Deutscher Meister, Champions-League-Gewinner, Vize-Europameister. Stefan Effenberg hat als Fußball-Profi viele sportliche Schlachten geschlagen – und seine Meinung stets offen geäußert. Im Interview spricht der 52-Jährige über die an diesem Freitag beginnende EM.

Man hat den Eindruck, das Land kommt diesmal nur schwer in EM-Stimmung. Sind Sie es schon?

Stefan Effenberg: Ich freue mich, guten Fußball auf hohem Niveau zu sehen. Also ja, ich freue mich auf das Turnier!

Und wie fanden Sie das letzte EM-Testspiel der deutschen Elf gegen Lettland?

Das war okay. Das Ergebnis war gut. Aber dieses Spiel ist kein Maßstab. Da sollte man jetzt nicht nach besonderen Erkenntnissen suchen. Weil der Gegner einfach zu schwach war. Aber das wissen die Verantwortlichen ja auch.

Die Gruppenspiele haben es für das Team von Bundestrainer Jogi Löw bei dieser EM in sich, oder?

Oh ja. Die Ansetzung macht es schon sehr problematisch für uns. Der erste Gegner ist Frankreich, der Weltmeister und für mich der Top-Favorit in dem Turnier. Dann geht es gegen Europameister Portugal. Die Deutschen müssen vom ersten Tag an 100 Prozent da sein.


Was kommt da auf uns zu?

Gegen einen Gegner wie Frankreich musst du im Kollektiv arbeiten. Da darf keiner abfallen, weil der Gegner so viel Qualität hat. Das gilt vor allem in der Offensive. Bei den Franzosen gibt es gleich mehrere Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Das macht sie so extrem gefährlich. Ganz klar: In diesem Spiel sind wir nicht der Favorit.

Kann das auch ein Vorteil sein?

Ja, finde ich schon. Die Franzosen haben den klaren Anspruch, den Titel zu gewinnen. Von daher können wir ja nur gewinnen (lacht). Wir müssen aber extrem gut verteidigen und die eigenen Chancen, von denen wir wahrscheinlich nicht allzu viele bekommen,  eiskalt verwerten.

Der Bundestrainer setzt in der Abwehr auf eine Dreierkette mit drei Innenverteidigern? Eine gute Lösung?

Es geht nicht darum, ob man mit einer Dreier- oder Viererkette spielt. Darauf würde ich nicht das Hauptaugenmerk legen. Auch drumherum muss auf dem Platz alles passen. Auch die offensiveren Spieler müssen gegen Gegner wie Frankreich mit nach hinten arbeiten. Da darf sich keiner ausruhen. Wenn gegen den Ball intensiv gearbeitet wird, ist auch gegen einen solchen Gegner etwas möglich. Warum auch nicht?

Joshua Kimmich spielt wieder rechts und nicht in der Mittelfeldzentrale. Wie finden Sie das?

Das spricht zunächst mal für Kimmich. Er kann beide Positionen spielen und der Mannschaft weiterhelfen. Andererseits spricht es nicht für die Nationalelf, wenn Kimmich rechts spielen muss, weil es dort keine andere Alternative gibt. Ich persönlich sehe Kimmich lieber im Zentrum. Weil er der Beste dort ist.

Aber für das Mittelfeldzentrum hat Löw viele Alternativen. Ilkay Gündogan, Toni Kroos, Leon Goretzka.

Da haben wir wirklich ein Überangebot. Bei Toni Kroos muss man mal gucken, ob er nach seiner Corona-Erkrankung gegen Frankreich schon wieder voll da ist. Bei einer Europameisterschaft kannst du nur Jungs aufstellen, die hundertprozentig fit sind. Von daher ergibt sich im Verlauf des Turniers das eine oder andere vielleicht von alleine.

Mats Hummels und Thomas Müller sind wieder dabei. Was halten sie davon?

Ich begrüße das sehr. Alles andere hätten die Fußball-Fans ehrlich gesagt auch nicht verstanden. Dass sie bereit waren zurückzukommen, ist, wie ich finde, nicht selbstverständlich. Denn man muss bedenken: Erst wurden sie abgeschoben, dann wurde nach ihnen gerufen.

Was geben die beiden Routiniers dem Team?

Mit Hummels und Müller gewinnst du an Qualität, Erfahrung und Führung. Sie tragen dazu bei, unserem Spiel Stabilität zu verleihen. Und das ist enorm wichtig. Wenn es ums Leistungsprinzip gegangen wäre, hätte übrigens auch Jérôme Boateng nominiert werden müssen.

Das heißt, Hummels und Müller müssen gesetzt sein für die Startformation?

Ja klar, wenn du solche Spieler zurückholst, dann müssen die auch deine Führungsspieler sein und den Ton angeben.

Was ist drin für die DFB-Auswahl?

Nach der WM 2018, die mal so richtig in die Hose gegangen ist, geht es nun darum, wieder Sympathien zurückzugewinnen.

Dafür braucht es Erfolg...

Die Eishockey-Nationalmannschaft (wurde kürzlich WM-Vierter, Anm. d. Red.) und die U21-Fußballer (wurden Europameister, Anm. d. Red.) sind gute Beispiele. Genau so muss man auftreten. Mit dieser Leidenschaft und diesem Willen. Beide Teams waren damit sehr erfolgreich. So kannst du viele Sympathien gewinnen.

Nochmal zu den Chancen der deutschen Nationalelf bei der EM. Ist der Titel möglich?

Ich glaube schon, dass wir die Gruppenphase überstehen. Und dann ist alles möglich. Favoriten sind für mich neben Frankreich Spanien, Belgien auch England und Italien, das seit 27 Spielen ungeschlagen ist. Aber wir müssen uns nicht verstecken. Wir können uns da einreihen und sollten uns nicht zu klein machen. Das wäre auch nicht deutschland-like.

370 Bundesliga- und 35 Länderspiele


Stefan Effenberg hat insgesamt 370 Bundesliga-Spiele für Borussia Mönchengladbach, Bayern München und VfL Wolfsburg sowie 118 für den AC Florenz in der Serie A bestritten. Mit dem FC Bayern gewann Effenberg 2001 die Champions-League. Mit der deutschen Nationalmannschaft, für die er 35 Mal auflief, wurde der Mittelfeldspieler 1992 Vize-Europameister.

Heute ist der 53-Jährige ausgebildeter Fußball-Lehrer und TV-Experte. Am kommenden Sonntag ist Effenberg ab 11 Uhr im „EM Doppelpass“ auf Sport1 zu sehen,