Mit der Gründung der modernen Olympischen Spiele wollte Pierre de Coubertin einen Beitrag zu einer internationalisierenden Gesellschaftsreform leisten. Im Zentrum seiner Vision stand der olympische Athlet, der mittels seiner Erfahrungen eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft einnehmen sollte. Was hat von Coubertins olympischer Idee bis heute überdauert? Und wo wäre eine Rückbesinnung zu Coubertin notwendig?

Durch den verstärkten Fokus auf den pädagogischen Wert des Sports haben die Olympischen Spiele in vielen Ländern zu positiven gesellschaftlichen Entwicklungen beigetragen. Auch zur Verbesserung diplomatischer Beziehungen hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) Beiträge geleistet: Beispielsweise marschierten bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Pyeongchang 2018 die Delegationen Nordkoreas und Südkoreas bereits zum dritten Mal bei Olympischen Spielen unter einer gemeinsamen Flagge ins Stadion ein. So können sie einen Einfluss auf das diplomatische Geschehen haben. Der Blick in die olympische Geschichte zeigt jedoch, dass die olympische Bewegung vielmehr durch Boykotte, Terroranschläge und politische Machtdemonstrationen von globalen geopolitischen Entwicklungen beeinflusst wird.

Der Fokus des IOC auf kommerzielle, wirtschaftliche, infrastrukturelle und politische Fragen ließ die Bedürfnisse, Rechte und Pflichten der Athletinnen und Athleten über Jahrzehnte in den Hintergrund rücken. Dies war nicht im Sinne Coubertins. Er befürchtete bereits 1925, dass die Olympischen Spiele zu einem Zuschauer-Spektakel verfallen und sie somit ihr pädagogisches Potential verfehlen würden. Auch wenn Coubertin sich der Notwendigkeit der Anpassungsfähigkeit der Spiele an sich verändernde Rahmenbedingungen bewusst war, blieben die Spiele für ihn ein Mittel zum pädagogischen Zweck mit Fokus auf den Athleten.

Die aktuelle Debatte um politische Meinungsäußerungen bei Olympia in Tokio ist ein gutes Beispiel für die Diskrepanz zwischen den Rechten von Athleten und dem Versuch, politische Neutralität zu wahren und diplomatischen Konflikten vorzubeugen. Auch wenn das IOC hier nun Zugeständnisse gemacht hat, dürfen die Sportler sich weiterhin während der Medaillenübergabe, bei der Eröffnungs- und der Schlussfeier sowie im olympischen Dorf nicht politisch äußern. Damit bestimmt das IOC weiter über Ort und Zeitpunkt von Meinungsäußerungen.

Dies steht im Widerspruch zu Coubertins Idee, der in den Teilnehmern Personen sah, die sich in ihren Erfahrungen und ihrem Lernen selbst verwirklichen. Wenn der Lernprozess weiterhin im Vordergrund steht, müssen Olympia-Teilnehmer sich im Umgang mit politischen und interkulturellen Herausforderungen üben können. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit steht dazu im Widerspruch.

Zu große Unterschiede

Ein weiteres zentrales Prinzip Coubertins war das Fairness-Gebot. Im Hinblick auf die unterschiedlichen körperlichen, sozialen und finanziellen Voraussetzungen aller Athletinnen und Athleten zeigt sich allerdings, dass es im Sport keine Gleichberechtigung gibt. Entsprechend waren die Versuche von Sportorganisationen, gleiche Wettbewerbsvoraussetzungen künstlich zu schaffen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. So plagt die Dopingproblematik die olympische Bewegung seit Jahrzehnten und wirft moralische Fragen auf: was bedeutet „normal“?; was ist der Unterschied zwischen der Einnahme des Dopingmittels Erythropoetin (Epo) und Höhentraining, wenn beides zur Bildung roter Blutkörperchen führt?

Auch dazu gibt es ein aktuelles Beispiel: die US-amerikanische 100-m-Läuferin Sha’Carri Richardson wurde kürzlich positiv auf Marihuana getestet. Richardson verleugnete den Konsum nicht und gab an, die Droge aufgrund des Todes ihrer Mutter genommen zu haben. Es ist es sehr fragwürdig, dass Marihuana einen leistungssteigernden Effekt in Sprintdisziplinen hat. Dennoch darf Richardson in Tokio nicht starten. Ist das fair? Oder wird hier einmal mehr versucht, auf dem Rücken einer Athletin, die ihre Leistung gar nicht steigern wollte, die „Wirksamkeit“ des Anti-Doping Systems zu beweisen? In Wahrheit bleibt die größte Zahl der Sportler, die bewusst zu leistungssteigernden Dopingmittel greifen, nämlich unentdeckt.

Es ist an der Zeit, dass die Teilnehmer und ihre Rechte wieder in den Mittelpunkt der Olympischen Spiele rücken. Politischer, wirtschaftlicher und medialer Profit der Sportorganisationen dürfen nicht zu Lasten der Athletinnen und Athleten gehen. Vielleicht bieten die Spiele der 32. Olympiade, den ersten Spielen ohne Zuschauer, eine ideale Gelegenheit. Vielleicht stehen dann nur die circa 10 000 Olympia-Teilnehmer, ihre sportlichen Leistungen, deren Lebensgeschichten und Emotionen im Mittelpunkt. Ganz im Sinne Coubertins.

Zur Person und den Olympischen Spielen


Sporthistoriker Jörg Krieger ist Assistent Professor an der Aarhus University in Dänemark. Gebürtig aus dem oberschwäbischen Ochsenhausen, promovierte Krieger 2015 an der Deutschen Sporthochschule Köln zur Anti-Doping Geschichte. Heute forscht er zu verschiedenen Themen in der Sportpolitik, Sportsoziologie und internationalen Sportgeschichte.

Die Olympischen Spiele beginnen am 23. Juli und enden am 8. August.