Es gab Zeiten, da hatten sie vergleichsweise angenehme Diskussionen auf der Geschäftsstelle des VfB Stuttgart. Etwa jene über die Frage, ob es denn angemessen sei, dass er, kaum ins höchste Amt der ausgegliederten Profisparte entsandt, ins Präsidentenbüro eingezogen ist. Wohlwissend, dass der neue Klubchef erst noch gewählt werden würde. Ein kleiner Aufreger – damals, Ende Oktober 2019. Eine Lappalie – nun, da ein Jahr vergangen ist und den Klub andere Probleme beschäftigen. Vor allem ihn beschäftigen: Thomas Hitzlsperger, den Vorstandschef der VfB Stuttgart AG.

Der 38-Jährige erinnert sich an die Zeit rund um den 15. Oktober 2019, den Tag seines Amtsantritts: „Wie wird es laufen, was wird passieren?“ Er war damals längst zurückgekehrt zum Verein, den er 2007 zur Meisterschaft geschossen hatte, war Sportvorstand, wollte fortan aber an den wichtigsten Schrauben drehen. Als erster „VV“ der VfB AG. Er hat gespürt, wie „sinnlos“ es ist, sich jene Fragen zu stellen: „Die Praxis belehrt einen schnell eines Besseren, es gab immer wieder neue Herausforderungen, die man so nicht erwarten konnte.“ Corona war der Gipfel.

Der Weg passt

„Ich bin in viele Bereiche hineingewachsen“, sagt Hitzlsperger. Für das echte Leben gebe es „kein Lehrbuch“. Noch als Sportchef hielt er lange am damaligen Trainer Markus Weinzierl fest, musste den Coach dann doch entlassen und stieg mit dem VfB ab. Für den Wiederaufstieg sollte Tim Walter der Mann sein – nach einem halben Jahr merkte Hitzlsperger: Es passt nicht.

Pellegrino Matarazzo kam, es holperte sportlich weiter, erst am Ende fügte sich alles. Der VfB ist wieder Erstligist, die ersten Saisonspiele machen Hoffnung. „Man erkennt, was unser Weg ist“, sagt der frühere Nationalspieler, „dass sich mehr und mehr Leute damit identifizieren können, wie wir Fußball spielen.“ Der Sport bestimmt zuvorderst die Atmosphäre unterm roten Dach. Doch da war noch mehr in den vergangenen Jahren – was das erste Amtsjahr Hitzlspergers mehr als nur beeinflusst hat.

Da war der Streit über die Ausgliederung und den Ex-Präsidenten Wolfgang Dietrich. Hitzlsperger gehörte zu den Befürwortern der Ausgliederung, ist nun oberster Repräsentant der AG, sagt aber auch: „Ich bin mir aber im Klaren darüber, dass auf dem Weg dorthin Dinge passiert sind, die die Leute verletzt haben.“ Fans, Mitglieder – auch Mitarbeiter. Er will einen neuen Geist schaffen, die Mitarbeiter sollen „wieder Vertrauen fassen“. Er merke aber auch, „dass es noch Wunden gibt“. Manche sind ganz frisch.

Die Datenaffäre wirft einen Schatten auf die Zeit zwischen 2016 und 2018, Mitgliederdaten sollen tausendfach weitergegeben worden sein. Die Aufarbeitung hat begonnen, externe Ermittler sind eingeschaltet. Nun sitzt auch Hitzlsperger in der internen „Koordinierungsgruppe“ – und in der Zwickmühle. Schließlich könnten einige seiner wichtigsten Mitstreiter betroffen sein. „Für mich“, sagt er, „gilt die Unschuldsvermutung.“ Dennoch könnten unangenehme Tage auf ihn zukommen.

Um den VfB zukunftsfähig zu machen, sieht er strukturellen „Optimierungsbedarf“. Unterhalb der Vorstandsebene werden aus 20 hochrangigen Positionen bald lediglich zehn Direktorenposten. Die Entscheidungen, sagt Hitzlsperger, „sind getroffen“. Misstöne nimmt er in Kauf.

Ohnehin gibt er intern nicht nur den netten Thomas. Kurz nach seinem Amtsantritt musste eine bis dahin hochgeschätzte Zuarbeiterin der sportlichen Führung ihren Posten räumen. Den Kreis der Entscheidungsträger im Sport hielt der neue Chef von Beginn an klein: er selbst, Markus Rüdt, Sportdirektor Sven Mislintat, den er vehement verteidigt. Auf weitere sportliche Kompetenz im AG-Aufsichtsrat legte Hitzlsperger keinen Wert. Präsident Claus Vogt berief dennoch Ex-Coach Rainer Adrion in das Gremium und ringt um Einfluss.

Konfliktfrei läuft das Nebeneinander von Verein und AG also noch lange nicht. Es gibt gemeinsame Werte, die sich in den Bereichen Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung zeigen. „Ich finde, dass wir diesen Themen mehr und mehr gerecht werden“, sagt Hitzlsperger, der dem VfB – wie der frühere Fan-Aktivist Vogt – in diesen Zeiten gut zu Gesicht steht, die Ausrichtung des Bundesligisten aber klar aufseiten der AG sieht. Seine Strategie-Abteilung soll Visionen liefern.

Das vergangene Jahr, findet Hitzlsperger, habe den VfB verändert. Was im zweiten geschieht? Corona lässt wenig Perspektivisches zu. „Ein zweiter Investor würde uns sehr helfen“, sagt Hitzlsperger, weiß aber auch: „Es ist gerade nicht die beste Zeit dafür.“ Stattdessen hofft er auf die Zusage für den beantragten KfW-Kredit. Die finanzielle Lage sei „angespannt“.

Er selbst hat gelernt, gelassen mit all den Unwägbarkeiten umzugehen. Die sportliche Entwicklung bestätigt ihn, dass er kürzlich das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, macht ihn glücklich. „Egal, was gekommen ist“, sagt er, „wir haben es angenommen und Lösungen gefunden.“

Vertrag mit Mislintat soll verlängert werden


VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger möchte den Vertrag von Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat gerne zeitnah verlängern. „Ich bin sehr froh, dass er da ist und wünsche mir auch, dass er noch lange bei uns bleibt“, sagte Hitzlsperger.

Mislintats aktueller Vertrag läuft am 30. Juni 2021 aus. „Ich habe erst Dienstag mit ihm darüber gesprochen“, sagte Hitzlsperger. „Er kennt meine Meinung. Ich denke, dass er sehr gut zu uns passt – und das nicht nur für zwei Jahre, sondern länger.“ Mislintat arbeitet seit April 2019 für den Fußball-Bundesligisten.  dpa