Die Diskussion darüber, wann das bittere Ende für den VfB Stuttgart eigentlich seinen Anfang nahm, ist hinterher fast schon müßig gewesen. Vielleicht beim letzten langen Pass aus der Bremer Spielhälfte heraus. Möglicherweise auch erst beim Kopfballduell zwischen dem Werder-Stürmer Niclas Füllkrug und Waldemar Anton, bei dem der Ball unkontrolliert verlängert wurde. Sicher kam dann Hiroki Ito, der nächste VfB-Verteidiger, nicht mehr an das Spielgerät. Und im Abwehrzentrum offenbarte sich für einen letzten Moment eine Lücke, die Oliver Burke zum 2:2-Endstand nutzte.

„Das tut weh“, sagt Pellegrino Matarazzo, weil die fünfte Minute der Nachspielzeit lief und der Auswärtssieg im Weserstadion so nah war. Auch der Trainer sinnierte anschließend darüber, wie seine Mannschaft diesen glücklichen Augenblick für die Bremer hätte verhindern können. „Mehr Zeit von der Uhr nehmen“, befindet er als das richtige Mittel. Ein Sekündchen länger liegen bleiben nach einem Foul. Sich vor den Ball stellen beim ultimativen Werder-Freistoß, um der Abwehrkette die Möglichkeit zu geben, sich geordnet aufzustellen.

Es hat ja nicht viel gefehlt, nur Sekunden. Und Ansätze, wie sich die VfB-Profis hätten verhalten sollen, gibt es viele. Hinterher ist man ja meistens schlauer. Ohnehin ist es verlockend, das Spiel nur vom Ergebnis her zu betrachten. Doch sowohl lizenzierte Fußballlehrer als auch Freizeitbeobachter werden in diesem Fall zum gleichen Fazit gelangen: Ein Tick mehr Cleverness hätte die drei Punkte gesichert.

„Wir haben sehr viele lange Bälle der Bremer gut geklärt. Dass am Ende so ein Ball irgendwie durchrutscht, kann mal passieren“, sagt Anton zur ärgerlichen Schlusspointe im Norden. Zwei Punkte nach zwei Bundesligapartien ergeben sich nun daraus – und es liegt im Auge des Betrachters, wie er den Auftakt der Stuttgarter sehen mag: Der VfB hat noch nicht gewonnen, aber er hat eben auch noch nicht verloren. „Grundsätzlich können wir mit einem Unentschieden auswärts zufrieden sein“, sagt der Sportdirektor Sven Mislintat. Speziell in Bremen griff jedoch eine späte Enttäuschung um sich. Trotz eines erneut frühen Rückstandes. Diesmal hieß es nach vier Minuten 0:1 durch Füllkrugs fulminanten Kopfball. Zuvor musste der VfB beim 1:1 gegen RB Leipzig nach acht Minuten den Gegentreffer hinnehmen. „Das ist auffällig“, sagt Matarazzo, den diese Parallelität beschäftigt. Ein Muster will er darin aber noch nicht erkennen, und der Abwehrchef glaubt, dass sich die beiden Anfangsphasen unterscheiden. „Diesmal haben wir die direkten entscheidenden Duelle verloren“, sagt Anton.

Josha Vagnoman verhinderte nach einem Ballverlust von Wataru Endo die Flanke von Anthony Jung vor der Werder-Führung nicht. Die Leipziger kombinierten sich dagegen gekonnt durch. Dass die „Schlafmützigkeit“ (Matarazzo) zu Beginn mit der Lautstärke in der Kabine vor dem Anpfiff und der damit oft verbundenen Wachsamkeit zu tun hat, glaubt er nicht. „Entscheidend ist, was auf dem Platz passiert – nicht, ob geschrien wird“, sagt der Coach. Mislintat findet es gar am wichtigsten, „dass die Mannschaft hinterher wieder aufsteht – und das hat sie getan“. Durch Tore von Endo (38.) und Silas (77.), beides Produkte einer zunehmenden Dominanz. Das Stuttgarter Spiel ist von einer klaren Struktur und wieder mehr Tempo geprägt, wenngleich die individuellen Stärken nur phasenweise zum Tragen kommen. Wie die perfekte Vorarbeit von Sasa Kalajdzic für Silas. Ansonsten läuft der Mittelstürmer mehr, als dass er Torgefahr ausstrahlt.

Vielleicht ändert sich das mit dem Comeback von Borna Sosa. Der Kroate hatte weite Teile der Vorbereitung aufgrund seiner Adduktorenprobleme nicht mit der Mannschaft bestritten. Jetzt wurde er nach einer Stunde eingewechselt. Mit Boran Sosas Ballsicherheit gewann das Spiel an Stabilität. Das lässt für den Samstag gegen den SC Freiburg mehr erhoffen.

Die heikle Causa Karazor


Der Umgang mit dem aus der U-Haft entlassenen VfB-Profi Atakan Karazor schlägt hohe Wellen in der Fankurve. Hintergrund: Karazor gilt als Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren zur Aufklärung einer sexuellen Straftat, die sich auf der spanischen Urlaubsinsel Ibiza zugetragen haben soll. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft gegen eine Kaution in Höhe von 50 000 Euro hatte sich sein Arbeitgeber schützend vor ihn gestellt. Insbesondere in Person von Sportdirektor Sven Mislintat. Für ihn steht die Unschuldsvermutung über allem.

Für Teile der Zuschauer in den Stadien aber nicht. Auf einem Spruchband in Bremen wurde Karazor als „Täter“ gebrandmarkt – was nicht stimmt, es erfolgte schließlich bis jetzt keine Anklage. Was Mislintat wiederum auf die Palme brachte. Erst äußerte er nach dem Schlusspfiff seinen Unmut in die Mikrofone, später legte er auf Instagram nach. „Mein Verständnis von Demokratie und Judikative ist ein anderes, nämlich eines, welches niemals vorverurteilt“, schrieb er unter dem Hashtag „Apropos Grundrechte“. stn