Ihren ersten Spielerpass hat Margarethe Holl  akkurat eingeklebt. Das Papier ist angegraut, die junge, dunkelhaarige Frau auf dem Bild trägt ihre Haare kurz. Ausgestellt von der „Federazione Internationale Europea Football Feminile“ berechtigte der Pass die damals 24-Jährige zur Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien. Der ersten für Frauen, die noch inoffiziell ausgespielt wurde. Und während im Juli 1970 das Fußballspielen für Frauen in Deutschland vom Deutschen Fußball-Bund DFB noch untersagt war, stand Margarethe Holl aus Tiefenbach im Landkreis Neu-Ulm im italienischen Genua auf dem Platz. Die verstärkte Frauenmannschaft des SC Bad Neuenahr war angereist, spielte für Deutschland das Eröffnungsspiel vor 5000 Zuschauern, verlor es mit 1:5 gegen England.

Erst 116 Tage später, beim Verbandstag in Travemünde, fasste der DFB den überfälligen Entschluss – und erlaubte den Frauenfußball in Deutschland. Vereine durften sich organisieren, Frauen-Abteilungen bilden, Pässe wurden ausgestellt, Meisterschaften ausgespielt. An den Tag, den 31. Oktober 1970, an dem diese Entscheidung fiel, erinnert sich Margarethe Holl noch gut: Sie war mit Bad Neuenahr in Köln. Der „verstärkten Stadtmannschaft“ – mit Spielerinnen aus Wörrstadt, Illertissen und Koblenz –, die am Abend in der Radrennbahn 1:1 gegen Italien spielte. „Wir haben das mit Spannung erwartet,“, sagt die 75-Jährige, „der Jubel war dann natürlich groß.“

Lederbälle auf dem Dachboden

50 Jahre später, an einem Nachmittag im Oktober, sitzt Margarethe Holl an ihrem Esszimmertisch. Auf der geblümten Tischdecke vor ihr liegen mehrere Fotoalben, die kleineren haben einen roten Einband. Alte Ordner vom Gericht, erklärt sie. Dort hatte die gelernte Industriekauffrau gearbeitet, und fürs Archivieren seien die besonders praktisch.

Fein säuberlich hat Margarethe Holl die Vergangenheit einsortiert. „Ich habe jedes Spiel dokumentiert“, sagt sie. In ihren Ordnern finden sich Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, Bilder von Spielen, Mannschaften und Meisterschaften, Torjäger-Listen, Tabellen. Auch ihr erster Spielerpass, ausgestellt vom Württembergischen Fußballverband, datiert auf den 16. Januar 1976. Eigentlich, sagt die 75-Jährige, wolle sie gar nicht mehr so viel von damals erzählen. „Sonst denkt jeder, ich hätte die Alben immer griffbereit parat liegen.“

Aus dem Keller hat sie die dicken Bände geholt. Und als Margarethe Holl die ersten Seiten aufschlägt, kommt sie sofort ins Erzählen. „Ich wollte immer Fußball spielen“, sagt sie. Regelrecht fußballverrückt sei sie als junges Mädchen gewesen. In einer Zeit, wo das nicht überall auf Verständnis traf. Wo es sich nicht anschickte, als junge Dame einem Ball hinterherzujagen. In Hosen, im Matsch, gemeinsam mit Jungs. Ob sie körperlich überhaupt dazu in der Lage waren? Das Frauenbild war ein anderes, und der Fußball war Männersport. Das hatte auch der DFB bereits 1955 bekräftigt, als er den Vereinen Verboten hatte, Frauen auf ihren Plätzen spielen zu lassen.

Margarethe Holl machte sich daraus wenig – und übte den Widerstand. Ihr Bruder war Sattler und Ballwart, erzählt sie. Deshalb waren auf dem Dachboden des Elternhauses immer Lederbälle zu finden. „Die habe ich als Mädchen in meiner Schürze geklaut. Und weil ich den Ball mitbrachte, durfte ich dann mit den Jungs mitspielen“, sagt sie. „Später brauchte ich kein Lockmittel mehr. Da war ich so gut wie die Jungs.“ Sie lacht.

Und erzählt von den Anfängen im Ort, der nahe der baden-württembergischen Grenze, in Bayern liegt. Vom Wachtmeister am Amtsgericht, der ihr, der fußballbegeisterten Kollegin, erzählte, dass man in Illertissen Spielerinnen für eine Mannschaft sucht. Von den ersten Plakaten, die im Dorf aufgehängt wurden, dem Training auf dem Platz an der Ulmer Straße, den es heute nicht mehr gibt. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, damals auf dem Land einen Trainer für eine Frauenmannschaft zu finden. Von ihrem Mann, der anfangs als Torhüter aushalf. Von Mitspielerin Sieglinde Schmid, die sie vom Handball- ins Fußball-Tor rekrutierten. Die später wie Anneliese Probst mit ihr, der Stürmerin, die am liebsten die Nummer Zehn auf dem Rücken trug, gemeinsam für Bad Neuenahr spielte. Das Frauen-Trio aus Illertissen in der inoffiziellen Nationalmannschaft. Sie erinnert sich, an die Trikots, die Jugendgröße waren und an die orangefarbenen, die recht eng, körperbetont geschnitten waren. Und an  Mitspielerinnen, die vor Spielen noch zum Friseur gingen. Zu jedem Bild eine Anekdote, zu jedem Artikel eine Geschichte.

„Hier sollten wir einen Spiegel und Lippenstift in die Hand nehmen“, sagt sie und zeigt auf ein Foto, entstanden während der WM in Italien. Reporter machten es sich damals regelrecht zur Aufgabe, Klischees zu bedienen. Frauenfußball wurde belächelt, teils verachtet. Die zwei mal 35 Spielminuten, die wie  Jugendbälle und das Verbot von Stollenschuhen Auflage für die Frauen waren, wurden kaum des Sportes wegen betrachtet: „Die schönere Elf spielte leider zu schlecht“, „Sie träumen von Gerd und Uwe...“ wurde getitelt, regelmäßig wurde über die „Fußball-Amazonen“ geschrieben, dem Schiedsrichter, der das WM-Eröffnungsspiel die Frage gestellt, ob er auf eines der „22 Mädchen nicht das berühmte besondere Auge geworfen“ hätte.

„Die schönere Elf“

Die Vorbehalte waren groß, weit entfernt von Gleichberechtigung. „Der Damenfußball wurde in ein ganz falsches Licht gerückt“, sagt Margarethe Holl. „Und natürlich muss er auch jetzt noch mit vielen Vorurteilen kämpfen.“ An die Zeit erinnert sie sich trotzdem sehr gerne: „Ich habe das immer in Ehren gehalten.“ 1972 gab sie ihre internationale Karriere auf, blieb dem Fußball aber noch einige Jahre treu. Sie spielte im Nachbarort Bellenberg, schoss in 20 Jahren insgesamt 472 Tore in 524 Spiele. Die ehemalige Nationalspielerin trainierte Jugendmannschaften, bevor sie sich aus ihrem sportlichen Engagement zurückzog.

Der deutsche Frauenfußball hat sich in den vergangenen Jahren beachtlich entwickelt. Auf den Europameistertitel 1989 folgen sieben weitere, die Frauen-Bundesliga wird eingeführt, Deutschland wird zweimal Weltmeister. Zahlreiche Spielerinnen trainieren mittlerweile unter Profibedingungen, erstklassige Männer-Vereine holen Frauen-Abteilungen in den Klub. Noch 50 Jahre nach seiner „Legalisierung“ bewegt sich der Frauenfußball zwischen Akzeptanz und Anerkennung, Desinteresse und Belustigung.  Die öffentliche Wahrnehmung steht regelmäßig in der Diskussion, die Vermarktung, mangelnde Zuschauer. Es gibt Lohn- und Leistungsdebatten, die Frage nach Equal-Pay und Equal-Play. Im Jubiläumsjahr  hat der DFB dem Frauenfußball eine Kampagne gewidmet: „50 Jahre, 50 Gesichter“. Der Höhepunkt in dieser Woche, das Länderspiel gegen England, musste wegen Corona abgesagt werden.

„Der Fußball hat sich enorm entwickelt“, sagt Margarethe Holl. Bei den Frauen wie auch bei den Männern, natürlich. „Aber, wir konnten damals auch schon kicken.“

Historie im Zeitraffer


1930 Lotte Specht gründet den 1. Deutschen Damen-Fußball-Club in Frankfurt am Main. Der Deutsche-Fußballbund verweigert jegliche Unterstützung und erkannt den Verein nicht an. Ein Jahr später löst sich der Klub wieder auf.

1949 Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gründet sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu. Frauen spielen im Männerbund keine Rolle.

1955 Der DFB fasst den Beschluss, den Frauenfußball unter seinem Dach zu verbieten. Vereine dürfen keine Damen-Abteilungen haben oder ihnen Plätze für Spiele zur Verfügung stellen. Der DFB droht den Klubs mit Verbandsausschluss.

1956 Der Westdeutsche Damenfußballverband gründet sich und trotzt den DFB-Vorgaben. Es kommt zu einigen internationalen Begegnungen.

1970 Der SC Bad Neuenahr vertritt Deutschland im Sommer bei der ersten, inoffiziellen Weltmeisterschaft in Italien.

1970 Am 31. Oktober hebt der DFB auf seinem Verbandstag in Travemünde das langjährige Frauenfußball-Verbot auf.

1974 In der ARD-Sportschau wird zum ersten Mal ein Treffer einer Spielerin zum „Tor des Monats“ gewählt. Die Zuschauer stimmen für den Treffer zum 3:0 von Bärbel Wohlleben, den sie für den TuS Wörrstadt erzielt – den ersten deutschen Frauenfußballmeister.

1982 Am 10. November findet das erste offizielle Länderspiel der Frauen-Nationalmannschaft statt. Sie gewinnt mit 5:1 gegen die Schweiz.

1989 Den Frauen gelingt der erste Europameistertitel. Bis heute folgen sieben weitere EM-Erfolge und zwei Weltmeistertitel.

1990 Die Frauen-Bundesliga wird gegründet, aufgeteilt in Nord- und Südstaffel. 20 Mannschaften spielen um die deutsche Meisterschaft, unter ihnen der VfL Ulm und der VfL Sindelfingen, die zu den Gründungsmitgliedern zählen.

1999 Zuschauerrekord! Das WM-Finale zwischen China und den USA verfolgen ­insgesamt 90 185 Menschen im Stadion – bis heute Rekord.

2011 Erstmals findet eine Frauen-WM in Deutschland statt. Die DFB-Frauen scheiden im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Japan aus.

2020 Zum DFB gehören laut aktueller Mitglieder-Statistik 9910 Frauen- und Mädchenvereine. 1 126 769 Mitglieder sind weiblich. Der Frauenfußball feiert sein 50-jähriges Bestehen. Deutschland bewirbt sich gemeinsam mit Belgien und den Niederlanden für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2027. dine