Ulm / Von Carsten Muth Fußball Viel Spott, keine Einsätze. Was nur ist mit Mesut Özil los? Zwei Jahre nach seinem Rücktritt als Nationalspieler spielt er bei seinem Klub Arsenal London kaum noch eine Rolle. Von Carsten Muth

Es gab eine Zeit, da stand Mesut Özil für den neuen deutschen Fußball. Vor allem in den beiden Jahren vor dem Titelgewinn bei der WM 2014 in Brasilien war der gebürtige Gelsenkirchener eine Ausnahmeerscheinung auf dem Platz. Spielbeschleuniger, Ideengeber, Vorbereiter, Torschütze. Özils Stil prägte eine goldene Generation – auch wenn im Nationalteam häufig andere im Mittelpunkt standen. Manuel Neuer oder Bastian Schweinsteiger etwa.

Vor zwei Jahren, nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Russland, die für Titelverteidiger Deutschland bereits nach der Vorrunde endete, war Schluss im DFB-Team. Özil, von Teilen der Öffentlichkeit zum Sündenbock erklärt, trat am 22. Juli 2018 enttäuscht zurück – nach 92 Spielen im DFB-Dress. Özil beklagte sich über rassistische Anfeindungen. Den DFB griff er scharf an, bemängelte eine fehlende Rückendeckung. Zuvor waren Fotos veröffentlicht worden, die Özil mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigten. Der Aufschrei in Deutschland war groß, Özil bei vielen Fans unten durch. Was für ein trauriges Ende einer beachtlichen Nationalelf-Karriere.

Özil tauchte unter, war selbst für seinen Förderer, Bundestrainer Jogi Löw, nicht mehr zu sprechen. Bei Arsenal spielte er seinen Stiefel herunter. Mal gut, mal weniger berauschend. Interviews gab und gibt Özil eher selten. In der Bundesliga hat der Linksfuß,  ein Kind des Ruhrgebiets, für Schalke 04 und Werder Bremen gespielt. Dann folgte ein dreijähriges Engagement bei Real Madrid, der Top-Adresse im Weltfußball. 2013 erfolgte der Wechsel in der Premier League. Özil drückte der Liga, die viele für die beste der Welt halten, seinen Stempel auf. In der Saison 2015/16 bereitete er 19 Treffer für Arsenal London vor. Ein Top-Wert.

Unterm Regenschirm

Und heute? Ist Özil nur noch ein Schatten seiner selbst. Bei Arsenal spielt der 31-Jährige keine Rolle mehr. Seit dem Re-Start der Premier League im Juni hat er keine Minute für die Gunners gespielt. Kürzlich, Özil saß mal wieder auf der Bank, machte er es sich unter einem kleinen Regenschirm bequem. Die Stutzen heruntergezogen, die Füße auf die Lehne des Vordersitzes gestellt, die Knie zur Brust gezogen, saß der Ex-Nationalspieler da und schützte sich vor der Nachmittagssonne – während seine Kollegen versuchten, den FC Southampton zu schlagen. Das Netz ätzte. Özil sitze da, als würde er Urlaub machen, hieß es. Wie es in ihm ausschaute, vermochte niemand zu sagen. Zu seiner schwierigen Situation mag sich Özil, ohnehin ein schüchterner Zeitgenosse, nicht äußern.

Das tun andere – wie der frühere Arsenal-Profi Paul Merson, heute Sky-Experte. Merson bezeichnete Özil als „einen der schlechtesten Spieler der Welt“, wenn er den Ball nicht an den Füßen habe. In der Tat konnte Özil in dieser Saison keine Werbung für sich machen. Ein Tor, zwei Vorlagen – das war’s. Mehr brachte der 31-Jährige nicht zu Stande. Sein Mega-Vertrag, Berichten zufolge verdient Özil 350 000 Pfund pro Woche (rund 320 000 Euro), läuft noch bis 2021. Ob er diesen erfüllt, ist offen.

Arsenal-Coach Trainer Mikel Arteta reagiert gereizt, wenn ihn Journalisten nach Özil fragen. Der Spanier lässt sein Team früh pressen, fordert von seinen Spielern bedingungslose Einsatz- und Laufbereitschaft. Ein Stil, der nicht so recht zu Feingeist Özil passen mag.

Als die Gunners kürzlich im FA-Cup-Halbfinale Manchester City schlugen, stand der Weltmeister  von 2014 noch nicht mal im Kader. Dabei hatte Özil vor dem Spiel noch eine Nachricht abgesetzt. „Ich bin bereit“, twitterte er. Ob sein Coach davon Notiz nahm? Die Entscheidung, Özil nicht zu berücksichtigen, habe allein „fußballerische Gründe“, sagt er. Deutlicher hätte Arteta nicht werden können. Für ihn ist der begnadete Fußballer Mesut Özil ein Auslaufmodell.

Letzte Hoffnung Pokalsieg

Arsenal London muss in dieser Saison den FA-Cup gewinnen, will der Klub nicht erstmals seit 25 Jahren die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb verpassen. Die Gunners unterlagen am vorletzten Spieltag der Premier League beim abstiegsbedrohten Aston Villa mit 0:1 (0:1) und können die Saison bestenfalls noch auf Rang acht abschließen.

Einzige Rettung für das Team von Mikel Arteta bleibt der Gewinn des nationalen Pokals gegen den Londoner Stadtrivalen FC Chelsea. Nur dann würde sich Arsenal doch noch für die Europa League in der neuen Saison qualifizieren. Das FA-Cup-Finale steigt am 1. August in Wembley. dpa