Doha. 102 Minuten und 49 Sekunden. 104:34 Minuten. Und sogar 117 Minuten und 16 Sekunden – die alte Weisheit von Sepp Herberger gilt in Katar längst nicht mehr. Bei der Wüsten-WM dauern die Spiele viel länger als die so berühmten „90 Minuten“, denn die Fifa greift beim Zeitschinden durch und lässt alles nachspielen.

„Wir wollen nicht, dass es in einer Halbzeit nur 42 oder 43 Minuten aktives Spiel gibt, das ist nicht akzeptabel“, hatte Schiedsrichterchef Pierluigi Collina gesagt. Der Italiener rechnete im Schnitt mit „sieben, acht, neun Minuten Nachspielzeit“.

Zwischen England und Iran ließ Referee Raphael Claus dann aber gleich mehr als 27 Minuten nachspielen – 14:08 Minuten in der ersten Hälfte, und dann noch einmal 13:08 Minuten in der zweiten. Das lag natürlich auch daran, dass Irans Torwart Ali Beiranvand nach einem Zusammenprall länger behandelt und später ausgewechselt werden musste. Und an einem Videobeweis.

Doch so sahen die Fans einen Rekord: Mehdi Taremi verwandelte den Elfmeter für den Iran zum 2:6 nach 102:30 Minuten. Seit der detaillierten Datenerfassung 1966 war dies das späteste WM-Tor in einem Spiel ohne Verlängerung. Davy Klaassen traf für die Niederlande gegen den Senegal nach 98 Minuten und 17 Sekunden – Nummer zwei dieser Liste.

In Katar schauen die Schiedsrichter nicht nur beim Torjubel, bei Auswechslungen, Platzverweisen und strittigen Diskussionen ganz genau auf ihre Stoppuhr, auch die durch Überprüfungen der Videoassistenten und Verletzungsunterbrechungen verlorenen Minuten werden konsequent nachgeholt. Collina: „Ziel ist, den Zuschauern das größtmögliche Spektakel zu bieten.“

Alle Teams seien im Vorfeld über das konsequente Vorgehen informiert worden, sagte Collina, damit niemand „überrascht“ ist. „Stellen Sie sich ein Spiel vor, in dem drei Treffer erzielt werden. Ein Torjubel dauert normalerweise eine bis anderthalb Minuten, bei drei Toren verliert man also fünf oder sechs Minuten“, sagte Collina: „Wir wollen die Nachspielzeit am Ende einer jeden Halbzeit genau berechnen.“

Nach Ansicht des früheren Bundesliga- und Fifa-Schiedsrichters Knut Kircher sollten sich auch die Fans der Bundesliga an verlängerte Nachspielzeiten gewöhnen. „Große Turniere waren schon immer ein Probierfeld für gewisse Neuerungen.“ sid