Zufall – oder besteht da ein Zusammenhang? Binnen weniger Monate haben gleich vier Bundesliga-Profis die Diagnose „Bösartiger Hodentumor“ erhalten. Nach Timo Baumgartl von Union Berlin traf es Marco Richter von Hertha BSC, dann Sébastien Haller, Neuzugang bei Borussia Dortmund, sowie in der vergangenen Woche mit Jan-Paul Boetius erneut einen Profi von der Berliner Hertha. Die Fälle haben ein Thema in die Öffentlichkeit gerückt, über das in der Öffentlichkeit nicht allzu oft gesprochen wird, auch nicht in Fußballer-Kreisen.

Sind Fußballer besonders gefährdet, an Hodenkrebs zu erkranken? Nein, sagt Professor Tim Meyer, Arzt der deutschen Nationalmannschaft, im Podcast „Kult-Kicker“: „Grundsätzlich muss man sagen, dass das schlicht und einfach die häufigste Krebsart bei jungen Männern ist. Das hat nichts mit Fußball zu tun. Weder wird es durch Fußball hervorgerufen, noch durch Fußball verschlimmert.“

Wirft man einen Blick ins Register des Krebszentrums des Robert-Koch-Instituts (RKI), dann fällt folgendes auf: Es sind vor allem junge Männer betroffen. Hodenkrebs ist demnach bei Männern im Alter zwischen 25 und 39 mit 35 Prozent die mit Abstand am weitesten verbreitete Krebsvariante. Insofern sieht auch Dr. Mandy Hubatsch, Leiterin des Zentrums für Keimzell- und Hodentumore an der Berliner Charité, zunächst mal keinen Zusammenhang zwischen (professionellen) Fußballspielen und Hodenkrebs: „Dass junge Patienten in diesem Alter betroffen sind, ist für uns ganz normal – das sehen wir auch in der Häufigkeit“, sagte die Medizinerin jüngst dem Sender RBB. Sie fügte allerdings auch hinzu: „Dass es so viele Fußballspieler gleichzeitig sind, das ist für uns auch neu.“ Grundsätzlich passten Profisportler „in die Patientenklientel, die wir auch in der Klinik immer wieder sehen“.

Auch Professor Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, hat sich zu dem Thema inzwischen geäußert. Dem SWR sagte der Urologe aus Hamburg: „Normalerweise ist jemand, der Sport treibt, tumorprotektiv, hat also weniger Krebsrisiko als jemand, der sich nicht bewegt und schlecht ernährt.“ Ob dies bei Hodenkrebs anders sei, solle in einer eigenen Studie untersucht werden. Sommer stellt aber klar: Nach derzeitiger wissenschaftlicher Lage gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Leistungssport und Fußball und der Möglichkeit, Hodenkrebs zu entwickeln.

Die gute Nachricht: Statistisch gesehen ist die Überlebenschance bei Hodenkrebs sehr hoch. Mehr als 95 Prozent der Betroffenen werden geheilt. Keine andere Tumorerkankung weist eine solch hohe Überlebensrate aus.

Der frühere VfB-Stuttgart-Profi Timo Baumgartl hat eine Chemotherapie hinter sich und jüngst sein Comeback für seinen Klub Union Berlin in der Fußball-Bundesliga gegeben. Marco Richter vom Stadtrivalen Hertha BSC ebenso. Der Mittelfeldspieler erzielte sogar zwei Treffer in den vergangenen Spielen.

Bei Borussia Dortmund wartet man sehnsüchtig auf die Rückkehr von Sebastian Haller. Der Mittelstürmer befindet sich nach der Diagnose Hodenkrebs, einer Operation und Chemotherapie inzwischen in der Rehabilitation. Sein Comeback wird für Anfang kommenden Jahres erwartet.

Hertha-Profi Jean-Paul Boetius versucht nach Angaben seines Trainers Sandro Schwarz „positiv zu bleiben“. Schwarz besuchte seinen Spieler kürzlich in der Klinik. Und berichtete: „Jean-Paul hat sein Lachen nicht verloren und alles gut verkraftet den Umständen entsprechend. Das ist eine sehr gute Nachricht. Wir haben Hoffnung, dass es einen ähnlichen Verlauf nimmt wie bei Marco Richter.“ (mit dpa)

Keine Standard-Untersuchungen


Urologische Untersuchungen sind bei den routinemäßigen Medizinchecks von Fußballprofis bislang kein Standard. Union Berlin aber hat seinen Spielern nun Checks angeboten. Fast alle Spieler haben nach Angaben des Klubs von dem Angebot inzwischen Gebrauch gemacht.

Marco Russ, Ex-Spieler von Bundesligist Eintracht Frankfurt, erkrankte als Fußball-Profi an Hodenkrebs.  „Ein Tabuthema ist es heute immer noch ein Stück weit“, sagt der 36-Jährige: Es sei gut, offen damit umzugehen. „Es ist eine schlimme Krankheit, die aber gut zu behandeln ist“.

Der norwegische Ski-Star Aksel Lund Svindal hat eine Hodenkrebs-Erkrankung am vergangenen Wochenende öffentlich gemacht. Er sei operiert worden und habe eine „sehr gute“ Prognose, schrieb der 39-jährige frühere Ausnahme-Skifahrer und Olympiasieger bei Instagram.