„Ein Flaum ist schon wieder da“, sagt Timo Baumgartl und strahlt. Glücklicherweise, so der Verteidiger von Union Berlin, seien Augenbrauen und Wimpern „wohl resistent gegen die Chemo“ gewesen, aber bis er sich nach seiner Krebs-OP wieder den blonden Schopf kämmen kann, braucht es noch etwas Geduld. Langsam wachsen die Stoppeln – wie die Hoffnung auf das große Comeback.

Der 26-jährige gebürtige Böblinger und ehemalige Stuttgarter VfB-Profi, der seit vergangener Woche wieder individuell trainiert, klingt optimistisch, wenn er über seine Rückkehr spricht. Wie viele Spiele er für Union in dieser Spielzeit bestreiten will? „In dieser Saison? Ich hoffe doch, dass es mehr als eins ist.“ Ob es noch 2022 klappt, lasse er „jetzt mal offen“. Dennoch sei er „ein ehrgeiziger Mensch“. Im Mai hatte sich Baumgartl wegen eines Tumors im Hoden einer Operation unterzogen, mittlerweile hat er auch alle nötigen Chemotherapie-Zyklen hinter sich gebracht und steht wieder auf dem Rasen. Auch wenn es für das Mannschaftstraining noch nicht reicht, ist es für ihn ein „überwältigendes Gefühl“.

Hinter Baumgartl liegen schwierige Wochen, die ihn für das Leben prägten. „Wenn man die Diagnose Krebs bekommt, muss man sich zwangsläufig mit der Frage beschäftigen: Was ist, wenn man nicht mehr da ist?“, gibt er zu. Und: „Das mit 26 zu tun, ist nicht das Einfachste.“

Natürlich, so Baumgartl, komme es dann auch dazu, „dass man weint, dass man Emotionen zeigt und auch düstere Gedanken hat“. Letztlich fand er einen Weg, mit dem Krebs und der kraftraubenden Therapie umzugehen. Baumgartl habe es versucht, „mit Humor zu nehmen“. Mit der Familie, den Freunden und seiner Freundin Julia zu lachen, habe geholfen. Wie auch die hoffnungsvollen Prognosen der Ärzte. „Das hat mir schnell auch die Angst genommen“, sagt Baumgartl, „dass das Böse ausgehen kann.“

Durchatmen beim Wandern

Letztendlich pendelte er – sechs Tage Krankenhaus, 16 Tage daheim. Dreimal. Zwischen den Krankenhaus-Aufenthalten reiste Baumgartl nach Usedom und Österreich, „wo meine Freundin gedacht hatte“, erzählt er heiter, „sie könnte mich im Wandern schlagen, aber da hat sie doch keine Chance gehabt.“ Stramme 120 Kilometer wanderten sie in sechs Tagen, auch während der Chemo ist Baumgartl jeden Tag fünf Kilometer gejoggt. In den dunkleren Stunden half der Sport.

Dies gibt Baumgartl nun weiter. Mit Marco Richter von Hertha BSC und Borussia Dortmunds Sebastien Haller stand er durchgehend in Kontakt. Richter, der nach seiner Hoden-OP keine Chemo brauchte, ist ohnehin ein alter Freund, aber auch zu Haller, der mit einem bösartigen Tumor monatelang ausfällt, ist die Bindung eng. „Er fragt mich auch einige Sachen“, erzählt Timo Baumgartl, „und ich versuche, ihm einfach zu helfen.“

Wie Richter und Haller ist er im Macho-Business Fußball groß geworden. Nun lernte er, „dass Emotionen zu zeigen auch ein Zeichen von Stärke sein kann“. Und dass er ein Vorbild für Betroffene werden kann. Als er das erkannte, schmiss Baumgartl den Rasierer an. „Bei uns in der Gesellschaft wird Krankheit oft mit Schwäche assoziiert“, sagt er: „Dem wollte ich bewusst entgegentreten. Deshalb habe ich mir auch meine Haare abrasiert.“ sid