Als er seine Approbation wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verloren hatte, wurde der Arzt Trainer bei einem Fußballverein. „Von einer Jungenmannschaft“, sagt Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Fall des Arztes, der Jahre zurückliegt, hat Feger geprägt. Dem Experten für Kinderschutz verdeutlicht es, wie einfach es war und ist, über Sportvereine Zugang zu Kindern und Jugendlichen zu bekommen.

Sexuelle Übergriffe und Missbrauch in Sportvereinen sind ein blinder Fleck. Das zeigte im vergangenen Jahr eine großangelegte Studie des Ulmer Kompetenzzentrums für Kinderschutz. Und wird durch eine neue Studie aus England verdeutlicht, die die britische Aufarbeitungskommission IICSA im Juni veröffentlichte.  Von 3939 befragten Personen berichten 64 von sexuellem Missbrauch im sportlichen Umfeld. Zwei Prozent – die fast alle Opfer von Übergriffen durch Trainer oder ehrenamtlich Engagierte wurden. „Mich hat diese Zahl nicht überrascht“, sagt Psychiater Fegert, „unsere Studien in Deutschland geben ähnliche Hinweise.“

In Freiburg ist in diesen Tagen ein 31 Jahre alter Fußballtrainer angeklagt. Der Vorwurf: Verbreitung und Besitz von kinderpornografischem Material sowie sexueller Missbrauch. Er soll seine Tätigkeit als Jugendtrainer ausgenutzt haben, war in Freiburg und Umgebung bei mehreren Vereinen, auch im Nachwuchsleistungszentrum von Fußball-Zweitligist Karlsruher SC.

Ambivalenz und Abhängigkeit

„Wenn ein Täter auf eine bestimmte Altersgruppe steht“, sagt Fegert, der auch das Kompetenzzentrum für Kinderschutz des Landes leitet,  „hat er beim Sport, wo nur Jungs oder Mädchen trainiert werden, schon eine Vorauswahl.“ Und könne sich so auch gezielt eine Altersgruppe aussuchen. Die Nähe, die sich bei Ausfahrten und Ausflügen, der vielen Zeit, die man miteinander verbringt, einstellt, nutzen Täter gezielt aus. „Das sind oft sehr talentierte Pädagogen. Sie sind kreativ, schaffen Situationen, die Nähe mit sich bringen, aber auch Spaß“, sagt Fegert und erklärt, dass Kinder, die von Eltern, Angehörigen, Erziehern oder Trainern missbraucht werden, oft auch Positives in dieser Beziehung erfahren haben. „Ganz platt müsste man ja denken: Die Kinder hassen diese Person“, sagt der Psychiater, der in seiner Laufbahn schon viele solcher Fälle begleitet hat. „Oft sagen sie, wenn wir mit ihnen über solche Erlebnisse sprechen: ‚Ich will, dass es aufhört. Ihn weiter als Trainer oder Vater haben, will ich aber’.“ Diese Ambivalenz sei in diesen Abhängigkeitsverhältnissen typisch. Und belege die Glaubhaftigkeit der Aussagen.

Die Ulmer Studien aus den vergangenen Jahren zeigen, dass es Übergriffe  im Breiten- wie im Leistungssport gibt. So sollen in Deutschland 200 000 Kinder und Jugendliche im Breitensport sexualisierte Gewalt erlebt haben. Im Leistungssport waren es fast ein Drittel der Befragten, 2017 wurden die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Safe Sport“, das gemeinsam mit der Kölner Sporthochschule erarbeitet wurde, veröffentlicht.

Weil im Leistungssport die Beziehungen enger sind, der Zeitraum, der miteinander trainiert und verbracht wird, länger ist, gibt es dort mehr Gelegenheiten, und vor allem die Abhängigkeit ist deutlich größer. „Im Leistungssport entstehen besondere Nähe-Verhältnisse“, sagt Fegert. „Die Kinder werden von manchen ehrgeizigen Eltern den Trainern bewusst in die Hand gegeben. Natürlich ohne, dass diese ahnen, wozu das führen kann.“ Ungefähr die Hälfte der Täter, unabhängig vom Sport, sei nach Auffassung von Sexualforschern wirklich pädophil, sagt der Ulmer Psychiater: „Die andere Hälfte – ich würde den Anteil im Vergleich sogar größer schätzen – nutzen die Gelegenheit zu sexualisierter Gewalt aus.“

Die Dunkelziffer im sportlichen Umfeld ist nach wie vor sehr hoch. Es habe sich in den vergangen Jahren zwar etwas getan, ein kontinuierlicher Prozess der Weiterentwicklung aber fehlt. Eine große Studie auf Bundesebene steht noch aus, ein E-Learning-­Programm für Trainer, das auch Schutz­konzepte und die Verantwortung ihrer Tätigkeit vermitteln soll, gibt es noch nicht. Allein das Einziehen von Führungszeugnissen reicht nicht, sagt ­Fegert: „Wir brauchen Schutz­konzepte, die in der Breite umgesetzt werden und auf die Risiken vor Ort zugeschnitten sind.“

Für den einzelnen Sportverein – aber vor allem für die Kinder. An diesem Dienstag wird das Urteil gegen den in Freiburg angeklagten  Fußballtrainer erwartet.

Maßnahmen zur Prävention


1Was sind im Verein die speziellen Risiken? Professor Jörg Fegert rät, dass sich der einzelne Sportverein einer Risikoanalyse unterzieht und zum Beispiel neue oder unbekannte Trainer zunächst nicht alleine mit den Kindern lässt.  Stichwort: Vier-Augen-
Prinzip.

2 Beispiel Schweiz: Dort gehören regelmäßig Gespräche mit den Platzwarten und Personen abseits der Trainingsroutine zur Prävention. Denn sie beobachten oft mehr als Vereinsvorstände, die zum Teil fern vom alltäglichen Geschehen auf den Sportplätzen sind.

3 Schutz geben sollen auch systematische Schulungen. Ehrenamtliche müssen als Bezugspersonen ernst genommen werden und darin geschult werden, was es heißt, die Verantwortung gegenüber Kindern zu tragen, sagt Fegert, um sie so  zu sensibilisieren.