Wer eine Idee für guten Filmstoff braucht, der musste am Dienstag nur ins Münchner Olympiastadion zu gehen. Dort verdichtete sich das Auf und Ab einer langen Leichtathletik-Karriere zu einem einzigen Drama. Hauptdarsteller Arthur Abele, Zehnkämpfer des SSV Ulm 1846, hatte das Drehbuch schon vor seinem Start bei der Leichtathletik-EM in München begonnen. Mit der Ankündigung, dass dies für den Titelverteidiger der letzte Wettkampf seiner 20 Jahre dauernden, internationalen Leichtathletik-Karriere werden würde. „König Arthur“, wie der 36-Jährige seit seinem Titelgewinn bei der Europameisterschaft 2018 in Berlin genannt wird, würde keinen Wettkampf machen, um einen großen Sieg zu erringen. Es geht „nur“ ums Durchkommen. Und das ist bei einem EM-Zehnkampf  – insbesondere und vor allem für Arthur Abele – schwer genug.

Denn die Geschichte des gebürtigen Ostälblers ist neben der Erfolgs- ohnehin vor allem eine Leidensgeschichte. Achillessehnenriss, einseitige Gesichtslähmung, Probleme mit der Hüfte, der Schulter, dem Fußgelenk, ein Ermüdungsbruch und mehrere Bänderrisse. Das ist nur ein Auszug aus der langen Verletzungsliste, die ihn zwischen 2009 und 2013 sowie 2018 und 2022 keinen einzigen Zehnkampf zu Ende bringen ließ.

Wenn er es jedoch schaffte, brachten es ihn bis ganz nach oben. Und so hat Abele neben den beiden Olympia-Teilnahmen 2008 in Peking und 2016 in Rio vor allem diesen Europameistertitel stehen, der ihn in Berlin 2018 zum „König der Leichtathleten“ machte. Anschließend wurde der 36-Jährige erst durch die Corona-Pandemie, dann erneut vom eigenen Körper ausgebremst. Nach den verpassten Spielen von Tokio lautete das Motto 2022: „Die Krone bleibt in Ulm“. Ganz erfüllen konnte er diesen Slogan nicht. Dennoch sagte er nach einem durchwachsenen ersten Wettkampftag am Montag: „Ich peile noch einmal die 8000er-Marke an, auch wenn mir die Spritzigkeit inzwischen etwas fehlt.“

Dass er sich am zweiten Wettkampftag ganz andere Gedanken muss, ahnte der Protagonist des Zehnkampf-Dramas da noch nicht. Denn der Dienstagmorgen startete für Arthur Abele mit einem Schock:  Der muskelbepackte Athlet wurde schon vor dem Hürdensprint wegen eines vermeintlichen Fehlstarts disqualifiziert. Aus, vorbei. Von einer Millisekunde auf die andere schien das unspektakuläre Ende einer großartigen Karriere besiegelt. „Es ist eine Sauerei“, wütete sein langjähriger Ulmer Trainer und Mentor Wolfgang Beck nach der strittigen Entscheidung, weil Startblock und Fernsehbilder unterschiedliche Startreaktionen vermittelt hatten: „So einen Abgang hat er nicht verdient.“

Einsamer Hürdenlauf

Und siehe da: Der anschließende Protest des Deutschen Leichtathletik-Verbands hatte Erfolg: Die Jury erkannte, dass er keine Fehlstartbewegung gemacht hatte. Unter dem Jubel der 15 000 Zuschauer durfte Arthur Abele „sein“ Rennen nachholen. „Ich bin fix und fertig. Ich bin nervlich total im Arsch“, stammelte er anschließend überglücklich ins Mikrofon. Doch der Wettkampfrhythmus war danach natürlich weg, die Leistungen mit 14,51 Sekunden über die Hürden und 4,50 m im Stabhochsprung nicht mehr aussagekräftig. Am Ende standen 7662 Punkte in der Endabrechnung.

Doch Arthur Abele wird mit seiner Geschichte Spuren in der deutschen Leichtathletik hinterlassen. So ist Zehnkampf-Experte Frank Busemann von der Leidensfähigkeit des zähen Zehnkämpfers tief beeindruckt. „Es gibt nur einen Arthur Abele. Der konnte manchmal vier Jahre keinen Zehnkampf machen. Das ist unmenschlich“, sagte der Olympia-Silbermedaillengewinner von Atlanta 1996: „Trotz schierer Aussichtslosigkeit, nie den Mut zu verlieren und immer davon überzeugt zu sein, dass alles gut wird.“

Der König ist tot, lang lebe der König. Diesen Mythos der Kontinuität trotz größter Rückschläge hat Arthur Abele verkörpert. Mit dem Unterschied, dass dieser Film keine Fortsetzungsgeschichte ist. Sondern ein Blockbuster mit Happy-End.

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Zehnkämpfe hat Arthur Abele in den vergangenen zehn Jahren nur absolviert. Und ein Elfter kommt nicht mehr hinzu – die Karriere ist jetzt offiziell beendet.