Nürnberg / Von Thomas Gotthardt Am 14. Juli 1920 erschien in Konstanz die erste Ausgabe des Kicker. Herausgeber war Walther Bensemann, dessen Ideen bis heute das Magazin beeinflussen. Von Thomas Gotthardt

Ein gewisses Maß an Grundsympathie für den Kicker will der Autor dieser Zeilen nicht verhehlen. Mit 15, 16 Jahren an Sonntagen in der Redaktion Nord (Peine) die Fußball-Tabellen mit Bleistift und Radiergummi ausgerechnet. Viele Jahre später gearbeitet und volontiert beim Kicker und den Nürnberger Nachrichten. Und jetzt der Versuch, ein paar Zeilen über diese Zeitschrift zu schreiben, die am 14. Juli dieses Jahres 100 Jahre alt geworden ist.

Aber mal ehrlich: Braucht das Kicker-Sportmagazin eigentlich etwas anderes als eine objektive Beurteilung der Lebensleistung? Spielt angesichts der Geschichte, auch der politischen, ein zeitweiliges nebeneinander Herlaufen überhaupt eine Rolle? Ist das Urteil gar getrübt?

Ist es nicht, weil das Magazin für sich steht, für die Inhalte und für seriösen Journalismus, für Fußball-Expertise, für eine noch scharfe Abgrenzung zum Boulevard. Dazu gehört, dass die Grenze auch mal überschritten wird.

Wie kann eine Fußball-Zeitschrift 100 Jahre überleben und den digitalen Transformationsprozess in dieser Art und Weise erfolgreich meistern? Sich in den sozialen Medien behaupten und den Kicker-Almanach herausbringen?

Für alle Nicht-Kicker-Leser: Den Almanach dürfte es eigentlich nicht mehr geben. Knapp 1000 Seiten Zahlen, Tabellen, Ergebnisse, keine Bilder, kleine Schrift – ein gedruckter Anachronismus. Dennoch, erklärt Melanie Stiebler, die das Buch im Copress-Stiebler-Verlag auf den Markt bringt: Die Auflage halte sich schon lange bei ungefähr 3000 im Jahr. Und der Almanach werde auch weiter verlegt werden.

Gedruckter Anachronismus

Wie also geht das alles? Vielleicht auch, weil der Kicker eine Geschichte hat, eine politische, eine, in der die Themen Völkerverständigung und Frieden und Europa schon vor 100 Jahren eine Rolle gespielt haben. Und, sagt Kicker-Chefredakteur Jörg Jakob, weil genau diese Gedanken auch heute noch in der Redaktion gelebt werden. Sie sind sogar schriftlich als Leitlinien festgehalten.

Diese Grundsätze haben einen gemeinsamen Ursprung. Und der liegt in der Gedankenwelt des Walther Bensemann, der den ersten Kicker vollgeschrieben und mit einem Handkarren durch Konstanz gefahren hat.

Bensemann, geboren am 13. Januar 1873, entstammte einer jüdischen Bankiersfamilie. Nach dem Umzug von Berlin nach Karlsruhe entdeckte Bensemann bald seine Liebe zum Fußball und tat fortan alles, um diese „Fußlümmelei“ populär zu machen. Er gründete Vereine (zum Beispiel Eintracht Frankfurt und den FC Bayern) und Verbände wie den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Und das alles hatte alleine zum Ziel: Mit und durch den Fußball sollten Fairplay und Toleranz verwirklicht und einen Teil zur Völkerverständigung beigetragen werden.

Man muss nichts glorifizieren, aber auf solch einen gesellschaftspolitischen Reichtum zurückgreifen zu können, ist für ein Medium, zumal für ein Fußball-Magazin, von unschätzbarem Wert. Und Jörg Jakob, der Chefredakteur für den Printbereich, macht bei vielen Ausführungen den Eindruck, dass Bensemanns Ideen tatsächlich weiterleben, auch im Kicker des Jahres 2020, auch in schwierigen Corona-Zeiten.

Auflage geht zurück

Dem geht es übrigens, auch wenn im Digitalen vieles gut läuft (Jakob: „Etwa zwei Drittel der Erlöse stammen aus dem Digitalen“) genauso wie anderen Medien: Die Auflage geht zurück. Seit den frühen 1970er-Jahren bis heute ist sie von über 300 000 Exemplaren (jeweils Montag und Donnerstag) auf rund ein Drittel geschrumpft.

Umso wichtiger ist es, den Markenkern des Kicker zu schützen. Und der hat viel mit Glaubwürdigkeit zu tun. Sagt jedenfalls Christoph Bertling von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der frühere Sportjournalist kommt nach einer Analyse zum einfachen Schluss: „Der Leser kauft den Kicker wegen der glaubwürdigen Fakten über das Geschehen und würde sehr viele Hintergründe gar nicht stark goutieren.“

Die Redaktion, verteilt auf fünf Standorte, erkennt die Grenzen auch sehr schnell. „Wenn wir eine rote Linie überschreiten, kriegen wir das von unseren Lesern sofort um die Ohren gehauen“, berichtet Jakob. Das gelte etwa, wenn „zu flapsig oder zu seicht“ geschrieben werde. Und das alles gelte es, mit dem richtigen Tempo ins Heft zu bringen: Die relevanten Informationen im richtigen Format für den richtigen Kanal in der richtigen Darreichungsform zum richtigen Zeitpunkt. Hört sich nach dem perfekten Mix an – und lässt Lebensgeister offensichtlich nicht erlahmen.

Zur Geschichte des Kicker-Sportmagazins

1920 gründete Walther Bensemann in Konstanz die Fußball-Zeitschrift „Kicker“ mit der ersten Ausgabe am 14. Juli. Die Machtergreifung der Nazis blieb für das Sportmagazin nicht folgenlos. 1933 musste Bensemann seine Heimat verlassen, weil ihm als Jude die Verfolgung drohte, ein Jahr später starb er in Montreux (Schweiz).

Im September 1944 begann die kriegsbedingte Zwangspause durch einen Regierungserlass der Nazis, ehe es im November 1946 mit der Zeitschrift „Sport“ im neu gegründeten Olympia-Verlag in Nürnberg weiterging. 1951 erschien wieder „Der Kicker“, zunächst als Konkurrenz aus München, ab 1968 als fusioniertes Heft. Seitdem erscheint das Heft in der Regel zweimal wöchentlich, 1997 ging das Magazin online, 2008 startete eine eigene App. tgo

1,88

Millionen teilen sich und lesen beide Ausgaben, die in der Woche herauskommen.

200

Tausend verkaufte
Exemplare zusammen in der Woche.

10

Millionen Digitalnutzer im Monat besuchen den Internetauftritt und informieren sich oder suchen nach Daten.

1,2

Millionen Follower gibt es auf den
Sozialen Kanälen.

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