Wien / Sebastian Schmid Das Halbfinale hat Deutschland zwar verpasst, dennoch fällt das Fazit beim DHB positiv aus. Zu den Gewinnern im Team gehört auch ein Stuttgarter. Von Sebastian Schmid

Ein Spiel steht für die deutschen Handballer bei der Europameisterschaft noch aus, doch eine Bilanz kann bereits vor der Partie um Platz fünf gegen Portugal (siehe Info) gezogen werden.

Verlauf Schlechte Vorrunde, starke Hauptrunde. Deutschland hat bei der EM in Norwegen, Österreich und Schweden zwei Gesichter gezeigt, dank einer erheblichen Leistungssteigerung aber immerhin einen versöhnlichen Abschluss geschafft. Das Entsetzen nach der dürftigen Vorrunde in Trondheim, vor allem nach dem 26:33 gegen Spanien, war groß. Das DHB-Team präsentierte sich weit von dem entfernt, was es eigentlich zeigen wollte. Selbst gegen die EM-Debütanten Niederlande (34:23) und Lettland (28:27) tat man sich schwer. Die Hoffnung, dass es mit dem Umzug nach Wien zur Hauptrunde besser wird, erfüllte sich. Mit Siegen gegen Weißrussland, Österreich und Tschechien gelang es, sich für das Spiel um Platz zu qualifizieren. Das entscheidende Spiel im Kampf um das Halbfinale wurde jedoch trotz einer über 45 Minuten guten Leistung gegen Kroatien mit 24:25 verloren. Das Spiel um Platz fünf bezeichnete DHB-Vizepräsident Bob Hanning angesichts des Turnierverlaufs als „die realistischste aller Platzierungen.“

Verlierer „Für mich gibt es bei diesem Turnier keine Verlierer“, stellte Hanning klar. Trotzdem lief nicht alles im deutschen Team wie erhofft. Im Rückraum gab es wie erwartet angesichts der vielen Ausfälle erhebliche Probleme. In entscheidenden Momenten kam von Kai Häfner, Fabian Böhm, Paul Drux, Julius Kühn und David Schmidt zu wenig. Zu den Verlierern zählt aber auch Hanning selbst. Der DHB-Vize hat mit seiner Aussage vor dem Österreich-Spiel, die „Mannschaft muss nun zeigen, was sie mit dem Trainer vorhat“ eine Diskussion um Bundestrainer Christian Prokop entfacht. Auch wenn Hanning seine Aussage relativierte, hinterließ er mit dieser Aktion keinen guten Eindruck.

Gewinner Rückkehrer Jogi Bitter, Rechtsaußen Timo Kastening und Rückraumspieler Philipp Weber gehören zu den Akteuren, die die EM genutzt haben, um im Olympiajahr Werbung für sich zu betreiben. Der 37 Jahre alte Bitter hielt vor allem in der Hauptrunde stark und präsentierte sich als Antreiber sowie Motivator. Kastening überzeugte mit unbekümmerter Spielweise, Schnelligkeit, Treffsicherheit und verdrängte so während des Turniers den eigentlich gesetzten Tobias Reichmann aus der Stammformation. Weber hat im Rückraum als Spielgestalter und Vollstrecker dazugelernt. In der Form könnte er das Problem der deutschen Mannschaft auf Rückraum-Mitte lösen. Auch Christian Prokop kann sich als Gewinner fühlen. Auf Hannings Aussage folgte ein klarer 34:22-Sieg, der von den Spielern als klares Statement für den Bundestrainer bewertet wurde. Alle Akteure stellten sich demonstrativ hinter den 41-Jährigen und stärkten ihn damit ebenso wie DHB-Sportstand Axel Kromer, der klarstellte, dass der Verband mit Prokop in Richtung Olympia gehen wird. So ein klares Bekenntnis zu ihm hatte es zuvor noch nie gegeben.

Fazit Stockholm war zwar das erklärte Ziel, doch nicht für das Spiel um Platz fünf. Das angestrebte Halbfinale wurde verpasst. Hanning sieht das Abschneiden trotzdem positiv. „Wenn man das Halbfinale als Ziel ausgibt, es aber nicht erreicht, ist das nicht zwangsläufig ein Scheitern.“ Auch Prokop geht angesichts der Entwicklung während der EM mit einem guten Gefühl aus dem Turnier. Bereits vor der Abreise aus Wien verkündete er: „Es ist schon jetzt ein versöhnlicher Abschluss, das kann ich vorwegnehmen.“

Ausblick Für Deutschland geht der Blick Richtung Olympia-Qualifikation. Vom 17. bis zum 19. April kämpfen vier Nationen um zwei Tickets für die Spiele im Sommer in Tokio. Zwei Szenarien sind möglich: Sollte Norwegen Europameister werden, bekommt es Deutschland in Berlin mit Slowenien, Spanien und einem Team aus Afrika zu tun. Sollte Norwegen den Titel verpassen, werden neben den Afrikanern die Schweden und Portugal die Gegner sein. Von der erfolgreichen Qualifikation wird abhängen, wie es mit Prokop weitergeht. Für den Fall der Olympia-Qualifikation hat Hanning übrigens bereits eine Medaille als Ziel vorgegeben.

Nun muss sich Deutschland etwas einfallen lassen

Im bisherigen Turnierverlauf haben die deutschen Spieler sich für die starken Portugiesen gefreut, nun treffen sie bei der EM selbst auf das Überraschungsteam. „Wir haben alle gesehen, dass sie einen besonderen Handball spielen und sie dafür gefeiert, wie sie das Sieben gegen Sechs aufziehen“, sagte Torwart Jogi Bitter: „Nun sind wir selber in der Pflicht, uns etwas einfallen zu lassen.“ Zum EM-Abschluss wartet im Spiel um Platz fünf am Samstag (16 Uhr/ARD One) noch einmal eine schwere Aufgabe auf das Team von Bundestrainer Christian Prokop. Vor allem, weil Portugal gerne im Angriff den Torhüter vom Feld nimmt, um mit einem zusätzlichen Feldspieler anzugreifen.