In Corona-Zeiten ist selbst im Eishockey-Stress der NHL Geduld gefragt. Das bekam auch Leon Draisaitl zu spüren, als er mit seinen Edmonton Oilers auf der längsten Auswärtsreise der Saison die Zeit totschlagen musste. „Tischtennis, Playstation – alles, was in der Lounge ist, einmal durchspielen“, hieß für knapp eine Woche das Programm, weil der Gegner Montreal wegen Coronafällen nicht spielen durfte.

„Das ist natürlich langweilig“, berichtete Deutschlands Sportler des Jahres, „trotzdem können wir uns glücklich schätzen, unseren Beruf ausüben zu dürfen.“ Das Wichtigste zwischen Tischtennisschläger und Playstation-Controller: das große Ziel im Fokus behalten. Denn nach seiner überragenden Saison als Scorerkönig und MVP will Draisaitl endlich um den Stanley-Cup mitspielen.

„Wir kommen jetzt alle in ein Alter, in dem es Zeit wird, was zu gewinnen“, sagte der 25-Jährige, der „ein bisschen Alarm“ machen will in den Play-offs. In seinen sechs Jahren in Edmonton hat der Kölner nur einmal das Achtelfinale erreicht, sonst war nach der Hauptrunde – oder wie in der vergangenen Saison in der Quali-Runde – Schluss.

Draisaitl selbst hat sich in dieser Zeit von einem hoffnungsvollen Talent zu einem der besten Spieler der Welt entwickelt – mit der Krönung zum MVP in der vergangenen Saison als Höhepunkt. Auch jetzt steht er wieder in fast allen Stürmerkategorien unter den Top Drei der NHL, hat sich „in allen Bereichen ein bisschen verbessert“, wie er selbst meint.

Vor allem ein Wert bedeutet ihm „sehr viel“: die Plusminus-Statistik. Edmonton hat mit Draisaitl auf dem Eis 21 Tore mehr geschossen als kassiert, kein Angreifer der Liga hat eine bessere Bilanz – obwohl seine neun Powerplay-Treffer dabei gar nicht berücksichtigt werden. Es zeigt vor allem, dass der Offensivstar auch Defensive kann, ein Aspekt seines Spiels, den auch sein Vater Peter Draisaitl als ausbaufähig bezeichnet. Der Junior sieht auch anderswo noch Verbesserungsmöglichkeiten, „im Powerplay, in Unterzahl, bei den Bullys – das gibt mir Ansporn für die nächsten Jahre“. Denn: „Wenn man glaubt, dass man an nichts mehr arbeiten muss, ist es wahrscheinlich am besten, die Schuhe an den Nagel zu hängen. Da bin ich noch lange nicht, ich glaube, dass ich noch viel Luft nach oben habe.“

Schließlich will Draisaitl mit Edmonton endlich den ersten Stanley-Cup seit 1990 gewinnen und zusammen mit seinem kongenialen kanadischen Sturmpartner Connor McDavid an die Erfolge der Ära Wayne Gretzky anknüpfen. „Wir kommen in unsere Prime Time“, glaubt er.

Dass dabei in Kanada anders als in den USA die Zuschauer noch außen vor sind, macht Draisaitl auf den südlichen Nachbarn mit dessen Impf-Offensive neidisch: „Kanada ist ein bisschen hinterher in Sachen Impfungen.“ Die leeren Arenen auch nach einem Jahr Corona sind „nichts, woran ich mich gewöhnen möchte“. Auch nicht daran, dass zwischen Eishalle, Hotel und Zuhause selbst Einkaufen „nur über Apps“ erlaubt ist. Aber: Noch ist Geduld gefragt. sid