Thilo Kehrer schaut optimistisch in die Zukunft. Der 23 Jahre alte Innenverteidiger des französischen Topmannschaft Paris St. Germain (PSG) wagt wieder davon zu träumen, bei der Europameisterschaft im Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu sein und seine Länderspielbilanz von bisher sieben Spielen auszubauen. Denn Kehrer hat seine hartnäckige Fußverletzung überwunden, stand in den letzten beiden Spielen seines Klubs wieder von Anfang an auf dem Platz und spielte durch. Und noch schöner: Im Auswärtsspiel beim FC Nantes traf er mit dem Kopf zum 2:0 und bestätigte damit seine Kopfballstärke.

Thilo Kehrer hat eine harte Zeit hinter sich. Gleich zum Saisonauftakt am 17. August gegen Nimes zog er sich die Verletzung zu, sein Trainer Thomas Tuchel wechselte ihn in der 75. Minute aus. Die Verletzung erwies sich als schwerer als zunächst angenommen. Zuvor hatte der aus Ammerbuch-Pfäffingen (Kreis Tübingen) stammende und bis Sommer 2018 bei Schalke 04 spielende Kehrer nur kleinere Blessuren gehabt, eine solch lange Auszeit musste er noch nie durchstehen.

Im Interview mit unserer Zeitung sagte Kehrer, es sei ihm schwergefallen, das Spiel nur von außen zu betrachten. Und er musste auch befürchten, den Anschluss zu verlieren – die Konkurrenz in Paris ist groß. In der Nationalmannschaft schienen ihm die Felle davon zu schwimmen. Kehrer musste damit rechnen, das Ziel, zusammen mit seinem PSG-Vereinskameraden Julian Draxler bei der EM in der DFB-Elf mitzuwirken, zu verpassen.

Dem nachdenklichen jungen Mann wurde bewusst, „dass es nicht selbstverständlich ist, jeden Tag trainieren und dann auch spielen zu können“. Beim 4:2-Heimsieg am Sonntag gegen Lyon allerdings wirkte Kehrer als wäre er nie weg gewesen, spielte sichere Pässe, leitete gekonnt den Spielaufbau ein und bewies ein sicheres Auge beim Tackling. Thomas Tuchel bescheinigte Kehrer einen „guten Job“ und hob die Zusammenarbeit zwischen Kehrer und seinem Nebenmann Presnel Kimpembe hervor: „Sie harmonieren gut miteinander“. Der Defensivmann mit der Rückennummer 4 erntete heftigen Szenenapplaus nach einer spektakulären Grätsche an der Seitenlinie, mit der Kehrer einen Angriff Lyons abrupt unterbrochen hatte. Wäre die Attacke misslungen, hätte sie einen Platzverweis zur Folge haben können.

Über eineinhalb Jahre gehört der frühere Schalker Kehrer inzwischen zum Tuchel-Ensemble mit Weltstars wie Neymar, Mbappé, Di Maria, Cavani und Thiago Silva. Der Umgang mit den Stars hat Kehrer offensichtlich nicht abheben lassen. Er sehe in der Mannschaft täglich sehr gute Beispiele dafür, „dass Berühmtheit nicht wichtiger ist als Charakter, menschliche Stärke und Bodenständigkeit“, sagt er. Seine Eltern hätten ihn nach diesen Vorgaben erzogen – „da fällt es nicht schwer, Bodenhaftung zu behalten“.

Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit ist dem Fußballer mit einer Mutter aus Burundi und einem schwäbischen Vater nach eigenen Worten schon als Kind beigebracht worden und deswegen engagiert er sich seit zweieinhalb Jahren für Menschen, die nicht so auf der Sonnenseite des Lebens stehen wie er selbst. Am Montag stellte er in der Galerie Lumas im Stadtbezirk St. Germain seine eigene Stiftung vor, die Thilo Kehrer Foundation. Ein erstes Projekt ist bereits in Vorbereitung. Kehrer möchte Kinder und Jugendliche in Burundi eine Ausbildung zukommen lassen, die sie in die Lage versetzt, sich später eine eigene Existenz aufzubauen. Ein Projekt eben, das langfristige Wirkung erzielen soll.

Im Einsatz für Gerechtigkeit

Julian Draxler war mit Frau, Eltern und Bruder bei der Präsentation anwesend und zollte seinem Vereinskameraden Respekt. Das Hilfsprojekt spiegele Kehrers Charakter, sagte Draxler. Seine menschlichen Qualitäten zeigten sich auch innerhalb der Mannschaft: „Er möchte immer, dass die Leute in seiner Umgebung sich wohlfühlen, Ungerechtigkeit kann er nur schwer ertragen.“ Kehrer vergesse nie seine Herkunft, meinte Draxler und es sei ihm sehr wichtig, den Menschen in der Heimat seiner Mutter eine Perspektive zu geben. So ist es für Draxler keine Überraschung, dass sein Mitspieler sich schon in jungen Jahren für ein Projekt in Afrika einbringt.

Die Thilo Kehrer Foundation


Noch ist nicht entschieden, in welchem burundischen Ort das „Thilo Kehrer Zentrum“ gebaut wird. Möglicherweise wird die Stiftung des Nationalspielers, die ihren Sitz in Tübingen hat, sich für Gatumba an der Grenze zum Kongo entscheiden. Das Dorf ist durch das Massaker an kongolesischen Flüchtlingen im Jahr 2004 bekannt geworden. Geplant ist ein Holzgebäude mit einem Gemeinschaftsraum, Computer-Arbeitsplätzen und einer Bibliothek. Thilo Kehrers Vater Armin Kehrer, der viele Jahre im Entwicklungsdienst zugebracht hat, rechnet mit einer raschen Genehmigung. Die laufenden Betriebskosten wird der Verein „Burundi-Kids“ in Köln übernehmen.