Der VfB Stuttgart steckt im Abstiegskampf – mit einer Mannschaft, die sehr jung ist. Das führt zu kontroversen Diskussionen rund um den Fußball-Bundesligisten. Hier die Einschätzungen von fünf ehemaligen VfB-Spielern, die allesamt ihre Erfahrungen mit jungen Mannschaften gemacht haben.

Krassimir Balakov (55) „Klar hat der VfB viele junge Spieler in seinen Reihen, aber sie haben doch in der vergangenen Saison mit Platz neun gezeigt, welche Qualität in ihnen steckt. In dieser kritischen Situation muss die Jugend nicht zwingend ein Nachteil sein. Natürlich ist Erfahrung wichtig, die nötige Geduld in gewissen Situationen, auf der anderen Seite machen sich junge Spieler nicht so viele Gedanken, sondern sie spielen befreit auf. Die richtige Balance zu finden ist schon sehr wichtig. Ich denke, alle sind sich des Ernsts der Lage bewusst, es muss kein zusätzlicher Druck aufgebaut werden. Es müssen nun aber Taten folgen. Ob die Mannschaft dem psychologischen Druck standhält, kann keiner sagen. Es gibt auch kein Patentrezept, wichtig ist nur, bestimmte Dinge zu beherzigen: den bedingungslosen Zusammenhalt, das gegenseitige Unterstützen, positive Energie und Leidenschaft. Und ganz entscheidend: Man muss immer an sich glauben, bis zum letzten Moment. So wie wir im Jahr 2001, als wir mit einer Mannschaft mit guter Mischung aus Jung und Alt am vorletzten Spieltag gegen den FC Schalke 04 gewonnen haben und drinblieben.“

Hansi Müller (64) „Ich sehe beim VfB momentan die Riesengefahr, dass er sich weiter in einer Abwärtsspirale befindet und die Mannschaft fast schon gediegen und ruhig absteigt, weil alles harmonisch abläuft. Natürlich ist es wichtig, dass die Verantwortlichen im Verein die Ruhe bewahren, aber auf dem Platz braucht es mehr Feuer als zuletzt. Jemand muss die Jungs wachrütteln.

Was glauben Sie, wie oft mich damals als junger Spieler Hermann Ohlicher auf dem Feld zurechtgewiesen hat? Eine solche Führung durch erfahrene Profis ist gerade in Phasen, in denen es nicht läuft, dringend nötig. Das war einer unserer Erfolgsfaktoren Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre beim VfB. Wir hatten unter dem Trainer Jürgen Sundermann eine perfekte Mischung im Team aus Routiniers, Spieler im mittleren Alter und jungen Kräften. Mit mehr Erfahrung habe ich die Rolle als Reizfigur auf dem Platz später bei Inter Mailand und in Innsbruck selbst übernommen.

Beim VfB fehlt ein solcher Führungsspieler aktuell. Wataru Endo und Waldemar Anton sind Stützen des Teams, aber nicht laut. Konstantinos Mavropanos kann zwar andere mitreißen, aber seine Qualität allein reicht nicht. Dass Marc Kempf noch im Winter abgegeben werden soll, kann ich nicht nachvollziehen. Spieler mit seiner Zweikampfstärke braucht es im Abstiegskampf.“

Silvio Meißner (48) „Mit solch einem Auftreten wie beim 0:0 beim abgeschlagenen Schlusslicht SpVgg Greuther Fürth wird der VfB den Klassenverbleib nicht schaffen. Ich befürchte, die Mannschaft ist dieser Situation nicht gewachsen. Die Mischung stimmt nicht: Es gibt zu viele junge Spieler, es fehlt an erfahrenen Kräften. Ich glaube, Verein und Mannschaft haben nicht mit einem gnadenlosen Kampf gegen den Abstieg gerechnet. Und jetzt, während der Runde, den Schalter umzulegen ist brutal schwierig. Das ist der große Vorteil von Klubs wie Arminia Bielefeld oder dem VfL Bochum. Für sie war von vornherein klar, dass es einzig und allein darum geht, den Absturz in die zweite Liga zu verhindern.“

Timo Hildebrand (42) „Bei unserer Generation damals ist rückblickend ja immer von den ,Jungen Wilden‘ die Rede. Man darf aber nicht vergessen, dass wir in Zvonimir Soldo, Krassimir Balakov und Marcelo Bordon auch gestandene Leistungsträger im Team hatten – die regelmäßig auch auf dem Platz standen. Bala hat immer zu mir gesagt: ,Wenn du nicht weißt wohin, dann spiel zu mir.‘ Was ich damit sagen will: Die Mischung macht’s. Insofern beschreitet der VfB einen riskanten Weg, auch wenn ich ihn grundsätzlich für richtig halte. Es kommt jetzt darauf an, weiter hart zu arbeiten und nicht in Panik zu verfallen. Zwei Abstiege sind mehr als genug. Ohne Teams wie Bielefeld oder Bochum zu nahe treten zu wollen: Es wäre ein Debakel, würde der VfB erneut die Klasse nicht halten können.“

Zvonimir Soldo (54) „Ich kann den aktuellen Kader des VfB nicht mehr im Detail beurteilen, da ich gerade im Iran arbeite. Als Trainer teile ich die Spieler grundsätzlich jedoch nicht in junge und alte Spieler ein, am liebsten sind mir gute Spieler. Die Qualität ist das entscheidende Kriterium. Und wichtig ist es, eine gute Mischung in der Mannschaft zu haben. Es braucht ältere Spieler, die in kritischen Momenten die Verantwortung übernehmen. Bei jüngeren Spielern ist dagegen Geduld gefragt, damit sie sich entwickeln können. Diese Zeit hat man im Abstiegskampf nicht.

Wir haben uns in der Saison 2000/2001 auch schwergetan. Dabei hatten wir erfahrenen Spieler mit der Unterstützung von Trainer Felix Magath die Kabine im Griff. Der Rest wurde direkt auf dem Platz geklärt, auch weil wir mit guten Leistungen vorangegangen sind. Das waren aber andere Zeiten mit klaren Hierarchien von oben nach unten. Heute werden Mannschaften anders geführt – eines gilt für mich jedoch nach wie vor: Ein Führungsspieler bist du oder bist du nicht. Da kann dich kein Trainer dazu machen.“ stn

Von Stuttgart nach Wolfsburg


Michael Gentner verlässt den VfB Stuttgart und wird zum 1. Februar Direktor der Nachwuchsakademie des VfL Wolfsburg. Das gaben die beiden Fußball-Bundesligisten am Montag bekannt. Der Bruder des früheren VfB-Kapitäns Christian Gentner, der inzwischen beim FC Luzern in der Schweiz spielt, arbeitete bei den Stuttgartern zuletzt als Sportlicher Leiter und Manager der U21. In Wolfsburg folgt der 39-Jährige nun auf Pablo Thiam, der einst auch für den VfB spielte, und im Sommer 2021 vom VfL zu Hertha BSC gewechselt ist.