So ein Wirrwarr wäre im Fußball komplett undenkbar. Man stelle sich vor: Hansi Flick und seine Nationalmannschaft müssen in der WM-Qualifikation auf zahlreiche Bayern- und Dortmund-Profis verzichten, weil diese am selben Abend in der Champions League antreten. Stattdessen füllt der DFB seine Mannschaft mit Spielern aus Freiburg, Mainz und Augsburg auf. Was im Sinne des sportlichen Wettbewerbs utopisch und absurd klingt, wird im für Terminchaos seit Jahren bekannten Basketball mal wieder Realität.

Bei der Premiere von Bundestrainer Gordon Herbert spielt Deutschland an diesem Donnerstag (19 Uhr/Magentasport) in Nürnberg gegen Estland. Es ist der Auftakt der WM-Qualifikation für 2023. Doch nicht dabei sein können ausgerechnet die Profis des FC Bayern München, die am selben Abend um 18 Uhr bei ZSKA Moskau spielen.

„Es ist wirklich schwierig“

Ebenfalls nicht nominieren kann der Kanadier Herbert: Alle sieben NBA-Akteure, die Spieler von Alba Berlin sowie die weiteren Profis, die bei ausländischen Klubs in der Euroleague aktiv sind. „Es ist schwierig mit den Nationalmannschaftsfenstern während der Saison und dem Konflikt zwischen Fiba und der Euroleague. Aber als Trainer habe ich die Verantwortung, mich entsprechend anzupassen, wie die Situation ist“, sagte Herbert. Viel übrig bleibt da nicht. Der  Deutsche Basketball Bund (DBB) hatte am Montag mitgeteilt, dass die Euroleague-Spieler „trotz anhaltender Bemühungen“ wohl nicht zur Verfügung stehen. Auch nicht für das zweite Spiel am Sonntagabend in Polen, das terminlich machbar gewesen wäre, weil zumindest die nationalen Ligen für die WM-Qualifikation pausieren.

„Für Spieler, die in der Euroleague und dann den ganzen Sommer spielen, ist es wirklich viel. Da gerätst du dann in den Stress“, sagte Herbert. Dauernd auflaufen, in allen Wettbewerben, an manchen  Abenden bestenfalls an zwei Orten gleichzeitig: Das ist das Prinzip Basketball, über das sich der Weltverband Fiba und die Euroleague seit Jahren fetzen.  Gegen Estland müssen es daher Profis aus Bamberg, Frankfurt,  Hamburg oder Crailsheim richten. „Das Positive ist, dass wir junge Spieler für Deutschland testen können. Sie bekommen eine Chance, sich in jungen Jahren zu präsentieren und Erfahrungen zu sammeln“, sagte der 62 Jahre alte Herbert, der sich nicht groß über die widrigen  Umstände beklagt, sondern einfach arbeitet. Das Ziel ist trotz aller Ausfälle klar: Eines von 32 WM-Tickets für 2023 in Japan, Indonesien und den Philippinen, für die es bis Februar 2023 zwei Gruppenphasen zu überstehen gilt.

DBB-Vizepräsident Armin Andres sieht die Gesamtsituation ebenfalls problematisch. Für Profis von Bayern oder Alba stehen erstmal 34 Bundesliga- und 34 Euroleague-Spiele an, im Anschluss die Playoffs, bevor es bald weiter zum Nationalteam geht.

„Ich glaube, das Problem ist, dass alles auf dem Rücken der Spieler ausgetragen wird. Die haben kaum mehr Luft, sich die Erholungsphasen zu nehmen. Das wird in Zukunft ein Problem werden“, sagte Ex-Nationalspieler Andres. Der Trainer und der Funktionär ahnen: von dem Team, das am Donnerstag in der neuen Nürnberger Arena gegen Estland aufläuft, wird bei der Heim-EM im  Sommer 2022 nicht viel übrig bleiben. dpa

Auch der Assistent fällt aus – mit Corona


Kenneth Ogbe vom deutschen Meister Alba Berlin ist positiv auf das Coronavirus getestet worden und fehlt ebenfalls gegen Estland am Donnerstag (19 Uhr) sowie in Lublin gegen Gastgeber Polen (Sonntag/20 Uhr/beide MagentaSport). Bei seiner Premiere muss der neue Bundestrainer Gordon Herbert auch ohne Alan Ibrahimagic auskommen, beim Assistenzcoach wurde ebenfalls Covid-19 nachgewiesen.