Vier Jahre lang hat er sich intensiv mit der hohen Kunst der Zahlen beschäftigt. Auf der Columbia University. Denn Pellegrino Matarazzo hat an der renommierten Hochschule in New York nicht nur Fußball gespielt, sondern eben auch Mathematik studiert. Sehr prägend war diese Zeit für ihn, erzählt der Italoamerikaner immer wieder. Weil der Junge aus New Jersey, aufgewachsen im Schoß einer Großfamilie, plötzlich als 17-Jähriger mitten im Leben einer pulsierenden Millionenmetropole stand.

Doch jetzt als Fußballlehrer will Matarazzo partout nicht rechnen. „Ich erwarte keine Ergebnisse. Ich rechne nicht aus, wie viele Tore wir schießen oder wie viele Punkte wir sammeln. Es ist mir schnuppe, ob wir hinter dem FC Bayern, Dortmund und RB Leipzig bislang die viertmeisten Treffer erzielt haben“, sagt der Trainer des VfB Stuttgart.

Er wollte auch nichts davon wissen, dass sein junges Team mit einem Sieg am vergangenen Freitag gegen den 1. FC Köln zumindest für eine Nacht die Tabellenführung in der Bundesliga hätte übernehmen können. Matarazzo interessiert sich für Inhalte, wie er betont. Wer mit ihm über Fußball spricht, muss sich mit Laufwegen, Defensivblöcken, zu bespielenden Räumen und Restfeldverteidigung auseinandersetzen.

Da kann es schon passieren, dass der 42-Jährige einem erklärt, die vorgesehenen drei Minuten würden bei Weitem nicht ausreichen, um einem die Unterschiede zwischen einer Dreier- und Viererkette in der Abwehr näherzubringen. Matarazzo steckt tief in den Themen. Und wer ihn sieht und ihm zuhört, glaubt, einen Fußballgelehrten vor sich zu haben. Fast zwei Meter groß, mit Brille und ruhiger Stimme, stets sachlich argumentierend. Doch der VfB-Coach kann auch anders. Emotional. Die Spieler lachen eher auf, wenn sie mitbekommen, dass ihr Trainer wenig Temperament haben soll. Sie erleben ihn auch tobend.

Schiedsrichter könnten zu dem vermeintlichen Mangel an Gefühlsausbrüchen ebenfalls etwas beitragen. Offenbar kann Matarazzo an der Seitenlinie schimpfen wie ein römischer Taxifahrer an einer mit Autos verstopften Kreuzung. Doch für den langjährigen Nachwuchscoach ist das alles kein Selbstzweck. Er mag sich auf der für ihn neuen Bühne Bundesliga auch nicht inszenieren. Matarazzo tut, wovon er überzeugt ist. Wutausbrüche in der Coachingzone gehören in der Regel nicht dazu.

Er will sein Team unterstützen und steuern – authentisch und mit einer kontrollierten Emotionalität. Allerdings sollte niemand diesen Erstliga-Novizen unterschätzen. Einer, der nur den leisen Matarazzo erwartet, kann sich nach einer leidenschaftlichen Debatte schon einmal die Frage stellen: Rino, bist du’s wirklich? Grenzen des Respekts untereinander überschreitet Matarazzo dabei nicht. Das war das Spezialgebiet seines Vorgängers Tim Walter. Seit gut zehn Monaten herrscht ein anderer Umgang.

Mit großer Empathie und hoher sozialer Kompetenz wirke der Chefcoach auf die Spieler ein, heißt es. Die routinierten Gonzalo Castro und Daniel Didavi wissen dies ebenso zu schätzen wie die jungen Silas Wamangituka und Momo Cissé. Matarazzo hat ein Gespür für die Menschen. Er holt sie ab, wo sie sich gemütsmäßig befinden, und nimmt sie mit auf die Abenteuerreise durch die Bundesliga. Dank einer klaren Kommunikation.

Matarazzo zählt zu den modernen Trainern, die alle technischen Mittel nutzen und mit den Spielern sprechen. Anders als so mancher Vertreter der alten Schule. Felix Magath ließ die Profis gerne im Ungewissen, um die Spannung hoch zu halten. Er redete auch nicht mit allen Spielern. Er ließ nur alle spüren, wer der Chef ist. Erfolg hatte der Altmeister dennoch.

Chefcoach Matarazzo kann das dauerhaft noch nicht für sich in Anspruch nehmen. Aber er strebt danach, sich zu verbessern. Zu Beginn seiner Amtszeit ließ er sich dazu in Mannschaftssitzungen filmen, um Rückmeldung über das eigene Tun zu erhalten. Eine Feedbackkultur ist ihm nach wie vor wichtig. Wenngleich Matarazzo durch den Aufstieg gewachsen ist.

Selbstsicherer tritt er auf. „Ich kann nicht sagen, dass die taktischen Herausforderungen jetzt größer sind als in der zweiten Liga“, meint Matarazzo, „aber die Arbeit macht mir mehr Spaß.“ Er kann mehr variieren, und bislang gehen die Matchpläne auf. Der VfB hat den besten Saisonstart seit zwölf Jahren hingelegt. Zahlen, die den Trainer nicht beeindrucken, sondern ihn veranlassen, die aufkommende Euphorie zu bremsen.

„Wir müssen wegkommen von einer Underdog- oder Favoritenrolle in den Spielen“, sagt Matarazzo, „uns muss klar sein, dass wir jedes Mal an unsere Leistungsgrenze gehen müssen, um gewinnen zu können.“ Darum geht es ihm. Matarazzo will Spiele gewinnen.

VfB-Profis trainieren mit Einschränkungen


Der VfB ist in die Trainingswoche gestartet – ohne etliche Spieler, die gar nicht oder nur zu Teilen mit der Mannschaft trainieren konnten. Clinton Mola, Marc Kempf, Erik Thommy, Lilian Egloff, Luca Mack, Philipp Förster und Antonis Aidonis drehten vornehmlich Runden. Waldemar Anton, Silas Wamangituka, Wataru Endo und Roberto Massimo arbeiteten individuell im Kraftraum.

Stuttgarts Neuzugang Mohamed Sankoh ist endgültig in der U19 angekommen. Nachdem die Spielerlaubnis lange auf sich warten ließ, erzielte der erst 17-jährige, talentierte Niederländer im Spiel bei Greuther Fürth seinen ersten Doppelpack im VfB-Dress.