Für alle, die sich nicht mehr daran erinnern können oder wollen oder noch nicht auf unserem Planeten TV-Unterhaltung geschaut haben: Es gab zwischen 1986 und 1989 eine Show mit Moderator Mike Krüger namens „Vier gegen Willi“. Neben dem ehemaligen Blödelbarden spielte Goldhamster Willi eine Hauptrolle.

Im selben Zeitraum wurden die Weichen für Michael Schumachers grandiose Karriere im Motorsport gestellt. Zwei Jahrzehnte lang war Willi F. Weber Manager des Kerpeners. Der Stuttgarter nimmt für sich in Anspruch, ihn entdeckt, gefördert und zum Rekordweltmeister gemacht zu haben. Nun ist eine Autobiografie des 79-Jährigen auf dem Büchermarkt mit dem Titel „Benzin im Blut“.

Wer sich hoffnungsfroh daran macht, das 300 Seiten starke Buch zu lesen, der kommt sehr schnell zur Erkenntnis, dass dieses Print-Produkt eine Abrechnung ist. Mitunter witzig pointiert geschrieben, trieft aus vielen Seiten die Eitelkeit des Managers, zu welcher der Schwabe steht, die arrogant anmutende Selbstbeweihräucherung und vor allem die schier endlos erscheinende Gier nach Geld und dem Siegen in Macht-Poker-Spielen. Mindestens ebenso schwer verdauliche Lesekost sind die permanenten frauenfeindlichen Einflechtungen im konsequent überzeugenden derben „Proll-Duktus“.

„Bin niemandem böse“

Vorab liefert Weber einen „sachdienlichen Hinweis“ mit der Bemerkung: „Dieses Buch sind meine Erinnerungen. Gut möglich, dass andere die hier geschilderten Begebenheiten anders erinnern.“ Und er schiebt gleich nach: „Aber ich bin niemandem böse, dass er kein so gutes Gedächtnis besitzt wie ich.“

Wer die Motorsport-Karriere Schumachers von Anfang an begleitet hat, der stellt fest, dass einige wichtigen Punkte weggelassen wurden. Der Vorteil daran: Dann wäre das Buch noch umfangreicher geworden.

Nach seiner imponierenden Kart-Karriere holte Schumi als 18-Jähriger in der „Formel König“ 1988 den ersten Titel in einem Monoposto, als er neun von zehn Rennen gewann. Keine Zeile davon im Buch. Im August desselben Jahres traf Weber den jungen Schumi zum ersten Mal am Salzburgring: „Diese Frisur! Diese Tolle! Dieser Seitenscheitel! Aus der Entfernung würde er glatt als schlecht gefönte Prinzessin Diana durchgehen“, frotzelt er.

Derlei Wortwahl und zum Teil noch viel erniedrigender kommt oftmals vor – vor allem bei Gegenspielern im Machtpoker. Zunächst jedoch widmet der gebürtige Regensburger einen großen Teil seiner Kinder- und Jugendzeit: Dem überaus schwierigen Verhältnis zu seinem Vater und der Schule im Allgemeinen, gescheiterten Ausbildungen sowie seinen x-Versuchen, um sonst irgendwie an Geld zu kommen. Weber macht keinen Hehl daraus, dass er es mit der Wahrheit oft nie so genau genommen hat. „Kleine“ Betrügereien wie beim Uhrenhandel 1963 mit amerikanischen Soldaten, um nur ein Beispiel aufzuzählen. „Ich war Kellner, Chauffeur, Obdachloser, Losverkäufer, Barkeeper, Cognac-Vertreter, habe im Teppichladen gearbeitet, eine Oben-ohne-Bar besessen und einen Autohandel betrieben“, blickt der 79-Jährige zurück. Häufig hatte er schon einiges Geld beieinander, schnell war es immer wieder weg – auch weil er sich mit dubiosen Geschäftsleuten eingelassen hatte.

Weber entdeckte seine Leidenschaft für den Motorsport und gründete ein eigenes Formel-3-Team. Da er selbst es nicht zu einem tollen Piloten brachte, überzeugte der permanent unter Strom stehende Stuttgarter den jungen Schumacher, in sein Team zu kommen. Weber werde seine Karriere managen: 80 Prozent für den Fahrer, 20 Prozent für den Manager. Der Startschuss: 1989.

Mit Mercedes tat sich zwei Jahre später eine Chance auf, in der Sportwagenserie namens Gruppe C zu fahren: Schumacher, Heinz-Harald Frentzen und Karl Wendlinger bildeten das Trio der „jungen Wilden“, betreut wurden sie vom ehemaligen Formel-1-Piloten Jochen Maas, den Weber als einen bezeichnet „in der Komfortzone zwischen Legende und Maskottchen“.

Weber leitete den Deal ein, dass Schumacher in Spa 1991 sein Formel-1-Debüt geben kann im Team von Eddie Jordan. Der deutsche Kraftfahrzeugverband (Dekra) und vor allem Mercedes bringen das „Startgeld“ von fast einer halben Million Mark auf. Nicht Willi Weber. Der weitere traumhafte Formel-1-Werdegang Schumachers ist bekannt mit Benetton (WM-Titel 1994 und 1995) sowie Ferrari von 1996 bis 2006. Weber, „nebenher“ Gastronom, ist angekommen in der Luxus-Glamour-Welt.

An negative Momente erinnert Weber vergleichsweise nur kurz. Wer jedoch erlebt hat, wie Schumacher vor der internationalen Presse allein gelassen erklären sollte, wie die „Unterbodenplatten-Affäre von Spa“ zustande kam oder in Silverstone auf Geheiß seines Teamchefs Flavio Briatore die „Schwarze Flagge“ ignorieren sollte, sah einen verzweifelten, einsamen Piloten. Auch weil er für vier Rennen gesperrt wurde. Als im selben Zeitraum Rotlicht-Schlagzeilen auftauchen, da Weber in Böblingen ein Gebäude besitzt, in dem ein Bordell betrieben wird, hat der Manager alle Hände voll zu tun, Schadensbegrenzung zu betreiben. Im Fahrerlager hat er fortan seinen Spitznamen weg (Name der Redaktion bekannt).

Weber bastelte unaufhaltsam weiter an einer Million nach der anderen. Als Michael im August 1995 Corinna heiratete und im Grandhotel Petersberg feierte, wurde die Rechnung durch Exklusivverträge mit Haussender RTL und der Illustrierten „Bunte“ bezahlt. Es folgen zahlreiche Kapitel, wie der Manager weiter Geld vermehrte. „Die Formel 1 ist die Quintessenz des Lebens“, behauptet er und ergänzt: „Es geht um Sex und um Geld.“ Die Geister, die er rief, holten ihn ein, als er auch Ralf Schumacher betreut. An dessen Braut Cora tobt er sich in Formulierungen aus, die nicht in eine Tageszeitung gehören.

Nach Michaels Ferrari-Zeit und insgesamt sieben WM-Titeln endete die Zusammenarbeit. Zwischendurch war Sabine Kehm von Weber als Schumi-PR-Fachfrau angestellt worden für das „Ferrari-Bauernopfer“ Heiner Buchinger. Über diesen wichtigen Vasallen Schumachers verliert Weber keine Zeile. Kehm übernahm die Betreuung des Champions – und als dieser 2010 bis 2012 ein Comeback ausgerechnet bei Mercedes gab, ist Willi raus.

Dass Weber seit Schumachers folgenschwerem Skiunfall im Dezember 2013 keinerlei Kontakt mehr zu Michael hat, trifft den Stuttgarter hart. „Warum darf ich Michael nicht besuchen? Für was werde ich bestraft?“ Wer die Weber-Vita liest, könnte zum Schluss kommen, dass die Antwort einfach ist: Exklusivverträge wären doch die logische Konsequenz, um über Michaels Gesundheitszustand berichten zu lassen und weiter fett zu verdienen, oder?

Irgendwie scheint Weber ein Gefangener zeitlebens im Hamsterrad der Geldvermehrung zu sein. Damit sind wir wieder bei „Vier gegen Willi“. Corinna Schumacher, Sohn Mick, Tochter Gina-Maria und Sabine Kehm haben dies – was Michael anbelangt – gestoppt.