Weltmeister, Champions-League-Sieger, deutscher Meister, spanischer Meister. Toni Kroos hat fast alles erreicht in seinem Fußballer-Leben. Ein bedeutender Titel fehlt dem 30-Jährigen noch. Europameister war der Mittelfeldspieler von Real Madrid noch nicht. Im kommenden Jahr hat Kroos die nächste Gelegenheit, den EM-Titel zu gewinnen. Es könnte angesichts seines fortgeschrittenen Profisportler-Alters die letzten Möglichkeit sein. Denn ob Kroos 2024 beim Turnier im eigenen Land mit dann 34 Jahren noch immer dabei sein wird im Kreis der DFB-Elite, darf zumindest bezweifelt werden.

Nun ist es bis zur EM 2021 noch ein Weilchen hin. Die Gegenwart heißt Nations League: Wenn die Deutschen am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) in Köln auf die Schweiz treffen, läuft Kroos zum 100. Mal im Nationalelf-Dress auf. Er ist dann einer von 15 Fußballern, die das bislang geschafft hat.

Noch ist Kroos nicht aus der deutschen Nationalmannschaft wegzudenken. Während viele WM-Helden von 2014 ihre Karriere beendet haben (Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Per Mertesacker, André Schürrle, Benedikt Höwedes) oder nicht mehr berücksichtigt werden (Mats Hummels, Thomas Müller, Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mario Götze) ist der gebürtige Greifswalder nach wie vor dabei. Für Bundestrainer Joachim Löw verkörpert Kroos Weltklasse. Löw sagt: „Was er an Konstanz und Klasse zeigt, ist einmalig. Toni ruht in sich.“

In der Tat spielt der 30-Jährige seit Jahren auf einem hohen Niveau. Selbst wenn er, wie am Samstag beim 2:1-Sieg in der Ukrai­ne, keinen Sahne-Tag erwischt, sticht der Mittelfeldspieler heraus. Was an seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten liegt. Ballannahme und Verarbeitung, Pass­spiel, Übersicht, Ruhe am Ball und Spieleröffnung sind noch immer eine Augenweide. Kroos agiert nicht nur äußerst elegant, sondern auch effektiv.

Und so kommt der Bundestrainer mit seinem Faible für das gepflegte Spiel aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, wenn er über seinen Lieblingsschüler spricht. Kroos wisse, wie man Titel gewinnt. Auch wenn der Supertechniker kein „aggressiver Leader“ wie etwa Bayerns Joshua Kimmich sei. „Aber er ist ein Fixpunkt im Spiel. Er will den Ball immer haben und findet immer eine Lösung auf dem Feld. Das ist sehr beeindruckend.“

Worauf Löw anspielt: Kroos ist Führungsspieler ohne Lautsprecher zu sein, ein umsichtiger Akteur, der den Überblick auf dem Platz auch im Getümmel und unter großem Druck selten verliert. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen – und seine fußballerische Klasse sprechen. Beim DFB und im Verein. Seit Jahren ist er fester Bestandteil des Madrider Starensembles. Mit Real, dem wohl strahlkräftigsten Fußball-Klub dieses Planeten, hat er dreimal hintereinander die Champions-League gewonnen. In der DFB-Elf genießt Kroos einen Sonderstatus. Der 30-Jährige ist gesetzt. Legendär ist schon jetzt ein Satz, den er vor einigen Wochen in einem Podcast losließ. „Wenn ich nichts höre von Jogi, dann reise ich auch an. Egal ob ich nominiert bin oder nicht: Ich komme dann“, ließ Kroos verlauten. Heißt: Der Bundestrainer meldet sich offenbar nur noch, wenn er seinem Mittelfeld-Ass eine Pause geben möchte.

Wer Kroos auf Instagram folgt, weiß: Der 30-Jährige ist kein Partygänger, vielmehr ein Familienmensch. Mit seiner Stiftung unterstützt der zweifache Vater schwerkranke Kinder und deren Familien. Wenn Kroos, der auf dem Feld so unnahbar erscheinen kann, über seine Stiftungsprojekte und die Schicksale spricht, die dahinter stehen, hat er zumeist Tränen in den Augen.

Sein sportlicher Ehrgeiz ist trotz aller Erfolge ungebrochen. Den letzten fehlenden großen Titel in seiner Sammlung will er bei der ins kommende Jahr verschobenen EM gewinnen. „Den würde ich tatsächlich gern noch holen“, sagt der Fußballer des Jahres 2018.

Matthäus führt Hunderterklub an


14 Spieler haben bislang 100 Länderspiele oder mehr für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bestritten. Angeführt wird der Hunderterklub von Lothar Matthäus mit 150 Länderspielen. Es folgen Miroslav Klose (137), Lukas Podolski (130), Bastian Schweinsteiger (121), Philipp Lahm (113), Jürgen Klinsmann (108), Jürgen Kohler (105), Per Mertesacker (104), Franz Beckenbauer (103), Joachim Streich (102 für die ehemalige DDR-Auswahl), Thomas Häßler (101), Hans-Jürgen Dörner (100 für die DDR), Ulf Kirsten (insgesamt 100 für die DDR und die DFB-Elf) und Thomas Müller (100).

Mittelfeldspieler Joshua Kimmich läuft am Dienstag gegen die Schweiz zum 50. Mal im DFB-Dress auf.