen?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, meine Erfahrungen mit jungen Spielerinnen, etwa aus den Porsche-Nachwuchsteams, zu teilen und ihnen Tipps zu geben. Dieses Geschäft ist kein Honigschlecken. Von außen betrachtet mag es toll erscheinen, viel zu reisen und die Welt zu sehen. Doch es gehören schon sehr viel Disziplin und Durchhaltevermögen dazu, da über viele Jahre dranzubleiben und seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Dafür muss man auch mal raus aus der Komfortzone, muss unangenehme Wege gehen, selbst wenn es wehtut.

Haben Sie seit Ihrem Rücktritt mal wieder Tennis gespielt?

Nein. Ich hatte seither keinen Schläger in der Hand. Die verstauben irgendwo im Keller. Ich hatte auch nie das Bedürfnis, noch einmal zu spielen.

Zur Person


Julia Görges, geboren am 2. November 1988 in Bad Oldesloe, gewann in ihrer Karriere insgesamt sieben WTA-Titel. Den Durchbruch in die Weltspitze schaffte sie 2011 mit ihrem Sensationssieg beim Porsche Tennis Grand Prix. 2017 feierte sie mit dem Gewinn der WTA Elite Trophy 2017 den größten Erfolg ihrer Karriere und übertraf als dritte Spielerin nach Serena Williams und Karolina Pliskova die magische Marke von 400 geschlagenen Assen in einer Saison.

2018 erreichte Julia Görges das Halbfinale beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon und holte in dem Jahr als Nummer 9 ihre beste Platzierung in der WTA-Weltrangliste.

Im Verlauf ihrer Profikarriere, die sie im Oktober 2020 beendete, erspielte sie sich insgesamt 9.913.954 Millionen Dollar Preisgeld.