Melbourne / Von Claus-Peter Andorka Tennis Julia Görges spricht über ihren Neustart bei den Australian Open und ihre Erwartungen für das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres. Von Claus-Peter Andorka

Julia Görges hat die Weichen auf Neustart gestellt. Mit einem neuen Trainer und einem neuen Team will die 31-jährige Wahl-Regensburgerin in dieser Saison zurück in die Top 10 der Weltrangliste. Bei den Australian Open trifft sie in der ersten Runde auf die Slowakin Viktoria Kuzmova.

Frau Görges, was ist das Besondere an den Australian Open und wo steht dieses Turnier auf Ihrer persönlichen Grand-Slam-Rangliste?

Julia Görges: Die Australian Open sind definitiv mein Lieblings-Grand-Slam. Die Stimmung in Melbourne ist einzigartig. Die Zuschauer sind fantastisch, auch die kleine, aber lautstarke deutsche Fankolonie sorgt immer für eine tolle Stimmung. Ich liebe Australien und fühle mich in diesem Land fast wie zu Hause, obwohl es so weit weg ist.

Machen Sie sich Sorgen wegen der schlechten Luft in Melbourne als Folge der vielen Buschfeuer in Australien?

Die Auswirkungen der Buschfeuer für die betroffenen Menschen und Tiere sind schrecklich. Angesichts dieser Katastrophe wird Tennis zur Nebensache. Ich hoffe, dass das alles möglichst bald vorbei ist und freue mich, dass so viele Spielerinnen mit Spenden helfen wollen, die Not der Betroffenen zu lindern und die Katastrophenhelfer zu unterstützen. Die schlechte Luft in Melbourne ist sicherlich ein Problem. Ich habe die Organisatoren von Tennis Australia in den letzten Jahren jedoch als sehr verantwortungsbewusst erlebt. Sie sind um das Wohl der Spielerinnen und Spieler sehr bemüht. Ich bin sicher, sie werden auch in dieser Ausnahmesituation die richtigen Maßnahmen ergreifen.

Was zählt für Sie bei einem Turnier wie den Australian Open vor allem – die erreichte Runde oder die Qualität der gespielten Matches?

Ganz klar die Qualität der gespielten Matches. Natürlich kommt es letztlich darauf an, zu gewinnen und eine Runde weiterzukommen. Vor allem bei einem so wichtigen Turnier wie den Australian Open. Wenn das gelingt, fragt niemand danach, wie gut man gespielt hat. Ganz wichtig ist für mich jedoch auch mein Wohlbefinden auf dem Platz, dass ich meine Schläge spüre, dass ich ein gutes Gefühl habe für die Situation, die Bewegung, den Abstand zum Ball. Wenn dann auch noch das Ergebnis stimmt, ist das natürlich umso besser. Doch im Tennis läuft es nicht immer so. Selbst wenn man gut spielt, verliert man mal Matches.

Sie haben in Jens Gerlach einen neuen Trainer gefunden. In welchen Situationen ist ein Trainer für Sie als erfahrene Spielerin besonders wichtig?

Eines meiner großen Ziele für diese Saison ist, bei den Grand Slams erfolgreicher zu spielen. Da kann mir Jens auf jeden Fall helfen. Er hat schon Anastasia Myskina zum Gewinn der French Open geführt, weiß also, was es braucht, um sieben Matches hintereinander erfolgreich zu absolvieren. Mein Coach muss mir ein gutes Gefühl geben, auf meine Bedürfnisse eingehen, die Arbeit im Team abstimmen und eine Vorstellung davon entwickeln, wie ich als Spielerin auf dem Platz agieren muss, um erfolgreich zu sein. Es gab immer wieder Spielerinnen, die versucht haben, ohne Coach auszukommen. Das hat selten gut funktioniert.

Welche Ziele haben Sie  für 2020?

Ich will wieder dahin, wo ich schon einmal war, also zurück in die Top 10. Dazu muss ich bei den großen Turnieren weit kommen, also auch jetzt bei den Australian Open. Ich fühle mich gut und hoffe, dass ich das auf dem Platz umsetzen kann.

An der Weltspitze hat sich 2019 einiges getan. Welche Spielerin hat Sie am meisten beeindruckt?

Bianca Andreescu. Beim Saisonauftakt in Auckland hat sie noch gegen mich verloren. Doch dann ist sie durchgestartet: Sie hat die großen Turniere in Indian Wells und Toronto gewonnen, dann auch noch die US Open. Am Jahresende stand sie auf Platz fünf der Weltrangliste. Und das mit 19 Jahren. Dieses Tempo hat mich sehr beeindruckt.

Caroline Wozniacki, gegen die Sie 2011 den Porsche Tennis Grand Prix gewonnen haben, beendet nach den Australian Open ihre erfolgreiche Karriere. Denken Sie ab und zu auch schon ans Aufhören?

Nein. Ich ziehe den Hut vor dem, was Caroline in ihrer Karriere geleistet hat. Ich wünsche ihr, dass sie in ihrem neuen Lebensabschnitt genau so glücklich wird, wie sie es im Tennis sicherlich war. Für mich ist das im Moment jedoch kein Thema. Im Gegenteil: Ich habe noch sehr viel vor und habe sportliche Ziele, die ich noch erreichen will.

Pro Ass 100 Dollar an Brandopfer

Julia Görges, geboren am 2. November 1988 in Bad Oldeslohe, schaffte 2011 als Sensationssiegerin beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart den Durchbruch in die Weltspitze. Ihren größten Erfolg feierte sie 2017 mit dem Gewinn der WTA Elite Trophy in Zhuhai. Insgesamt holte sie bisher sieben Einzeltitel auf der WTA Tour. Ihr bestes Grand-Slam-Ergebnis war 2018 der Einzug ins Halbfinale von Wimbledon, ihre beste Platzierung in der Weltrangliste Platz 9 (August 2018). Aktuell liegt sie auf Platz 38. Für jedes Ass, das sie bei den Australian Open schlägt, spendet sie 100 Dollar an die Buschfeuer-Katastrophenhilfe.