Christiane Krause zeigt auf dem Balkon ihrer Wohnung in Oberstaufen im Allgäu auf Fotos der Olympischen Spiele 1972 in München. Man sieht, wie sie ihre Kolleginnen nach dem Sieg in der 4x100-Meter-Staffel umarmt und die Fäuste in die Höhe streckt. In das Album sind auch Zeitungsausschnitte geklebt, die das Attentat auf die israelischen Sportler vor 50 Jahren am 5. September dokumentieren. Elf Geiseln, ein deutscher Polizist und fünf Terroristen starben. „Wir waren wie gelähmt, als wir von dem Überfall erfahren haben“, sagt die 71-jährige Olympiasiegerin mit leiser Stimme.

Die ehemalige Weltklasseläuferin zog mit ihren Eltern als Vierjährige von Ostberlin nach Ulm, wo sie im Kinderturnen des SSV 1846 begann und mit 14 in die Leichtathletik-Abteilung wechselte. Mit 21 ging sie zum ASC Darmstadt. Während ihrer Ulmer Zeit arbeitete ihr Vater Kurt als Jugendtrainer bei den Fußballern des SSV. Heiter und ausgelassen beginnen die Spiele von München am 26. August 1972. Die Schäffler tanzen, und die „Goaßlschnoitzer“ lassen es krachen. „Diese Heiterkeit und Freude war unbeschreiblich und ging unter die Haut“, erinnert sich Christiane Krause. Die ausgelassene Stimmung erreicht ihren Höhepunkt am 4. September. Die Zuschauer im Stadion feiern, als die 16-jährige Ulrike Meyfarth aus Wesseling bei Köln kurz nach 19 Uhr als Einzige 1,92 Meter überspringt und Gold gewinnt.

Am nächsten Tag ist die Party vorbei. Am Morgen des 5. September blickt Christiane Krause in der Küche im fünften Stock des Hochhauses im olympischen Dorf in fassungslose und weinende Gesichter. Aus dem Radio erfahren  sie, was in der vergangenen Nacht geschehen ist. Gegen 4.30 Uhr klettern acht Männer des Terrorkommandos „Schwarzer September“ über den Zaun des Olympiadorfs und dringen in das Appartement der israelischen Sportler in der Conollystraße 31 ein. Sie nehmen elf Geiseln. Zwei von ihnen werden noch in der Nacht erschossen. Es beginnt ein Nervenkrieg, der fast 24 Stunden die Welt in Atem hält. „Wir sind in den Aufenthaltsraum gerannt und haben aus dem Fenster geschaut“, erzählt Krause.

Dort sehen sie die Entführer mit ihren Strumpfmasken und Maschinenpistolen auf dem gegenüberliegenden Appartement. Christiane Krause und ihre Kolleginnen werden aufgefordert, im Gebäude zu bleiben und die Mensa nur über die Gänge im Keller des Gebäudes aufzusuchen. Dort sitzen die Sportlerinnen ratlos herum. Keiner weiß, wie es weitergeht. Das für 14 Uhr geplante Training der deutschen Sprinterinnen wird abgesagt. Christiane Krause geht mit ihren Kolleginnen  Annegret Richter und Ingrid Mickler-Becker zurück ins Appartement. „Plötzlich war die Heiterkeit dahin und alles nur noch grau in grau“, berichtet die 71-Jährige. Als sie schlafen geht, hat sie das Gefühl, „dass die verantwortlichen Personen die richtigen Entscheidungen treffen werden“.

Doch am späten Abend des 5. September mündet eine von der Polizei geplante Befreiungsaktion auf dem Militärflughafen in Fürstenfeldbruck in einer unkontrollierten Schießerei. Alle israelischen Geiseln sowie fünf Terroristen und ein deutscher Polizist sterben. Christiane Krause erfährt am Morgen des 6. September von dem Fiasko. „Wir standen unter Schock und dachten, jetzt ist alles aus und vorbei“, erinnert sie sich 50 Jahre später und macht eine lange Pause. Als IOC-Präsident Avery Brundage bei der Trauerfeier den berühmten Satz „The games must go on“ spricht, fällt eine große Last von den Athleten. „Wir waren froh, dass es weiterging“, sagt Krause. „Der Abbruch wäre ein Sieg für die Terroristen gewesen.“

Sie erlebt aber nicht nur schreckliche Stunden in München. Sie feiert auch den größten sportlichen Erfolg in ihrer Karriere. Es ist kurz vor 15 Uhr, als sie am 10. September, dem letzten Tag der Spiele, vor dem Finale über 4x100 Meter mit ihren Kolleginnen den Innenraum des Stadions betritt. Sie spürt, wie ihr „das Adrenalin ins Blut schießt und der Puls beschleunigt“, schildert sie die Minuten vor ihrem größten Rennen. Als sie niederkauert und die Hände hinter die Startlinie auf Bahn drei in die Tartanbahn drückt, hat sie nur noch einen Gedanken: „Wenn du optimal aus dem Block kommst und alles bestens läuft, holen wir Bronze.“ Christiane Krause kommt blitzschnell aus dem Startblock, läuft an der Spitze mit und übergibt an Ingrid Mickler-Becker. Die Längste im Team hält ebenso die Chance auf eine Medaille aufrecht wie Annegret Richter. Christiane Krause ist längst quer über den Olympia-Rasen Richtung Zielraum gerannt, um das abschließende Duell zwischen Heide Rosendahl und Renate Stecher zu verfolgen. Die Stadionuhr bleibt bei 42,81 Sekunden stehen. Und das bedeutet: nicht Bronze, sondern Gold. 

„Ich habe Heide und die anderen Läuferinnen umarmt, und wir haben ein Freudentänzchen aufgeführt. Die Zuschauer machten einen Höllenlärm, und ich war überglücklich“, erzählt Krause. „Dieses Rennen hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt.“ Christiane Krause geht in die Wohnung und kommt mit der drei Millimeter dicken Goldmedaille zurück. Diese ist für die Staffel-Olympiasiegerin ein Anker im Leben, der ihr Halt gibt. „Mit der Medaille habe ich für mich ganz persönlich einen unvergesslichen Wert geschaffen, der für immer bleibt und mir Kraft gibt, wenn es mir schlecht geht“, sagt die 71-Jährige.

Die Erinnerungen an den Gold-Triumph von München 1972 kamen kürzlich, am 21. August, dem Schlusstag der Leichtathletik-EM in der bayerischen Landeshauptstadt- noch einmal hoch. Sie war mit Ehemann Karl Gunderlach als Ehrengast eingeladen. Beim Sieg der 4x100-Meter-Staffel der Frauen war Christiane Kraus live dabei, als Gina Lückenkemper und Co. zu Gold rannten. „Sensationell, unfassbar und fantastisch“, beschreibt die ehemalige Goldmedaillengewinnerin den Jubel ein halbes Jahrhundert später an gleicher Stätte. „Das Stadion verwandelte sich während des Rennens in einen Hexenkessel. Alle Zuschauer schrien und jubelten. Genau wie vor 50 Jahren.“

Zur Person


Christiane Krause ist 1950 in Berlin geboren und war in ihrer Leichtathletik-Karriere für den SSV Ulm 1846 und den ASC Darmstadt aktiv. Die 71-Jährige war Lehrerin für Sport und Hauswirtschaft und lebt in Oberstaufen. Mit der 4x100-Meter-Staffel gewann sie 1972 olympisches Gold und wurde Neunte über 200 Meter. Ihre Bestzeiten: 11,45 Sekunden über 100 und 23,17 Sekunden über 200 Meter.