Inflation, Energiekrise, Corona – selbst die Aussicht auf den spannenden Vierkampf an der Spitze kann die Sorgen im Handball nicht übertünchen. „Ich will keine schlechte Stimmung herbeireden, aber es ist eine schwierige Situation“, sagt Frank Bohmann vor Beginn der 57. Bundesliga-Saison an diesem Donnerstag.

Der erste Anpfiff ist noch gar nicht ertönt, da muss sich der HBL-Geschäftsführer schon wieder mit Worst-Case-Szenarien beschäftigen. „Nach zwei turbulenten Jahren sehnen wir uns nach Normalität“, ächzt Bohmann, „doch mit der Energiekrise infolge des fürchterlichen russischen Angriffskrieges und auch weiterhin dem Corona-Thema stehen wir erneut vor großen Herausforderungen. Ich hoffe, dass es nicht so dramatisch wird.“

Wirtschaftlich könnte es die 18 Erst- und 20 Zweitligisten in den kommenden Wochen und Monaten aber hart treffen. Vor allem bei den Top-Teams laufe der Dauerkartenverkauf zwar „so gut wie vor der Pandemie. Doch andere müssen um jeden Zuschauer schwer kämpfen“, sagt Bohmann mit Blick auf die hohe Teuerungsrate: „Die Menschen halten ihr Geld zusammen, das spüren unsere Klubs deutlich.“

Selbst beim Supercup-Kracher zwischen Meister SC Magdeburg und Pokalsieger THW Kiel lief der Ticketverkauf sehr schleppend. Das Thema Konsumzurückhaltung könne man, so Bohmann, „nicht mal eben per Handschlag lösen“.

Bei den Klubs wird schon eifrig gerechnet. Die explodierenden Energiekosten schlagen auch im Handball voll durch und sorgen für angepasste Reisebudgets und steigende Hallenmieten. Bohmann geht zwar davon aus, die drastisch erhöhten Energiepreise „irgendwie stemmen zu können“.

„Doch das Thema zieht deutlich weitere Kreise“, sagte der 57-Jährige und führte aus: „Gerade liegt uns beispielsweise ein Gesetzentwurf für LED-Werbung vor, für die es ein Beleuchtungsverbot für die Zeit zwischen 22 Uhr und 16 Uhr geben soll. Wenn das so kommt, müssen wir wieder improvisieren und Notfallpläne schreiben.“ Krisenmanagement sind sie in der HBL gewöhnt. Nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie wächst momentan die Sorge, dass neben all den neuen Baustellen auch dieses Thema die Klubs im Herbst wieder einholen könnte. „Die möglichen Verordnungen sehen wieder dicke Bandagen vor. Wir bereiten uns auf schwere Zeiten vor“, sagte Bohmann. Sollte man „wieder Lockdown-ähnliche Zustände bekommen, werden wir an unsere Grenzen stoßen“.

Kiel sinnt auf Ravanche

Und doch versucht die Liga, die vielfältigen Aufgaben ungeachtet der kniffeligen Rahmenbedingungen „optimistisch“ und „mit geradem Rücken“ anzugehen. „Das ist eine Frage der Grundhaltung“, sagte Bohmann, der sich sportlich auf eine interessante Saison freuen darf.

An der Tabellenspitze winkt Hochspannung. Vier Teams könnten bei der Titelvergabe ein Wörtchen mitreden. Gute Karten hat der SC Magdeburg, der mit Trainer-Shootingstar Bennet Wiegert und seinem nur leicht veränderten Kader eine Wiederholung des Meistercoups anstrebt. Dies verhindern will der THW Kiel, der nach Platz zwei auf Revanche sinnt. Größtes Handicap des Rekordchampions sind die langwierigen Verletzungen von Spielmacher Sander Sagosen und Abwehrchef Hendrik Pekeler, die große Teile der Saison verpassen werden. Dahinter lauern die mit Top-Rückraumspieler Mathias Gidsel verstärkten Füchse Berlin und die SG Flensburg-Handewitt. „Ich habe immer noch den Traum, dass es mal eine Handball-Bundesliga gibt, in der der Meister vielleicht mal 15 Minuspunkte hat“, sagte Magdeburgs Trainer Wiegert zur gestiegenen Leistungsdichte in der Liga. Letztes Jahr hatte der SCM derer vier (Kiel als Zweiter zehn).

Frisch Auf Göppingen gastiert zum Auftakt am Sonntag (16.05 Uhr) bei den Füchsen in Berlin, der MTV zur selben Zeit beim Titelkandidaten THW Kiel.

Und wer zeigt die Partien? Sämtliche 306 Ligaspiele werden vom Bezahlsender Sky übertragen. Die ARD-Anstalten dürfen zwölf Spiele live im Free-TV zeigen, vier davon laufen im Ersten, darunter ein Halbfinale und das Finale des DHB-Pokals. sid/swp

Neue Gesichter in der besten Liga


Neulinge Zum Shootingstar könnte Mathias Gidsel werden. Der MVP des olympischen Turniers wurde von der halben Handball-Welt gejagt, entschied sich aber für die Füchse Berlin. Gespannt darf man auch sein auf die beiden Kieler Eric Johansson (Schweden/Rückraum) und Karl Wallinius (Schweden/Rückraum) sein. Ebenso auf den neuen Schweizer Keeper Nikola Portner, der in Magdeburg Jannick Green ersetzt.

Aufstieg Ein echter Hingucker aus deutscher Perspektive ist Julian Köster. Nach dem Aufstieg mit Gummersbach könnte der Senkrechtstarter der Nationalmannschaft auch in der Bundesliga zu einer Attraktion werden.

Nachfolge Juri Knorr tritt ein schweres Erbe an. Der 22-Jährige soll bei den Rhein-Neckar Löwen Andy Schmid ersetzen. „Ich bin froh, jetzt mein Ding machen zu können“, sagt Knorr über das Ende seiner Rolle als Kronprinz hinter König Schmid.