Qualvolle Tage für Joachim Löw. Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes hat nach der 0:6-Schmach in Spanien dem Bundestrainer zwar Rückendeckung gegeben.  Allerdings fordert Präsident Fritz Keller seinen schwer angeschlagenen Coach  auf, dass die Klatsche „gründlich analysiert“ wird und Folgerungen daraus gezogen werden. Ein „einmaliger Blackout“ als Begründung sei nicht ausreichend. Zwei Wochen habe Löw Zeit für eine befriedigende Erklärung. Bis dahin arbeite er nur auf Bewährung, will die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erfahren haben. Löw habe noch keinen „Freifahrtschein“ bis zur EM.

Für den 4. Dezember ist die nächste Präsidiumssitzung anberaumt. Aber was dann? Ein Rauswurf des Weltmeister-Trainers von 2014 erscheint trotz des enormen öffentlichen Drucks ähnlich unwahrscheinlich wie ein Rücktritt von Löw.  Viel deutet darauf hin, dass Löw am 7. Dezember als Bundestrainer die deutschen Lose für die WM-Qualifikation kommentieren wird.

Tipps, was nun zu tun sei, erhielt Löw von seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann. Er müsse jetzt „durch die Gegend fliegen und alle Spieler individuell oder in kleinen Gruppen treffen und viel kommunizieren“. Es sei jetzt „ganz, ganz wichtig“, die absoluten Führungsspieler im Team auf seine Seite zu ziehen, um damit „alle ins selbe Boot zu holen“, sagte Klinsmann dem US-Sender ESPN.

Tipps von Jürgen Klinsmann

Angesichts der Bilder aus Spanien aber stellt sich die Fußball-Nation die Frage, ob Löw überhaupt noch die Energie und Innovationskraft aufbringt, die DFB-Auswahl zu einer erfolgreichen EM zu führen. Per Ferndiagnose konstatierte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus Amtsmüdigkeit beim Bundestrainer. „Seine öffentlichen Statements und Erklärungen sind nicht mehr so klar, deutlich und souverän wie noch vor einigen Jahren. Und das spiegelt seine Mannschaft auf dem Feld wider“, schrieb Matthäus in seiner Sky-Kolumne.

Dass Löw beim 0:6 einmal mehr teils teilnahmslos wirkte und seiner Mannschaft während des Untergangs ein helfendes Coaching verwehrte, nahmen Beobachter als Beleg für die These vom verbrauchten Bundestrainer. Umfragen zeigen, dass Löw kaum mehr Kredit bei den Fußballfans hat (siehe Info).

Die Nachfolge-Diskussion ist daher voll entbrannt. Für die meisten Fans und sicher auch für viele  DFB-Verantwortliche ist Jürgen Klopp der beste Kandidat. Allerdings auch der unwahrscheinlichste.  Als begnadeter Motivator genießt er beim FC Liverpool Heldenstatus – und hat dort einen Vertrag bis 2024.

Thomas Tuchels Kontrakt bei Paris St. Germain läuft hingegen im Sommer aus, von Klubseite gibt es bisher keine Zeichen für eine Verlängerung. Der 47-Jährige gilt manchen als schwierig. An seinen fachlichen Qualitäten würde ein Engagement beim DFB nicht scheitern.

Dasselbe gilt auch für Ralf Rangnick. Er hat den Vorteil, dass er momentan vertraglich nicht gebunden ist. „Grundsätzlich ist das Amt des Bundestrainers für keinen deutschen Trainer ein Amt, das ihn nicht interessiert“, sagte Rangnick vor kurzem. Er würde wie einst Klinsmann den DFB wohl auf den Kopf stellen. Ob das dort bei allen gut ankäme?

Hansi Flick, einst Löw-Assistent, ist mit seiner Aufgabe beim FC Bayern München glücklich und dürfte daher nicht zur Verfügung stehen. Als interne und damit einfachste Lösung böte sich U-21-Coach Stefan Kuntz an.

Aus der Branche erfuhr Löw zuletzt auch Zuspruch. „Im Endeffekt standen da Spieler auf dem Platz, die sehr wohl eine gewisse Qualität und zum Teil auch große Erfahrung haben. Wenn diese Jungs das nicht abrufen, muss man auch mal mit dem Finger auf sie zeigen und nicht nur auf Jogi Löw“, sagte Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg. (mit dpa/sid)

Umfrage: Rote Karte für Löw und Bierhoff


84,0 Prozent aller Teilnehmer an einer repräsentativen FanQ-Umfrage glauben, dass sich Joachim Löw nach 14 Jahren als Bundestrainer verbraucht habe und fordern seinen Rücktritt. 13,3 Prozent wollen, dass Löw bleibt.

85,4 Prozent sprachen sich für ein Comeback des aussortierten Trios Thomas Müller, Jérôme Boateng (beide FC Bayern) und Mats Hummels (BVB) aus. 11,7 Prozent sind der Meinung, dass man den jungen Spielern vertrauen sollte.

73,5 Prozent fordern einen Rücktritt von DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Sie sehen auch bei ihm eine Verantwortung für die sportliche Talfahrt und die Entfremdung zwischen Fans und DFB-Teams. 18,6 Prozent vertrauen Bierhoff.