Die Worte unterscheiden sich, die Botschaft bleibt die gleiche. „Wir wollen, dass das endlich aufhört“, sagte eine junge Sportlerin. „Täglich erniedrigt zu werden, hinterlässt irgendwann Spuren“, sagte eine andere. „Ich hatte Angst, dass er meine Karriere zerstört“, erzählte zuletzt eine Athletin. Sie alle wurden schikaniert, gequält, bedrängt, im schlimmsten Fall sexuell missbraucht. Von Trainerinnen oder Trainern. In einem Umfeld, in dem sie sich geschützt fühlen wollen und sich geschützt fühlen müssten.

Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) wurde jüngst von Missbrauchsvorwürfen gegen den langjährigen Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz erschüttert. Die Staatsanwaltschaft Würzburg ermittelt gegen den zurückgetretenen 43-Jährigen wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener. Er selbst bestreitet die Vorwürfe.

Vorwürfe gegen Trainerin

Am Olympia-Stützpunkt in Chemnitz warfen Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer und weitere Turnerinnen der Trainerin Gabriele Frehse vor, sie im Training schikaniert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben. Frehse hat die Vorwürfe mehrfach bestritten. Ende Oktober hatte der Landessportverband Baden-Württemberg mitgeteilt, dass gegen einen Trainer und weitere Personen aus dem Leistungssport der Verdacht sexualisierter Gewalt gegenüber Boxerinnen vorliege. In Österreich wurde Ende Februar ein ehemaliger Fußballtrainer „wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen“ in Wien zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Auch Fälle aus dem Fechten oder dem Judo wurden publik. „Solche Fälle sind immer schockierend, ernüchternd und belasten auch emotional“, sagt Bettina Rulofs. Die 49 Jahre alte Professorin für Sportsoziologie von der Bergischen Universität Wuppertal ist Expertin für die Erforschung von Gewalt und sexualisierter Gewalt im Sport.

Deutliche Zunahme?

Haben Übergriffe, sexuelle Gewalt oder Misshandlungen zugenommen? Werden die Fälle eher öffentlich gemacht, erhalten mehr Aufmerksamkeit? Warum tun sich Teile des Sports noch immer so schwer mit der Aufarbeitung? Und warum gibt es noch keine unabhängige und übergeordnete Anlaufstelle für Betroffene?

„Ob die Häufigkeit des Auftretens von sexualisierter Gewalt zu- oder abgenommen hat, das können wir wissenschaftlich im Moment nicht solide sagen oder feststellen, weil es dazu keine Längsschnitt-Daten gibt“, erläutert Rulofs. Sie sagt aber auch: „Wir beobachten, dass das Thema mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, der Sportverbände und auch der Sportlerinnen und Sportler gerückt ist.“ Verbände oder Vereine hätten sich „in den letzten Jahren auf den Weg gemacht“ und seien „schon tolle Schritte gegangen“, sagt sie. Tatsächlich sind Fortschritte zu erkennen. Die Reiterliche Vereinigung etwa richtet mit Unterstützung einer Psychologin einen Betroffenenrat ein, der das Thema Aufarbeitung sexualisierter Gewalt angehen soll. Der Deutsche Fechter-Bund hat eine eigene Anlaufstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt und orientiert sich gemeinsam mit seiner Deutschen Fechterjugend an den Regeln der Deutschen Sportjugend. Kinder- und Jugendschutzbeauftragte sollten mittlerweile auch in den kleinsten Vereinen zum Pflichtpersonal gehören.

Zu oft jedoch hören sich erste Reaktionen noch so an: „Ziel des DSV ist es, potenzielle Fälle umfassend aufzuarbeiten und auch zu überprüfen, inwieweit bestehende Strukturen verbessert werden müssen, um zukünftig mehr Sicherheit zu schaffen“. Oder auch: „Der Deutsche Turner-Bund hat (...) einen Strukturwandel gefordert.“ Das reicht aber nicht. Eine „Kultur des Hinsehens“ fordert Maximilian Klein von der Vereinigung Athleten Deutschland. Der 28-Jährige ist Mit-Autor eines Impulspapiers, das Ende Februar vorgestellt wurde und sich für eine unabhängige Anlaufstelle stark macht. Es brauche „eine Struktur- und Kulturdebatte gleichermaßen“, sagt Klein.

Diese hat sich seit einem öffentlichen Hearing der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung im Oktober 2020 intensiviert. Von einer „extrem emotionalen und aufrüttelnden Veranstaltung“ spricht Klein. 93 Sportlerinnen und Sportler hatten der Kommission über sexuelle Gewalt im Sport berichtet. Schon damals wies die Kommissions-Vorsitzende Sabine Andresen allerdings auch darauf hin, dass man „von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“ müsse.

Thema im Bundestag

Ende Februar befasste sich der Sportausschuss des Bundestages mit dem Fall Chemnitz. Der Ex- Spitzenturner und heutige Sportpolitiker Eberhard Gienger sagte danach: „Dass der Sport nicht besser und nicht schlechter ist als die Gesellschaft, aus der er hervorgeht, das muss klar sein.“ Und doch ist der Tenor oft: Verbände und Vereine allein sind im Umgang mit dem Thema überfordert. „Es stellt sich die Frage: Brauchen wir als Gesellschaft nicht eine Art nationale Strategie gegen Gewalt und Missbrauch im Sport?“, formuliert es Klein.

Andere Länder wie die USA, Kanada oder Australien sind weiter. Dort gibt es bereits unabhängige Anlaufstellen. Beim Kampf gegen die „dunkelsten Seiten, die Schattenseiten des Sports“ (Klein) soll solch ein Zentrum auch in Deutschland entstehen. Die ersten Schritte sind getan: Anfang Mai befasst sich der Bundestag mit dem Thema. dpa

Hartnäckige Forschungsarbeit, tiefe Einblicke


Expertin Dr. Bettina Rulofs, 49, ist Professorin für Sportsoziologie an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal und forscht zu Gewalt und sexualisierter Gewalt im Sport. Vor fünf Jahren leitete sie, damals an der Sporthochschule Köln, das Forschungsprojekt „Safe Sport“ mit dem Uni-Klinikum Ulm, in dem Ausmaß und Formen sexualisierter Gewalt im Sport untersucht wurden – bislang die einzige umfangreiche Erhebung dazu in Deutschland.