Die Bilanz ist atemberaubend. 121 Länderspiele, 75 Tore, 55 Torvorlagen. Besser war nur der legendäre Pelé. Neymar da Silva Santos Junior, kurz Neymar, steht wie wohl kein anderer Spieler für die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft der vergangenen Jahre. Für Triumphe und Dramen. Grenzenlose Begeisterung und markerschütternde Enttäuschung. Der Fintenkönig soll das stolze Land nun bei der WM in Katar zum Titel führen. Es wäre der erste seit 2022, als man das deutsche Team mit 2:0 schlug. An diesem Donnerstag (20 Uhr/ZDF) geht es für die Seleção los. Zum Auftakt wartet Serbien. 

Die Erwartungen in Brasilien sind mal wieder riesig, die Kritik am Trainer traditionell auch. Nationalcoach Tite ist nicht sonderlich beliebt in seinem Land. Er hole nicht das Maximum aus seinen talentierten Spielern heraus. Und überhaupt: Die Mannschaft müsse attraktiver spielen, lauten die Vorwürfe, die man in dem fußballverrückten Land, für das nur der Titel zählt, eigentlich immer hört.

Viele Höhen und Tiefen

Einig sind sich die meisten Beobachter, dass es auf einen besonders ankommen wird: Neymar. Er kann in der Tat den Unterschied auf dem Feld ausmachen, ein Spiel von einem auf den anderen Moment durch einen Geistesblitz entscheiden. Inzwischen ist Neymar 30. Allzu viele Möglichkeiten, den WM-Pokal in die Höhe zu strecken, hat er nicht mehr. Nun soll er in dem Wüsten-Emirat ein Team Hochbegabter anführen. Vinicius Junior (Real Madrid, 22), Antony (Manchester United, 22) und Raphinha (FC Barcelona, 25) stehen mehr oder weniger noch am Anfang ihrer Karrieren, sie schauen zu ihrer Nummer 10 auf. Schließlich hat der schon vieles gewonnen und einiges mitgemacht.

2014 bei der WM im eigenen Land verpasste Neymar das Halbfinale gegen Deutschland, in dem die Seleção in einem Spiel, das niemand mehr vergisst, mit 1:7 gegen den späteren Weltmeister Deutschland unterging. Eine Demütigung, von der sich das fußballverrückte Riesenland bis heute nicht so recht erholt hat.

Es folgte eine sportliche Achterbahnfahrt für die Brasilianer. Mal mit, mal ohne Neymar: 2016 feierte das Team, angeführt von seinem Kapitän, den Olympia-Sieg im heimischen Rio, 2018 beweinten die leidenschaftlichen Fans den bitteren Viertelfinal-Knockout gegen Belgien, obwohl Neymar in dem Turnier gut drauf war und keineswegs enttäuschte. 2019 dann wieder grenzenloser Jubel: Der Gewinn der Copa America hob die Stimmung, Neymar allerdings fehlte. Er war verletzt.

Der 30-Jährige spielt seit 2012 in Europa. Zunächst beim FC Barcelona, mit dem er die Champions League gewann und damit die begehrteste Trophäe auf Vereinsebene. Inzwischen gehört der Brasilianer zum mit katarischen Dollar-Millionen finanzierten Luxus-Kader von Paris St. Germain.

Dort, so ist zu hören, legt sich der Brasilianer seit Beginn dieser Saison offenbar mächtig ins Zeug. „Für uns Brasilianer gibt es da eine kleine Trophäe zu gewinnen“, schrieb Neymar im August auf Instagram. Gemeint war natürlich die WM in Katar, auf der – PSG hin, PSG her – sein Fokus augenscheinlich besonders liegt. Keine Frage: Neymar will es wissen. Und seinen Kritikern etwas beweisen. Für die einen ist ein alberner Schwalben- und Purzelbaumkönig, für andere ein Ausnahmespieler. An Neymar, der gerne auf Partys protzt und den inzwischen abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro unterstützt, scheiden sich die Geister. Nicht nur in seinem Heimatland.

Da tut Unterstützung gut. Erst recht, wenn sie von jemandem wie Romário kommt, Weltmeister von 1994. In einem Brief hat dieser sich an Neymar gewandt. Das Land solle Neymar vertrauen. Niemand verdienen es mehr als dieser, „den Titel“ zu holen, schreibt der 56-Jährige. Und weiter: „Jetzt bist du dran!“

Maniokmehl als Energielieferant


5,5 Tonnen Gepäck, darunter 700 gelbe und 230 blaue Trikots: Die Brasilianer haben auf der Jagd nach ihrem sechsten Weltmeister-Stern für alle Fälle vorgesorgt, wie sich schon nach der Landung zeigte. Bis ins kleinste Detail informierte der brasilianische Verband Journalisten über die sehr umfangreiche Ausrüstung.

Medizinische Geräte wie ein Laser sind aufgeführt, zahlreiche Medikamente und sogar eine Druckkammer. Aber auch Lebensmittel: 30 Kilogramm kohlenhydrathaltiges Maniokmehl dienen als Energielieferant.