Das ging schnell. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich als erstes Team für die WM Ende kommenden Jahres in Katar qualifiziert. Mit dem souveränen 4:0-Sieg in Nordmazedonien haben die Schützlinge von Bundestrainer Hansi Flick das Ticket für die Endrunde gelöst. Doch was bedeutet das nun? Wie weit ist die DFB-Auswahl bereits? Hat sie nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahre, der Pleite bei der WM 2018 und dem Achtelfinal-Aus bei der EM im Sommer, schon das Zeug, in Katar den Titel zu holen? Kapitän Manuel Neuer ist zuversichtlich, dass dies tatsächlich gelingen kann. Eine Bestandsaufnahme.

Neubeginn „Der Weltmeister von 2014 hat die Krise überwunden“, schreibt die italienische Gazzetta dello Sport nach dem Sieg in Nordmazedonien. Und liegt damit sicher nicht falsch. Der neue Bundestrainer Hansi Flick hat dem DFB-Team Leben eingehaucht. Und binnen kurzer Zeit eine Mannschaft zusammengestellt, die gut und erfolgreich auftritt. Fünf Spiele, fünf Siege, 18:1 Tore. Die Bilanz spricht für sich, auch wenn die jeweiligen Gegner nicht gerade zur Spitze des Weltfußballs gehörten.

Ausrichtung Wie schon in seiner kurzen, aber extrem erfolgreichen Zeit als Trainer von Bayern München gibt Hansi Flick auch als Bundestrainer eine klare Linie vor. Er lässt offensiv agieren und hoch verteidigen. Seine Spieler sollen bei Ballverlust hartnäckig nachsetzen und bei Ballgewinn rasch den Weg in die Spitze suchen, möglichst wenig quer spielen. Dabei achtet Flick stets auf eine gute Restverteidigung und Konterabsicherung. Bislang hat das – mit Ausnahme der ersten Hälfte beim 2:1 gegen Rumänien – ganz gut funktioniert. Das Spiel der deutschen Mannschaft ist attraktiver geworden, schlicht wieder schöner anzuschauen.

Personal Flick setzt auf einen festen Spielerblock. Kapitän Manuel Neuer (Tor), Niklas Süle und Antonio Rüdiger (Innenverteidigung), Joshua Kimmich und Leon Goretzka (Mittelfeld) sowie Serge Gnabry und Timo Werner (Angriff) spielen immer, sofern sie fit sind. Gesetzt sind in der Regel auch die Offensivkräfte Thomas Müller, Marco Reus, Leroy Sané und Kai Havertz, wobei der eine oder andere von den Letztgenannten auch schon mal eine schöpferische Pause erhält.

Alternativen Mit dem zuletzt verletzten 2014er-Weltmeister Mats Hummels steht ein routinierter Abwehrchef parat. Eine Alternative in der defensiven oder offensiven Mittelfeldzentrale ist für die WM auch der Ilkay Gündogan, der bei Manchester City in einem der besten Vereinsteams der Welt kickt. Und da wären auch noch die jungen Wilden. Die hochtalentierten Offensiven Karim Adeyemi (19), Florian Wirtz (18) und Jamal Musiala (18) sind schon jetzt sehr weit, spielen mit ihren Klubs RB Salzburg, Bayer Leverkusen und Bayern München international. Sie drängen nach oben, machen den Arrivierten Druck, was dem Leistungsniveau in der Nationalelf insgesamt nicht schaden dürfte.

Teamgeist Auch in Sachen Zusammenhalt scheint sich einiges getan zu haben in der DFB-Auswahl. Die Team-Kollegen haben dem zuletzt in die Kritik geratenen Mittelstürmer Timo Werner demonstrativ den Rücken gestärkt und sich ebenso demonstrativ mit dem Angreifer gefreut, als dieser gegen Nordmazedonien mal wieder getroffen hatte. Einsatzwille, Laufbereitschaft, Zweikampfhärte – alles das stimmt im deutschen Team. Es ist wieder Leben in der Bude. „Die Mentalität passt“, betont der Bundestrainer gerne. Joshua Kimmich und Leon Goretzka gehen mit Wucht und Willen voran. Mit Thomas Müller steht Flick ein mannschaftsdienlicher Spieler und Tor-Vorbereiter der Extraklasse zur Verfügung, den Flicks Vorgänger Jogi Löw lange verschmäht hat.

Perspektive „Mich freut, wie die Mannschaft zusammenwächst und wir auch viele junge Spieler eingebaut haben“, betont DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff. Aber auch er weiß: Gruppensieg und direkte Qualifikation waren für die deutsche Elf ein Muss in einer Gruppe, die nicht gerade mit Klasse-Kontrahenten geschmückt ist. „Die Mannschaft hat eine gute Entwicklung hinter sich“, sagt der Bundestrainer. Ob seine Auswahl in Katar Topteams wie Frankreich, Italien, Spanien, England oder Brasilien schlagen kann, die ein ganz, ganz anderes Kaliber als Rumänien, Armenien oder Nordmazedonien besitzen, bleibt jedoch völlig offen.

Hansi Flick traut seinen Jungs auch gegen die Großen einiges zu. Er findet: „Wenn man mal anschaut, wo sie spielen, muss man einfach sagen, dann haben sie auch die Qualität, gegen Top-Teams zu bestehen. Ich bin da sehr zuversichtlich.“

DFB-Auswahl droht schwere WM-Gruppe


Die WM in Katar findet vom 21. November bis 18. Dezember 2022 statt. Die Vorrundengruppen werden im kommenden April ausgelost. Dem viermaligen Weltmeister Deutschland droht dabei ein schweres Los. Denn nach derzeitigem Stand wird die DFB-Auswahl wohl nicht im Topf der besten Teams gesetzt sein.