Bei der Sport1-Talkrunde „Doppelpass“ trafen sie kürzlich aufeinander: der Münchner Journalist Max-Jacob Ost – und Uli Hoeneß, der immer noch ziemlich allmächtige Ex-Boss des FC Bayern. Schnell ging es auch in den verbalen Clinch: Ost rechnete vor, wie sehr die Münchner der Liga finanziell enteilt sind und sprach von der  „Geldverteilung als Schlüssel“ für mehr Wettbewerb, Hoeneß nannte das „sozialistisch“. In derselben Sendung hatte er einen Alaba-Berater als „geldgierigen Piranha“ bezeichnet. Ein klassischer Hoeneß.

Die einen verehren ihn, andere hassen ihn: Es gibt wohl keine Figur, die im deutschen Fußball so viel erreicht hat und derart polarisiert wie Uli Hoeneß. Doch wie konnte es dazu kommen? „Die Welt von Uli Hoeneß verstehen“ – das war die Idee, mit der Max-Jacob Ost vor über zwei Jahren startete. Nun ist, nach monatelanger Recherche und dutzenden Interviews, sein Podcast „11 Leben – die Welt von Uli Hoeneß“ gestartet. Es ist eine Biografie zum Hören, die nicht nur Hoeneß’ Werdegang akribisch nachzeichnet. Nebenbei erzählt Ost auch die Geschichte des FC Bayern und der Bundesliga.

Hoeneß’ Aufstieg zum Jungstar, seine unglaubliche Titelsammlung als Spieler, sein Wirken als Manager – all das hat den deutschen Fußball über Jahrzehnte geprägt, all das gehört zusammen. Oder, wie Ost es selbst im Podcast sagt: „Weltmeister, Europameister, Sportinvalide, jüngster Manager der Liga, Titelsammler, Wohltäter, Steuerhinterzieher, Idol, Hassfigur, einziger Überlebender eines Flugzeugabsturzes, Millionär und Gefängnisinsasse. Es gibt Netflix-Serien, in denen weniger passiert.“

Für Ost, einst glühender Bayern-Fan, der inzwischen deutlich kühler auf seinen Klub blickt, ist es auch ein sehr persönliches Projekt. Nicht nur wegen des enormen Arbeitsaufwands, der ihn manchmal verzweifeln ließ. Auch er ist zwiegespalten, wenn es um die Person Hoeneß geht. Ein abgeschlossenes Urteil habe er noch nicht. „Man kann sich an keiner Person im Fußball so gut abarbeiten wie an ihm“, sagt Ost. „Er steht für viele Entwicklungen im Fußball, die man kritisieren kann, aber steht eben auch immer im Kontext seiner Zeit.“

Spurensuche in Ulm

So beginnt die Reise natürlich in Ulm, wo Ost im Vereinsheim des VfB Ulm mit damaligen Sandkastenfreunden und Vereinskameraden wie Gerhard Wojtzyk und Roland Schmidle Hoeneß’ Kindheit und Jugend nachspürt – und auch berühmte Anekdoten auf ihren Wahrheitsgehalt prüft. Wie etwa die, dass Hoeneß als Achtjähriger 50 Kilometer mit dem Fahrrad vom Ministranten-Zeltlager zum Meisterschaftsspiel gegen Ulm 46 strampelte, zur Halbzeit eintraf – und sein 0:4 zurückliegendes Team noch zum Sieg schoss. Diese und andere Ulmer Geschichten hatte Hoeneß selbst früh erzählt. „Da war keine Legendenbildung dabei“, sagt Ost. „Es haben sich alle Anekdoten bestätigt.“ Sie zeugen vom unbedingten Ehrgeiz und Aufstiegswillen des jungen Metzgersohns, der hoch hinauswollte.

Der Journalist Peter Bizer, in den 60ern Sportredakteur bei der „Schwäbischen Donauzeitung“ (heute Südwest Presse), berichtet etwa, dass Hoeneß ihm als Jugendlicher sonntags Berichte seiner eigenen Spiele für die Zeitung ablieferte – für 9 Pfennig Zeilenhonorar. „Ich hätte gerne mehr über seine Ulmer Zeit gemacht“, sagt Ost. Die Frage, wie sehr Wurzeln einen Menschen prägen, sei sehr spannend. Doch so schnell wie Hoeneß’ Karriere in andere Sphären aufsteigt, folgt ihm auch der Podcast zu den Bayern und in die Nationalmannschaft.

Ost hat für sein Projekt in Archiven geforscht, alte Spiele angeschaut und Interviews in ganz Deutschland geführt. So kommen Ex-Mitspieler wie Franz „Bulle“ Roth, Klaus Augenthaler und Lothar Matthäus ebenso zu Wort wie die Kontrahenten Willi Lemke und Christoph Daum. Offen bleibt zunächst, ob auch Hoeneß selbst im Podcast Rede und Antwort steht. Fünf Biographien gibt es bereits über ihn – über die Autoren wetterte Hoeneß mal, sie hätten mit ihm „kein Wort gewechselt“. Die Frage, ob das bei „11 Leben“ anders war, ist eins der erzählerischen Spannungsmomente des Podcasts. Denn in einer zweiten Ebene wird auch die wechselvolle Geschichte des Projekts erzählt; etwa, dass es zwischendurch vor dem Aus stand, weil Partner aus Angst vor den Bayern ausstiegen. Die Idee, auch die „Reise“ von Osts Projekt zu erzählen, stammt von Regisseur und Drehbuchautor Burkhard Feige, der als Berater mitwirkte.

Es sind Kniffe wie diese, die „11 Leben“ zu einem Biografie-Projekt machen, wie es in Deutschland bisher einzigartig ist. Neben akribischer Recherche nutzt Ost alle erzählerischen und dramaturgischen Stärken des Mediums Podcast, macht so das Leben Uli Hoeneß’ zu großem Kino – und sorgt dafür, seine Welt vielleicht wirklich besser zu verstehen.

Kostenlos zum Herunterladen


Der Podcast „11 Leben“ erscheint wöchentlich kostenlos auf allen gängigen Plattformen (etwa Apple Podcasts, Spotify, Audio Now). Er ist auf elf Folgen (insgesamt etwa elf Stunden) angelegt – noch sind nicht alle Folgen fertig, da auch Reaktionen eingearbeitet werden sollen.

Max-Jacob Ost (35) arbeitet als Sportjournalist in München – hauptsächlich für seinen Fußball-Podcast „Rasenfunk“, den er mit einem Kollegen betreibt. Der Rasenfunk gilt in Deutschland als spannendes Medien-Projekt, da er sich komplett aus Spenden von Unterstützern finanziert.