Auf die Stuttgarter kommt wieder ein Sturmhoch zu. Wie schon in München in der Vorwoche. Doch diesmal nähert es sich aus dem Westen. Man kann es Toni nennen, weil die Fans des 1. FC Köln ihren Lieblingsfußballer so rufen. Anthony Modeste, 34, steht im Zentrum des Sturms. Um ihn herum dreht sich alles im Angriffsspiel der Rheinländer. 19 Tore hat Modeste bereits erzielt, neun davon mit dem Kopf. Den Franzosen mit dem wuchtigen Körper gilt es zu stoppen, wenn der VfB am Samstag (15.30 Uhr/Sky) gegen die Elf von Trainer Steffen Baumgart zum Erfolg kommen will, um die Klasse möglichst noch direkt zu halten.

Das wissen die Verteidiger
Waldemar Anton, Konstantinos Mavropanos und Hiroki Ito
bereits aus leidvoller eigener Erfahrung in diesem Spieljahr. Zum Ende der Hinrunde traf Modeste zum 1:0 in letzter Minute – per Kopf. Im DFB-Pokal schoß er beide Tore beim 2:0-Sieg gleich nach seiner Einwechslung – mit dem rechten Fuß. Die Treffer entsprangen dabei dem Kölner Angriffsmuster: Die Gefahr kommt zunächst von außen, und in der Mitte schleicht sich Anthony Modeste davon. „Die Kölner schlagen die meisten Flanken in der Liga, und Modeste bewegt sich sehr gut im Strafraum“, sagt der unabhängige Spielanalyst und Sportinformatiker Jonas Bischofberger.

Zwei Kölner Vielflanker

Laut den Daten des Ligaverbands DFL zählen Florian Kainz (102/6.) und Benno Schmitz (82/8.) zu den Vielflankern, beide Kölner sind in dieser Statistik unter den Top Ten platziert. Zum Vergleich: Filip Kostic (Eintracht Frankfurt) und David Raum (TSG Hoffenheim) liegen mit je 183 Flanken aus dem Spiel vorne. Borna Sosa vom VfB ist Fünfter (106) – worin die linke Erfolgsmasche der Stuttgarter (Flanke Sosa, Kopfball Sasa Kalajdzic) begründet liegt. Die Kölner greifen jedoch über beide Flügel nahezu gleich viel an. Bischofberger weist hingegen auf eine andere Besonderheit hin.

„Es mag überraschend klingen, aber ähnlich wie der FC Bayern hat die Kölner Mannschaft viel Ballbesitz und presst den Gegner sehr hoch.“ Nur der Meister selbst (61,0 Prozent), Borussia Dortmund (56,8) und RB Leipzig (54,5) halten das Spielgerät noch mehr in ihren Reihen als das Baumgart-Team (54,3), das im Ligafinale vom sicheren Conference-­League-Rang in die Europa League strebt. Spitze sind die nächsten Gäste in einer anderen Kategorie. „Kölns Gegner haben die niedrigsten Passquoten der Liga“, sagt Bischofberger, „das bedeutet, dass von der FC-Elf im Spiel gegen den Ball von allen Seiten sehr viel Druck auf den Gegner ausgeübt wird.“ Wie die Bayern pflegen die Rheinländer einen hohen Dominanzanspruch und wollen sich die Kugel bei Ballverlust innerhalb von Sekunden zurückholen. Angetrieben von ihrem Trainer am Spielfeldrand. Baumgart fordert die Vorwärtsverteidigung – und lebt sie in der Coachingzone vor.

„Die Restfeldverteidigung der Kölner ist sehr aggressiv. Generell verlassen die Spieler recht weit ihre Positionen, um den gegnerischen Ballbesitzer einzukreisen“, sagt Bischofberger. Und wie beim leidenschaftlichen 2:2 in München ergeben sich dadurch Räume und Möglichkeiten für die Stuttgarter. Zum Beispiel hinter den aufgerückten Außenverteidigern. Prädestiniert für die VfB-Konter sind Tiago Tomas und Omar Marmoush mit ihrem Tempo, dazu Borna Sosa und Chris Führich. Ein weiterer Angriffspunkt: Die Kölner bauen zwar gerne über die Außenpositionen und mit langen Pässen auf, sind in der Mitte aber anfällig für Ballverluste. Mit dem Mut von München ergeben sich Chancen. „Gegen die Bayern braucht man einen guten Mix aus tief stehen und vorne draufgehen“, meinte der Trainer Pellegrino Matarazzo vor dem Spiel.

Sein Team bekam die taktische Mischung hin, da es nicht in Passivität verfiel und die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen kompakt hielt. Gegen den Tabellensiebten wird sich das Verhältnis jedoch verändern. Mehr Ballbesitz, weniger Umschaltmomente. Die Stuttgarter werden das Spiel verstärkt selbst gestalten müssen, zumal sie einen Sieg ansteuern. „Wenn die VfB-Spieler voller Überzeugung bereits die Verteidiger anlaufen, werden sie aber zu Ballgewinnen kommen“, sagt Bischofberger.

Extrem laufstarker Gegner

Doch Vorsicht! Dem Sturmhoch Toni ist nicht nur mit einem ausgefeilten Matchplan zu begegnen. Es braucht ebenso wie zuletzt bei den Bayern ein hohes Laufvermögen – und reichlich Intensität in den Zweikämpfen gegen Modeste und Co. Denn die Kölner gehören auch zu den laufstärksten Teams in dieser Bundesliga-Saison. Auf insgesamt 3831,9 Kilometer bringen sie es schon und belegen damit den sechsten Rang. Der VfB kommt auf 3695,6 Kilometer. Das bedeutet Position 15 – den Platz der Sehnsüchte in der Endabrechnung.

Traditionstrikots als besonderer Ansporn


Im Kampf um den Klassenerhalt beschwört der VfB den Geist von 1992. Die Stuttgarter werden zum letzten Heimspiel gegen den 1. FC Köln am Samstag (15.30 Uhr/Sky) in Sondertrikots antreten. Diese sind optisch an jene Jerseys angelehnt, die die Stuttgarter in der Saison 1991/1992 trugen. Damals sicherte sich der VfB mit einem 2:1 bei Bayer Leverkusen am letzten Spieltag die Meisterschaft. Aktuell liegt der VfB in der Tabelle auf dem Relegationsrang 16. Gewinnen die Stuttgarter gegen Köln und verliert Hertha BSC zur gleichen Zeit bei Borussia Dortmund, ziehen die Cannstatter noch an den Berlinern vorbei und verbessern sich auf den rettenden 15. Platz.