Von Carsten Muth Fans unterstützen Pflegekräfte. Stars gründen eine Stiftung. Immer mehr Profis verzichten auf Gehalt. Eine bemerkenswerte Entwicklung. Von Carsten Muth

Bei seinem Klub, dem deutschen Fußball-Rekordmeister Bayern München, war Leon Goretzka in dieser inzwischen unterbrochenen Saison nicht immer erste Wahl. Der 25-Jährige musste mehr auf der Bank Platz nehmen, als ihm lieb sein durfte. Hängen gelassen hat sich der gebürtige Bochumer nicht. Wenn er gefragt war, sprich eingewechselt wurde,  marschierte der torgefährliche Mittelfeldspieler vorneweg. Auch außerhalb des Platzes macht Goretzka schon länger eine ziemlich gute Figur. Der Nationalspieler nimmt gesellschaftspolitisch gerne mal Stellung und zeigt dabei klare Kante – gegen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus.

Kein Wunder also, dass der Bayern-Star sich auch in der Corona-Krise zu Wort meldet und engagiert. Gemeinsam mit seinem Nationalteam- und Bayern-Kollegen Joshua Kimmich, 25, hat er eine Initiative ins Leben gerufen: „We kick Corona“.

„Wir als Fußballer haben ganz besonders die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und auch ein Stück weit voranzugehen. Es gibt aber auch andere Menschen, die finanziell gut aufgestellt sind und helfen können“, sagte Kimmich jüngst dem „Spiegel“. „Und zudem zählt in diesen Zeiten jede Tat, jede gute Geste. Jede Hilfe ist richtig. Unsere Initiative geht zwar von uns beiden aus, aber es sind nicht nur Fußballspieler, die spenden.“

Goretzka und Kimmich spendeten den Start-Betrag in Höhe von einer Million Euro. Es dauerte nicht lange, da schlossen sich weitere Fußballprofis wie Eintracht Frankfurts Sebastian Rode und etliche Privatspender den Bayern-Stars an. Mit dem Ergebnis, dass bislang schon mehr als drei Millionen Euro an karitative Vereine und deren soziale Einrichtungen geflossen sind. Goretzka und Kimmich setzen auf den Zusammenhalt von Sport und Gesellschaft: „Auf dem Platz können wir jeden schlagen. Aber Corona schlagen wir nur gemeinsam!“, betitelte Goretzka die Aktion.

„Wir haben mittlerweile über 500 Privatspender, die teilweise kleinere Beträge gespendet haben. Die sind genauso viel wert, wenn nicht sogar mehr als die Spenden der Sportler“, findet der 25-Jährige frühere Schalker. „Das ist der Sinn der Initiative: Wir wollen alle erreichen. Es ist ein großes Privileg, in Krisenzeiten so helfen zu können. Wir haben die Hoffnung, dass sich noch viele anschließen werden.“

Das Engagement der Bayern-Profis passt ins Bild einer Branche, die zwar zutiefst verunsichert ist, in der Krise aber einen bemerkenswerten Gemeinsinn entwickelt. Allen voran die zuletzt infolge der Kritik an Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp so gescholtenen Ultras. Die Fans organisieren vielerorts Nachbarschaftshilfen, kaufen für Senioren ein, erledigen für besonders gefährdete Menschen, was  eben in diesem ungewöhnlichen Alltag erledigt werden muss. Das „Commando Canstatt“, Ultras des Zweitligisten VfB Stuttgart, unterstützt ein Krankenhaus in Italien. „Bleibt solidarisch, helft im Rahmen eurer Möglichkeiten anderen“, lautet ein Aufruhr der VfB-Supporter. Und ob nun in Berlin, Bremen, Erfurt, Dresden, Dortmund, Frankfurt oder Ulm: In vielen Städten der Republik hängen Banner der Ultras. Darauf wünschen sie Ärzten, Pflegern und Supermarkt-Verkäuferinnen viel Kraft und bedanken sich für ihren Einsatz.

Viele Profis verzichten inzwischen auf Teile ihres Gehalts, Union Berlin und die Bayern zum Beispiel. So wollen sie ihre finanziell in Schieflage geratenen Arbeitgeber entlasten. Fußball-Weltmeister Christoph Kramer hat den Gehaltsverzicht bei Borussia Mönchengladbach mit Blick auf die vielen Mitarbeiter des Vereins als selbstverständlich bezeichnet. „Ich weiß, dass das heutzutage als riesiger Schulterschluss gilt. Aber in meiner Wahrnehmung ist das eine absolute Selbstverständlichkeit, mit der wir uns auch nicht ohne Ende rühmen sollten“, sagte der Mittelfeldspieler am Mittwoch im vereinseigenen Youtube-Kanal.

Die Borussen hatten in der vergangenen Woche als erste deutsche Profis freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet. Christoph Kramer findet: „Es ist richtig und wichtig, dass wir das tun. Für uns Spieler geht es nicht unbedingt um Existenzen, bei manchem Mitarbeiter kann das aber der Fall sein.“

Profifußballer seien nun einmal „eine besonders privilegierte Berufsgruppe, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, finanzielle Abstriche zu machen, wenn Not herrscht“, sagte der Torwart den Tageszeitungen „tz“ und „Münchner Merkur“.

Eine Million gespendet

Tennis-Superstar Roger Federer will in der Corona-Krise helfen. Der 38 Jahre alte Schweizer verkündete am Mittwoch über die sozialen Netzwerke, dass er zusammen mit seiner Frau Geld für besonders Bedürftige in seiner Heimat zur Verfügung stellen will.

„Mirka und ich haben beschlossen, eine Million Schweizer Franken (ca. 944 000 Euro) für die am stärksten gefährdeten Familien in der Schweiz zu spenden“, schrieb Federer. Er hoffe, dass andere diesem Beispiel folgen. „Gemeinsam können wir diese Krise überwinden! Bleibt gesund!“ dpa