Champions-League-Halbfinale. Das Hinspiel. Real Madrid liegt bei Manchester City mit 2:4 hinten. Es gibt Elfmeter für die Gäste. Karim Benzema tritt an, schaut konzentriert und schaufelt dann den Ball kalt wie Hundeschnauze in die Tormitte, während der Keeper in die rechte Ecke plumpst, machtlos ist. Was für ein Tor, was für ein Strafstoß, was für eine Show. Ob die bemerkenswerte Aktion nun furchtbar arrogant, technisch sehr beschlagen oder schlicht beides war, liegt im Auge des Betrachters. Eines aber zeigt die Szene deutlich: Selbstvertrauen hat dieser Mann.

Benzemas spektakulärer Elfmeter-Coup im Hinspiel verschafft Real eine gute Ausgangsposition, auch wenn das Spiel 3:4 verloren geht. Das Rückspiel gewinnen die Königlichen mit 3:1 nach Verlängerung. Der Franzose schießt das entscheidende Tor. Am 28. Mai stehen Benzema und Co. nun im Finale. Gegner ist ein anderes Schwergewicht: der FC Liverpool. Dass es die Madrilenen soweit geschafft haben, haben sie vor allem ihrem Mittelstürmer zu verdanken. Karim Benzema befindet sich in der Form seines Lebens. Der Mann, der schon immer ein herausragender Spieler war, aber lange im Schatten von Weltstar Cristiano Ronaldo stand, scheint einfach immer besser zu werden. In der ewigen Torschützenliste der Königsklasse hat der Franzose, der 2009 von Olympique Lyon zu Real wechselte, inzwischen mit Robert Lewandowski vom deutschen Fußball-Rekordmeister Bayern München gleichgezogen. Und der ist immerhin Weltfußballer. Beide haben nun 86 Treffer erzielt. Nur Cristiano Ronaldo (140) und Lionel Messi (125) sind besser. 

Es sind die Altstars, die auch 2022 bei Real Madrid den Ton angeben. Weltmeister Toni Kroos (32), der Brasilianer Casimiro (30) und der nimmermüde Kroate Luka Modric (36) geben im Mittelfeld den Takt vor, bestimmen den Rhythmus, sind wie Benzema schon lange Teil des Madrider Ensembles. Zusammen haben sie schon mehrfach den Henkelpott gewonnen.

Satt sind die „alten Herren“ nicht. Die Ü30-Gang blüht vielmehr noch mal so richtig auf. Je älter Benzema und Modric werden, desto grandioser agieren sie. Was wiederum die jungen Wilden wie die beiden Brasilianer Rodrygo (Doppeltorschütze im Rückspiel gegen Manchester City) oder den unglaublich schnellen Vinícius Júnior mitreißt.

In der K.o.-Runde dieser Königsklassen-Saison sind die Königlichen mehr als einmal „von den Toten auferstanden“, wie spanische Zeitungen voller Bewunderung schreiben. Ob im Achtelfinale gegen die Star-Truppe von Paris St. Germain um Lionel Messi, im Viertelfinale gegen Titelverteidiger FC Chelsea oder zuletzt gegen Pep Guardiolas hochgelobte Elf von ManCity – in allen drei Duellen drehten die Madrilenen verloren geglaubte Spiele. Und das auf eine Art und Weise, die dem Beobachter den Atem verschlug.

Stets in der Hauptrolle: Karim Benzema. Er führt sein Team an, gibt als spielender und ungemein abschlussstarker Mittelstürmer die entscheidenden Impulse. Und trifft und trifft und trifft. Gegen Paris und Chelsea erzielte der 34-Jährige jeweils einen Hattrick. „Es ist unfassbar, was er macht“, sagte sein Teamkollege David Alaba, der Bayern München nach vielen erfolgreichen Jahren im vergangenen Sommer verlassen und in der spanischen Hauptstadt ein neues Glück gefunden hat. „Wir haben einen Charakter innerhalb der Mannschaft, der sehr speziell ist“, sagt der Österreicher. Nur so seien solche herausragenden Siege wie in den vergangenen Wochen möglich.

Die spanische Meisterschaft haben die Madrilen kürzlich eingetütet. Ende Mai wollen sie sich erneut zu den Fußball-Königen Europas krönen. Dabei vertrauen die Königlichen auf die speziellen Fähigkeiten Benzemas, der in dieser Spielzeit auch Weltfußballer Robert Lewandowski aussticht. Der Pole ist mit den Bayern bereits im Viertelfinale der Champions League gescheitert.

Enorm wichtig für ihre Mannschaften sind zweifellos beide. Benzema aber spielt im Gefüge Real Madrids eine noch gewichtigere Rolle. Wie der Kicker berechnet hat, liegt sein Toranteil im Team bei 65 Prozent. Lewandowski kommt „nur“ auf 45. Willy Sagnol, Benzemas Landsmann, einstiger Bayern-Profi und heutiger Nationaltrainer Georgiens, sagt: „Dürfte ich einen auswählen – würde ich Benzema nehmen.“

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Tore hat Karim Benzema in dieser Champions-League-Saison schon für seinen Klub Real Madrid erzielt. 10 davon alleine in den sechs Begegnungen der K.o.-Phase.