Von Carlos Ubina Seit 100 Tagen ist Claus Vogt Präsident des Zweitligisten VfB Stuttgart: Eine bewegte Zeit für den  50-Jährigen – nicht erst seit der Corona-Krise. Von Carlos Ubina

Mit 64,83 Prozent der Stimmen setzte sich Claus Vogt bei der Mitgliederversammlung am 15. Dezember 2019 gegen Mitbewerber Christian Riethmüller durch. Seitdem ist der gebürtige Nürtinger Präsident des Bundesliga-Absteigers VfB Stuttgart. Nach 100 Tagen ist es an der Zeit, in den wichtigsten Bereichen seiner Arbeit Bilanz zu ziehen.

Randfigur in Sachen Sport

Gerne erscheinen Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger einträchtig lächelnd gemeinsam auf Fotos in den sozialen Netzwerken. Ein Bild der Harmonie vermitteln sie, die zwischenmenschliche Chemie stimmt. Doch die Distanz zwischen dem Präsidenten des Hauptvereins und dem Vorstandsvorsitzenden der Fußball-AG im operativen Bereich ist groß. Hitzslperger versteht sich als der mächtige Mann beim VfB.

Er will vor allem die sportlichen Entscheidungen im kleinen Kreis treffen. Zu seinem inneren Zirkel gehören Sportdirektor Sven Mislintat, Organisationschef Markus Rüdt und der Nachwuchsdirektor Thomas Krücken. Vogt ist da außen vor und soll darüber irritiert gewesen sein, wann er von der Verpflichtung des neuen Cheftrainers Pellegrino Matarazzo erfuhr. Bei der Verpflichtung von Frank Fahrenhorst als Coach des VfB II verhielt es sich ähnlich. Auch ansonsten stößt Vogt häufig gegen die AG-Mauer. Nicht sein Bereich – das bekommt der 50-Jährige immer wieder zu spüren.

Positiv für die Atmosphäre

Die Stimmung, die Claus Vogt verbreitet, ist gut. Mit ihm kehrte nach den aufwühlenden Monaten vor der Mitgliederversammlung am 15. Dezember des vergangenen Jahres Ruhe ein. Zumindest war das vor der Corona-Krise so. Jetzt herrscht auch beim VfB der Ausnahmezustand. Der Präsident ist voll eingebunden in die Arbeit des Krisenstabs in der Mercedesstraße. Seine joviale Art und positive Ausstrahlung helfen dabei, mit den schweren Tagen umzugehen. Zuvor zeigte sich Vogt im Klub sehr präsent. Wie angekündigt, machte er sich erst einmal ein eigenes Bild vom Innenleben des Vereins, ehe er sich in den Gremien einbrachte.

Volksnah bei Investorensuche

Als Erfolg für Claus Vogt ist es zu werten, dass Rainer Adrion kürzlich in den Aufsichtsrat berufen wurde. Endlich, haben einige Mitglieder aufgestöhnt – denn mit dem Fußballfachmann hatte Vogt im Wahlkampf gepunktet. Jetzt ist noch ein weiterer Posten im Kontrollgremium zu vergeben. Vogt liebäugelt mit dem Grünen-Politiker Cem Özdemir. Allerdings, so heißt es, könnte der Platz auch für einen Vertreter des zweiten Investors freigehalten werden – sofern es diesen in absehbarer Zeit gibt. Vogt favorisiert eine Gruppe von zehn kleineren regionalen Geldgebern. Thomas Hitzlsperger bevorzugt jedoch einen potenten Investor.

Vorangekommen ist man kaum, und aufgrund der Corona-Krise dürfte es nahezu unmöglich sein, das regionale Konzept umzusetzen. Im Verein wurden die Mitgliederausschüsse aufgelöst – was zu Kritik führte. Vogt will jedoch Experten zu bestimmten Themenbereichen gewinnen und sich beraten lassen, statt Dauerrunden zu führen. Zudem vertraut er in der Vereinsentwicklung auf das Format der Dunkelroten Tische. In der Dialogreihe sollen sich alle Vereinsmitglieder offen einbringen können.

Uneitel in der neuen Rolle

Das Rollenverständnis des VfB-Präsidenten hat sich geändert. Jahrzehntelang war mit diesem Posten die starke Figur im Verein verbunden. Jetzt erfüllt der Vereinschef mehr gesellschaftliche Aufgaben. Claus Vogt hat auch von Anfang an betont, dass er sich als Teamplayer begreift und sich zurücknehmen wird – er muss nicht in der ersten Reihe stehen. Seine Verantwortung nimmt er jedoch ernst. Er ist in der Vesperkirche dabei gewesen, hat sich gegen Rassismus ausgesprochen und im Internet an der Klopapier-Challenge teilgenommen.

Zu relevanten Themen, wie während der Debatte mit den Ultrafans nach den wiederholten Anfeindungen gegen den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp, äußerte er sich nicht – und das als ehemaliger Fanaktivist.  Das neue Kräfteverhältnis zeigt sich dann auch auf der Geschäftsstelle des Klubs: Thomas Hitzlsperger lenkt den VfB aus dem großen Büro, das einst den Präsidenten vorbehalten war. Vogt arbeitet, ganz uneitel, aus einem kleinen Raum heraus.

VfB-Spieler könnten auf Gehalt verzichten

Thomas Hitzlsperger hat einen Gehaltsverzicht der Profis des VfB Stuttgart in der Coronavirus-Krise angedeutet. „Mein Eindruck war, dass die Spieler sehr schnell begriffen haben, was los ist, und schon signalisiert haben, dass sie ihren Teil dazu beitragen wollen. Das war sehr, sehr positiv“, sagte der 37-Jährige. Der VfB Stuttgart hatte zuvor Gespräche mit den Spielern über die finanziellen Folgen der Spielpause in den Bundesligen geführt. dpa