Unbeeindruckt von horrenden Corona-Zahlen soll die 15. Handball-Europameisterschaft von Donnerstag an in der Slowakei und in Ungarn über die Bühne gehen. Die Europäer wollen wie schon die WM-Macher 2021 in Ägypten zeigen, dass sie das Virus im Turnier unter Kontrolle halten. Die Spieler und Verantwortlichen, darunter etliche Vertreter aus Baden-Württemberg, versuchen sich derweil aufs Sportliche zu konzentrieren. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur EM im Überblick.

Wo werden die Endrundenpartien ausgetragen? Es gibt fünf Spielorte – drei in Ungarn und zwei in der Slowakei. Die deutsche Mannschaft trägt ihre Vorrunden- und im Falle des Weiterkommens auch die Hauptrundenspiele in Bratislava aus. Zweiter slowakischer Austragungsort ist Kosice. Schauplätze in Ungarn sind Debrecen, Szeged und Budapest – dort werden auch die Medaillen vergeben.

Wie ist der Modus? Es gibt sechs Vorrundengruppen mit jeweils vier Mannschaften. Die besten Zwei aus jeder Gruppe qualifizieren sich für die Hauptrunde, in der in zwei Gruppen mit jeweils sechs Teams weitergespielt wird. Die jeweils Erst- und Zweitplatzierten jeder Hauptrundengruppe erreichen das Halbfinale. Die beiden Drittplatzierten bestreiten das Spiel um Platz fünf.

Wie stark beeinflusst Corona das Turnier? Corona war DAS Thema der vergangenen Tage. „Es ist schon beängstigend, wenn man die Zahl an Infektionen im europäischen Handball sieht“, sagte DHB-Kapitän Johannes Golla in der ARD. Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Slowakei lag am Mittwoch –ähnlich wie in Deutschland – bei 381, in Ungarn bei 377. Während das deutsche Team bislang vom Virus verschont geblieben ist, bestimmten etliche Infektionen bei anderen Nationen die Schlagzeilen. Neben den kroatischen Superstars Domagoj Duvnjak und Luka Cindric ist unter anderem das halbe serbische Nationalteam nach Corona-Infektionen beim Turnierstart zum Zuschauen verdammt – auch wenn die Europäische Handballförderation (EHF) die verpflichtende Quarantäne positiv getesteter Spieler kurzerhand von 14 auf 5 Tage verkürzt hat. Die Veranstalter haben sich für ein strenges Hygienekonzept mit einer engmaschigen Teststrategie entschieden, eine vollkommen abgeschottete Turnier-Blase wie beispielsweise bei der WM vor einem Jahr in Ägypten wird es allerdings nicht geben. Alle EM-Teilnehmer müssen geimpft oder genesen sein (2G Plus).

Sind Zuschauer erlaubt? Ja. Die Impfquoten liegen zwar deutlich unter der in Deutschland (unter 50 in der Slowakei, knapp über 60 in Ungarn). Doch die slowakischen Behörden haben eine Hallenauslastung von maximal 25 Prozent genehmigt, das entspricht im deutschen Vor- und Hauptrundenspielort Bratislava 2500 Zuschauern. In Budapest, wo ab dem Halbfinale gespielt wird, gibt es nach aktuellem Stand keine Restriktionen.

Wie kann man die Spiele aus der Heimat verfolgen? ARD und ZDF übertragen alle deutschen EM-Auftritte live, außerdem gibt es bis zu 18 Spiele ohne deutsche Beteiligung im Free-TV bei Eurosport zu sehen. Und wer damit nicht genug hat, kann sämtliche 65 EM-Partien kostenpflichtig im Internet auf Sportdeutschland.TV verfolgen.

Wer sind die EM-Favoriten?

Gleich mehrere Teams dürfen sich Hoffnungen auf den Titel machen. An erster Stelle zu nennen sind Olympiasieger Frankreich, Weltmeister Dänemark und Europameister Spanien. Aber auch Norwegen, Schweden und Kroatien zählen traditionell zu den Medaillenanwärtern.

Wie stehen die deutschen Chancen? Das DHB-Team gleicht einer Wundertüte. Von Vorrunden-Aus bis Medaillenspiele: Alles scheint möglich. Neun Turnier-Debütanten sorgen für reichlich frischen Wind. Sie müssen sich aber erst noch beweisen, wenn es ums Ganze geht. Die letzten großen Erfolge gelangen 2016 mit dem EM-Triumph in Polen und Olympia-Bronze in Rio 2014. Insofern sehen sich die Schützlinge von Alfred Gislason eher in der Außenseiterrolle. „Wir sind kein Kandidat für eine Medaille, deshalb reden wir auch nicht davon“, sagt der Bundestrainer.

Auf wen trifft die deutsche Mannschaft? Die DHB-Auswahl bekommt es in der Vorrundengruppe D mit Belarus, Österreich und Polen zu tun. „Die Gruppe ist sehr ausgeglichen, da kann alles passieren. Unser Ziel ist es natürlich, möglichst mit voller Punktzahl die Hauptrunde zu erreichen“, sagt Bundestrainer Alfred Gislason. Bei einem Weiterkommen sind in der Hauptrunde unter anderen Titelverteidiger Spanien, der Olympia-Dritte Norwegen und der WM-Zweite Schweden potenzielle Gegner des deutschen Teams.

Welche Rolle spielen baden-württembergische Akteure? Eine wichtige. Das zeigt schon ein Blick auf die EM-Generalprobe beim Test gegen Frankreich vom Sonntag: Der gebürtige Schwäbisch Gmünder Kai Häfner war mit acht Treffern Garant für den knappen 35:34-Erfolg, Göppingens Marcel Schiller folgte als zweitbester Schütze mit fünf Toren. Als starker Siebenmeter-Werfer könnte Letzterer auch im Turnier in manchen kritischen Situationen den Unterschied ausmachen. Nach dem Rücktritt des Mannheimers Uwe Gensheimer aus der Nationalmannschaft ist die baden-württembergische Phalanx im DHB-Team zwar etwas geschwächt. Dafür steht in Sebastian Heymann (Frisch Auf Göppingen) ein wichtiger Mann für die deutsche Handball-Zukunft vor seinem EM-Debüt. Und dann ist da ja noch DHB-Sportvorstand Axel Kromer: Der gebürtige Ludwigsburger hält in der Nationalmannschaft die Fäden in der Hand. (mit dpa und sid)

DHB-Funktionär kritisiert Juri Knorr


Bob Hanning hat den nicht gegen Corona geimpften und daher bei der Europameisterschaft fehlenden Handball-Nationalspieler Juri Knorr kritisiert und ihm zugleich die EM-Tauglichkeit abgesprochen. „Wir im Sport sind so privilegiert, dass wir auch Vorbilder sein sollten, von daher fällt es mir schwer, seine Entscheidung zu akzeptieren“, sagte der Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin und langjährige Vizepräsident des Deutschen Handballbundes dem RedaktionsNetzwerk Deutschland in einem Interview.

Ähnlich sieht es der frühere Weltmeister-Trainer Heiner Brand. „Ich kann das als Älterer schwer nachvollziehen“, sagte der 69-Jährige im Gespräch mit dem Nachrichtenportal Watson: „Ich hatte mir gedacht, ein junger Spieler macht alles, um so eine Chance wahrzunehmen.“

Juri Knorr gehört nicht zum EM-Aufgebot. Der 21-Jährige hatte sich im November 2020 zwar mit Corona infiziert, er ist allerdings weder geimpft noch hat er den Status als "Genesener", der offiziell nach sechs Monaten endet.