Uli Knapp hatte Tränen in den Augen, als er Malaika Mihambo bei der Leichtathletik-WM in Eugene in die Arme schloss. Zum vierten Mal hatte sein Schützling Gold bei einem internationalen Großereignis gewonnen. Allein Heike Drechsler war erfolgreicher. Jubelzeit, Leidenszeit. Der Freude über das WM-Gold folgte das Bangen um den Start bei der Heim-EM in München. „Ich habe eine große Verantwortung für meine Athletin, deswegen gab allein ihre gesundheitliche Situation nach Corona den Ausschlag für ihren Start“, ist der 62-jährige jetzt erleichtert. Mit 6,99 Meter als beste in der EM-Qualifikation wischte sie alle Zweifel beiseite.

Malaika Mihambo, das ist inzwischen eine filmreife Story, in der Knapp die Rolle des Regisseurs und Schattenmanns  spielt. „Ich bin einfach froh, einen so feinfühligen, netten ausgeglichenen Mann an meiner Seite zu haben,“ signalisierte die dreifache Sportlerin des Jahres, mit ihrem Trainer glücklich zu sein.

Knapp ist nicht nur ein kompetenter Trainer, wenn es um die Belange des Weitsprungs geht – die Trainingsgestaltung, die Biomechanik, die Wettkampfplanung – der Saarländer an Mihambos Seite hat auch im psychologischen Bereich besondere Fähigkeiten. Mihambo zeigte in Eugene nach zwei ungültigen Versuchen im Vorkampf einmal mehr Nervenstärke. Mit einem Sicherheitssprung auf 6,98 Meter übernahm sie in Eugene die Führung und segelte anschließend mit 7,09 und 7,12 Meter zum WM-Gold.

Wichtig sind der 28-Jährigen nicht nur, weite Sprünge und Titel zu gewinnen, sie legt auch Wert auf Qualität auf dem Weg dahin. Und da bringt der Mann, der nun seit 24 Jahren Bundestrainer im Weitsprung ist, vieles ein. „Er ist einer, der immer gute Laune an alle versprüht, immer mit Lockerheit ins Training kommt“, plaudert Mihambo aus dem Nähkästchen.

Knapp bringt zudem musikalische Talente in seine Trainerarbeit ein. Oft hat er seine Gitarre dabei, unterhält Athleten und Trainer mit „Lagerfeuermusik“. Nach Eugene war der „Trainer aus Berufung“ ohne Gitarre angereist. Dafür setzte er sich am Mittag vor dem großen WM-Finale im Physiobereich ans Klavier: „Imagine, Yesterday, Let it be“ – die großen Hits aus Knapps früherem Leben spielte er für Mihambo und ihren Physio. Einstimmung auf dem Weg zum zweiten WM-Gold, die in keinem Trainings-Lehrbuch steht.

Knapp hat seinem Schützling bereits einige Akkorde auf der Gitarre beigebacht und die Sportlerin hat inzwischen einen eigenen Song („Love in your eyes“) kreiert. Elton Johns „Your Song“ gehört zu ihren Lieblingsliedern. „Ich freue mich, dass ich diesen Weg gehen darf“ war Mihambo nach ihrem neuerlichen Triumph sehr relaxed und bodenständig.

Natürlich geistert immer wieder auch die Frage, ob Mihambo doch noch zu Carl Lewis wechseln wird. „Natürlich ist der Wechsel in die USA ein Thema“, antwortet Knapp direkt. „Wir werden wohl Ende des Jahres für vier Wochen unseren Trainingsstandort nach Florida verlegen, Malaika und ich gemeinsam“, zeigt sich der Trainer gelassen und zielbewusst.

Wichtige Fleißarbeit

Ulli Knapp zählt zu den stillen Stars der Leichtathletik: Sie stehen meist im Hintergrund, ohne sie aber wären die Erfolge der Athleten nicht möglich. „Ulli hat sich viele Gedanken zu meinen Trainingsplänen gemacht und bringt dafür unheimlich viel Erfahrung in unsere Zusammenarbeit ein“, sagt die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin.

Als Mehrkämpfer hat Knapp seinen Weg in der Leichtathletik begonnen und schon im Jugendalter die Verantwortung für eine Trainingsgruppe übernommen. „Trainer sein war wie eine Berufung“, sagt er und hat sie bis heute gelebt. Dabei hat er eine ganze Reihe herausragender Athleten trainiert. Speerwerfer Boris Henry (heute Obergföll) führte er zu WM-Bronze 1995 in Göteborg. 2010 formte er Christian Reif zum Europameister. Bianca Kappler holte bei der Hallen-WM 2005 Bronze.

Mit der Olympiasiegerin und der zweifachen Weltmeisterin Malaika Mihambo bildet er ein symbiotisches Erfolgsduo, in dem neben den sportlichen Dingen Vertrauen eine große Rolle spielt. „Natürlich habe ich mit Malaika auch in Eugene nach zwei ungültigen Versuchen gelitten, aber ich wusste, dass sie im entscheidenden dritten Sprung da sein würde“, erinnert er sich an diesen schwierigen Moment. Sie wieder in Richtung der 7,30 Meter-Siegesweite von Doha zu bringen, sei das gemeinsame Ziel.

Nach zwei Wochen Trainingspause wegen Corona ist Mihambo topfit ins Münchner Olympiastadion gekommen.  50 000 Zuschauer werden sie am Donnerstagabend im Weitsprung-Finale feiern wollen. Die Gitarre steht im Hotel schon bereit für Malaika Mihambo und Ulli Knapp, dem Erfolgsgespann der deutschen Leichtathletik.  

Nur noch acht Zentimeter bis zum Rekord


Dreispringerin Neele Eckhardt-Noack (Göttingen) hat ihre starke Form bewiesen und sich mit der Tagesbestweite für das EM-Finale qualifiziert. Die EM-Bronzemedaillengewinnerin aus der Halle steigerte ihre persönliche Bestleistung im ersten Durchgang auf 14,53 m und kämpft am Freitag (20.55 Uhr/ZDF) um die Medaillen.

Vize-Europameisterin Kristin Gierisch (Leverkusen/13,59) und Jessie Maduka (Wattenscheid/12,11) verfehlten die geforderten 14,40 m deutlich und zählten auch nicht zu den zwölf besten Springerinnen. Die Ukrainerin Maryna Bech-Romantschuk (14,36), die auch im Weitsprung startet und zu den härtesten Konkurrentinnen von Weltmeisterin Malaika Mihambo zählt, steht nach erzielten 14,36 m dagegen in ihrem zweiten Einzelfinale.