Heidenheim/Ulm / Carsten Muth Die kräftezehrenden Entscheidungsspiele setzen den Beteiligten schwer zu – allen voran Florian Kohfeldt, dessen Zukunft als Werder-Coach offen ist. Von Carsten Muth

Als die Relegation vorbei, der Last-Minute-Klassenerhalt geschafft war, vergrub Florian Kohfeldt das Gesicht in seine Hände, während seine Spieler vor Freude Luftsprünge vollzogen. Bremens Coach war ausgelaugt, fertig, einfach platt. Wenig später während des Interview-Marathons ging sein Blick immer wieder ins Leere. Der Schweiß stand dem 37-Jährigen auf der Stirn.

Werder war dem sportlichen Tod nochmal von der Schippe gesprungen, bleibt nach dem dramatischen 2:2 im Rückspiel beim 1. FC Heidenheim Fußball-Bundesligist. So richtig darüber freuen konnte sich Kohfeldt offensichtlich nicht. Hin und wieder huschte ihm ein Lächeln übers Gesicht. Zu mehr war der Werder-Trainer nicht in der Lage.

Erst eine völlig verunglückte Saison, in der Werder Spiel um Spiel verlor, viele Verletzte zu beklagen hatte, permanent am Abgrund taumelte, schließlich die Nervenschlacht gegen den physisch enorm starken Zweitligisten Heidenheim – alles das hatte Kohfeldt mächtig zugesetzt. Bremens Sportchef Frank Baumann sprach dem Trainer kurz nach dem Abpfiff zwar erneut das Vertrauen aus. Ob Kohfeldt, der noch einen Vertrag bis 2023 besitzt, selbst weitermachen möchte, ist jedoch unklar. Er sagte: „Wir werden nichts am Zeitplan ändern. Wir werden uns die nächsten Tage zusammensetzen und besprechen, was das Beste für Werder ist.“

Bis Ende der Woche soll eine Entscheidung kommuniziert werden, die Trainerfrage geklärt sein. „Es kann kein Weiter so geben und es wird kein Weiter so geben, das ist vollkommen klar“, betonte Bremens Trainer.

Werder vor schweren Zeiten

Womöglich wurde Kohfeldt an diesem kühlen Juni-Abend in der Heidenheimer Voith-Arena bewusst, dass seinem Herzensklub trotz des Klassenerhalts schwere Zeiten bevorstehen. Dem viermaligen Deutschen Meister fehlen – auch infolge der Coronakrise – die finanziellen Mittel, um die Fehler in der Kader-Zusammensetzung aus dem vergangenen Jahr umfassend zu korrigieren. Durch den Klassenverbleib greifen die millionenschweren Kaufverpflichtungen für Abwehrspieler Ömer Toprak oder Mittelfeldmann Leonardo Bittencourt.

Und Bremens Gegner Heidenheim? Die FCH-Spieler gingen erhobenen Hauptes vom Platz. Auch wenn Spieler und Trainer schwer enttäuscht waren. Ein Treffer hat dem FCH zum ersten Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte gefehlt. Das Team von Coach Frank Schmidt scheiterte in der Relegation, obwohl es in den Ausscheidungsspielen ungeschlagen geblieben war. 0:0 hieß es im Hinspiel in Bremen. Beim 2:2 im Rückspiel profitierte Werder dann von den auswärts erzielten Treffern. „Deshalb sind wir keine Verlierer“, betonte der FCH-Trainer, dem die Strapazen der vergangenen Wochen ebenfalls ins Gesicht geschrieben waren. „Wir sind keine Verlierer.“ Diesen Satz sagte Schmidt im Laufe des Abends immer wieder – auch mit Blick auf die abgelaufene Spielzeit in der zweiten Liga, die die Heidenheimer als Tabellendritter abschlossen. So weit oben standen die Heidenheimer noch nie. Aber auch der FCH geht einer ungewissen Zukunft entgegen. Leistungsträger wie Niklas Dorsch oder Tim Kleindienst könnten den Klub verlassen. Berichten zufolge ist Bundesligist Union Berlin an einer Verpflichtung von Mittelfeldspieler Sebastian Griesbeck interessiert.

Einen stillen Abschied feierte Werder-Stürmerlegende Claudio Pizarro. Der 41-Jährige hat seine Karriere beendet. Die Relegation verfolgte er von der Bank aus. Letzte Einsatzminuten waren dem Peruaner nicht vergönnt. „Ich habe mich bei Claudio entschuldigt, dass ich ihn nicht bringen konnte“, sagte Trainer Kohfeldt, um sich mit folgender Aussage aus Heidenheim zu verabschieden: „Scheiß Saison, gutes Ende. Ich bin einfach nur froh, dass wir das geschafft haben.“

Randale in Heidenheim und Bremen

Krawalle in der Bremer Innenstadt, Wurf-Attacken auf den Werder-Mannschaftsbus in Heidenheim: Nach dem Relegations-Rückspiel zwischen dem FCH und Werder haben Randalierer am Heidenheimer Stadion und in der Bremer Innenstadt für unschöne Bilder gesorgt. In Bremen bewarfen Werder-Fans Polizisten mit Flaschen und Böllern, als diese wegen Corona die Einhaltung von Hygieneregeln gewährleisten wollten. In Heidenheim bespritzten Randalierer weit nach Spielschluss feiernde Werder-Spieler mit Bier und warfen Steine und Flaschen gegen den Mannschaftsbus. Eine Scheibe des Fahrzeugs ging dabei zu Bruch.

Die Polizei berichtet von einer aufgeheizten und aggressiven Stimmung in Heidenheim. Polizisten drängten die FCH-Fans ab, um dem Bus die Abfahrt des Werder-Busses zu ermöglichen. Gegen einen 28- und einen 29-Jährigen wird ermittelt. Es entstand Sachschaden in Höhe von mehreren tausend Euro.